Foto: Jég Erdélymátyás
30.08.2019

Sturz ins Unbekannte, #2 – 2019

Carena Schlewitt im Gespräch mit Kornél Mundruczó

Kornél Mundruczó, einer der wichtigsten europäischen Theater- und Filmregisseure der Gegenwart, und sein Proton Theater zeigen ihre Dramatisierung des 2003 erschienenen Romans „Ljod. Das Eis“ von Vladimir Sorokin, der schonungslos wahnwitzige gesellschaftliche Strukturen und die verzweifelte Suche nach Orientierung offenbart. Die Adaption des Theatermachers Kornél Mundruczó sieht den Roman als eine Metapher für alle Ideologien, die gleichzeitig positiv und negativ sein können, je nachdem wer sie benutzt.

Carena Schlewitt: Warum hast du 2006 den Roman „Ljod. Das Eis“ von Vladimir Sorokin für das Theater adaptiert? Wie war damals die Situation in der ungarischen Gesellschaft?

Kornél Mundruczó: Als wir 2006 dieses Stück einstudierten, gab es in Ungarn große politische Veränderungen und Angst lag in der Luft. Damals hat der ungarische Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány nur einen Monat nach den Wahlen in seiner „Őszöd-Rede“ zugegeben, dass die Sozialistische Partei die Wähler irregeführt habe. Obwohl der Kongress, auf dem er sprach, nicht öffentlich war, war seine Rede durchgesickert und es folgten Massenproteste. Der Vorfall und seine Folgen werden als ein wichtiger Wendepunkt in der postsozialistischen Geschichte Ungarns angesehen. Der wichtigste Satz in „Ljod. Das Eis“ ist: „Hab keine Angst!“ Bei der Arbeit an diesem Roman hatte ich das Gefühl, die Vergangenheit klarer zu verstehen, aber auch den Wunsch nach einem Wendepunkt und einer besseren Zukunft. All dies geschah von einer Position aus, in der wir uns auf den Ruinen der postsowjetischen Welt befanden. Sorokins „Eis“ ist ein wesentliches Material. Es bedeutet, dass alle Ideologien gleichzeitig positiv und negativ sein können, je nachdem, wer sie benutzt und wer sie besitzt. Dies ist eine perfekte Metapher für alle politischen Flügel, aber auch für jede Religion und ihr Funktionieren. Es ist eine Metapher wie in Richard Wagners Ring.

Wie ist Ungarns Verhältnis zur russischen Kunst oder historisch gesehen zur sowjetischen Kunst?

In der sozialistischen Zeit war das Verhältnis sehr aktiv, und es ist auch heute wieder aktiv. Dazwischen gab es eine Pause von etwa 20 Jahren. Am einfachsten ist es, sich die ungarische Kultur als eine Fähre vorzustellen, die zwischen der deutschen und der russischen Kultur hin und her fährt.

Apropos russischer Einfluss: Bulgakow, Dostojewski, Majakowski in der Literatur, Tarkowski, Aleksei German, Eisenstein im Film und viele andere sind für uns wichtige Künstler und große Inspirationen. Ich könnte auch Fernseh- und Kinderfilme erwähnen, die ich bis zu meinem 14. Lebensjahr gesehen habe. Heute hat Russland wieder einen größeren Einfluss auf uns, auch in der offiziellen Kommunikation und in den Medien, was ein Retro-Feeling vermittelt und bestätigt, dass sich die Geschichte ständig wiederholt.

Wie siehst du die Inszenierung heute und wie reagiert das Publikum in Budapest darauf?

Ich würde das Genre von „Das Eis“ als Paranoia-Thriller bezeichnen. Mit einer Geheimgesellschaft von 23.000 Personen, die über den Rest der Welt regieren, ist es ein absolut aktuelles und zeitgemäßes Thema. Einige Bilder in den Medien wirken heute so, als ob man konkrete Szenen von „Das Eis“ sehen würde. Heutzutage herrschen Paranoia, Populismus und Manipulation, aber wir sollten keine Angst haben und uns nicht davon einschüchtern lassen. Deshalb haben wir auch „Das Eis“ in unserem Repertoire behalten, wir spielen das Stück nach 13 Jahren fast mit der Originalbesetzung. Die Produktion gilt in Budapest mittlerweile als legendär. Sie hat ihr eigenes Publikum, ihre Fans und es gelingt ihr, eine junge Generation zu interessieren.

Worin unterscheiden sich für dich die Kunstformen Film, Theater und Performance in deiner Arbeit?

Ich sehe mich hauptsächlich als Filmemacher und Geschichtenerzähler. In Filmen ist es sehr verbreitet, neue Geschichten zu erzählen. Im Theater nimmt man lieber große klassische Werke und interpretiert sie neu. Aber so arbeite ich nicht und deshalb musste ich meinen eigenen Weg zum Theater finden, der mit meiner unabhängigen Company, dem Proton Theatre, eine fortlaufende Reise ist.

Wie ist dein künstlerischer Ansatz für deine Theaterarbeit in Bezug auf „Realität“ und „politisches Theater“?

In meinen Arbeiten gefällt mir die Geste des Zeigens, als Grundlage meiner Darstellung möchte ich Debatten anstoßen, die das Denken der Zuschauer anregen, allerdings nicht mit den bekannten ideologischen Belastungen, Traditionen und Hysterien. Die Darstellung muss immer eine Reaktion hervorrufen, indem sie den Betrachter seines Komfortbedürfnisses beraubt und ihn mit der Frage konfrontiert: Was bestimmt mein Leben? Darauf sollte der Zuschauer eine Antwort geben. Deshalb glaube ich nicht wirklich an „Zeitstücke“ oder den Agitprop-Gedanken des politischen Theaters, da beide kontraproduktiv sind. In unserer Arbeit mit dem Proton Theatre wollen wir uns nicht an die oben genannten Stereotype halten, und wir akzeptieren die Tatsache, dass wir damit außerhalb des Mainstreams liegen. Ein Kunstwerk ist bestenfalls ein Hindernis, das mich stolpern lässt, etwas, das ich nicht überschreiten kann, dann mobilisiert es mich. Und es hat eine stärkere mobilisierende Kraft, wenn die Schöpfung als Objekt vor mir steht, wie ein Monolith oder ein unvermeidliches, unverwüstliches und unbehagliches Material, dessen Leere der Betrachter füllen muss. Es ist ein Sturz ins Unbekannte.