Foto: Sarah-Marleen Methner
03.02.2021

Stadt. Raum. Fluss. Zeitgenössische Perspektiven zur Stadt, #1 – 2021

Im Flächenvergleich bundesdeutscher Großstädte liegt Dresden mit 328,28 km2 nach Berlin, Hamburg und Köln an 4. Stelle. Zum 31.12.2019 stand Dresden mit 563.011 Einwohner:innen im Vergleich bundesdeutscher Großstädte an 12. Stelle. Welche Position wird die Stadt Dresden in diesem Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zwischen Tradition und Innovation, zwischen Regionalität und Internationalität, zwischen Kunst und Hochtechnologie einnehmen? Welches soziale und Gemeinschaftsleben kann sich in Dresden sowohl für die Bewohner:innen als auch die Besucher:innen und temporären Gäste etablieren? Und welches Verhältnis entwickelt die Landeshauptstadt Sachsens zu ihren Nachbarn im ländlichen und regionalen Raum, aber auch in Polen und in der Tschechischen Republik sowie weit darüber hinaus international? Der Schwerpunkt „Stadt.Raum.Fluss.“ markiert den Beginn einer künstlerischen Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen des Stadtraumes Dresden und seiner Umgebung. HELLERAU, selber an der Peripherie zwischen Stadt und Land und in der ersten deutschen Gartenstadt gelegen, widmet sich mit zeitgenössischen interdisziplinären Projekten der Beschäftigung mit urbanen und öffentlichen Lebensräumen. Dabei spielt sowohl der historische Bezug zu den Plattenbauten und Neubausiedlungen der DDR eine Rolle wie auch gegenwärtige Auseinandersetzungen um bezahlbaren Wohnraum und existentielle Ängste um den Erhalt von privaten und öffentlichen Lebensräumen. Dresden hat mit der Elbe und den Elbufern an beiden Seiten den unschätzbaren Wert eines großen öffentlichen Raumes, zugänglich für alle Menschen der Stadt. An diesem Ort realisiert HELLERAU das europäische Projekt „Moving Borders – Arche des unterschätzten Wissens“ und lädt Bewohner:innen und Besucher:innen gleichermaßen zu Kunst und Begegnungen ein.

Teilnehmer:innen von Stadt.Raum.Fluss.
Maximilian Hanisch/Sarah Methner (DE) mit „Plattenbauten – Inseln der Gegenwart“, Prodromos Tsinikoris (GR) mit „Ein Kirschgarten”; Xiao Ke & Zi Han (CN) mit „Republic of Dance“ sowie Margarete Kiss/Leon Lechner (DE) und Kieron Jina (RZ) mit installativen Formaten

Teilnehmer:innen von ARK Dresden: Arche für unterschätztes Wissen
Quarantine (GB) und Katja Heiser/missingdots und Mustafa Hasan (Safy) u.v.a.

Plattenbauten – Inseln der Gegenwart

Kann eine häufig als hässlich diskreditierte Art zu Bauen eine Art ästhetisches Bindeglied zwischen Erfahrungen an verschiedenen Orten der Welt sein und Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammenbringen?

Sarah Methner und Maximilian Hanisch wurden beide kurz vor der Wende in Ost-Berlin bzw. Dresden geboren. Für ihre Generation ist die DDR auf der einen Seite eine ferne Erzählung von Eltern und Verwandten und auf der anderen Seite ein untrennbarer Bestandteil von allem, mit dem sie aufgewachsen sind. So untrennbar, dass den beiden erst vor einigen Jahren wirklich bewusst wurde, dass sie eine Theaterarbeit über diese seltsame ostdeutsche Identität realisieren wollen. Aus dem gemeinsamen Interesse für Architektur und dem Wunsch einer thematischen Engführung entwickelte sich die Idee, etwas scheinbar genuin Ostdeutsches zum Zentrum der Inszenierung zu machen: den Plattenbau.

In der DDR lebte jede:r Vierte im Plattenbau. Und wer nicht dort lebte, kannte jemanden aus der Platte. Für die einen stehen sie heute für Tristesse und sozialen Abstieg. Die anderen verteidigen sie und damit auch ihre Biografien und Erinnerungen. Insbesondere, da sich der Bruch der Wendezeit und die Abwertung ostdeutscher Leistungen auch in der Rezeption der Wohnungen zeigt. Plattenbauten waren zu DDR-Zeiten begehrt und hatten einen positiv klingenden Namen: Neubaugebiete. Wegen der guten Infrastruktur galten sie als Ausweis sozialistischer Leistungskraft und repräsentierten Fortschritt und Modernität. Die Idealstädte der Großtafelbauweise hatten auch eine starke Symbolkraft: So wie die Gebäude am Reißbrett geplant werden konnten, sollte auch das sozialistische Miteinander in allen Lebensbereichen realisiert werden.

Plattenbausiedlungen sind wegen der Einfachheit des modularen Bauens extrem verbreitet. Es gibt sie auf der ganzen Welt von Moskau über Paris nach Kopenhagen. Und auch an Orten, an denen man sie aus europäischer Perspektive nicht erwarten würde, zum Beispiel in Mexiko oder Vietnam. An all diesen Orten haben Menschen sich an die Gebäude angepasst, sie umgenutzt und sich angeeignet. Und selbst wenn nur wenige Siedlungen eine direkte architektonische Verbindung zur ehemaligen DDR haben und auch nicht alle modular gebaut wurden, löste die äußerliche Ähnlichkeit der Gebäude bei Methner und Hanisch jedes Mal eine Verbindung zum Osten aus.

Könnte die Austauschbarkeit und Ähnlichkeit der Plattenbauten eine Chance sein, eine ostdeutsche Idee von Heimat und Identität nachhaltig neu zu denken? Könnte der Plattenbau ein Tor zur Welt sein, in der es möglich ist, Geschichte als etwas Gemeinsames zu begreifen? Denn die Platten sehen sich ähnlich, aber mit jeder Wohnung sind andere und einzigartige Biografien verbunden. Auch die Symbolik von Plattenbauten ist nicht universell. Der Blick auf sie ist geprägt von verschiedenen Faktoren wie z.B. der Wirtschaftsleistung des jeweiligen Landes, der jeweiligen Narrative von Regierungen, privaten Akteur:innen, Bewohner:innen und Architekt: innen, der Lage der Siedlungen und ihrer äußeren Beschaffenheit:

Marzahn-Hellersdorf, Europas einst größten Plattenbaugebiet liegt in Sarah Methners Heimatstadt Berlin. Vor 40 Jahren sollte hier der Traum von der Gleichheit aller Menschen mithilfe von sozialistischer Stadtplanung verwirklicht werden. Ab 1977 wurden hier 60.000 Wohnungen errichtet und dankbar von der Ostberliner Bevölkerung angenommen. Seit der Wende leidet das Image des Bezirks. Nach wie vor schafft es Marzahn nicht, auch Besserverdienende, Kulturschaffende oder Akademiker:innen anzuziehen. Sie bevorzugen die Altbauten im Zentrum oder Einfamilienhäuser am Stadtrand.

Obwohl sich die Form und Bauweise der Gebäude gleicht, werden Plattenbauten in Städten wie Shanghai und Hong Kong, in denen Max Hanisch längere Zeit lebte, völlig anders wahrgenommen. Sie befinden sich auch nicht am Stadtrand wie die Stadtteile Gorbitz und Prohlis in Max’ Heimatstadt Dresden, sondern direkt in den Zentren. Die Gebäude passen in die Erzählung des sozialen Aufstiegs der chinesischen Bevölkerung, der von einer großen Migrationsbewegung vom Land in die Stadt geprägt ist. Plattenbauten stehen im Vergleich zu den Häusern auf dem Land für eine bessere Infrastruktur und Fortschritt – wie einst in der DDR.

Einen vorbereitenden Teil der Theaterarbeit haben Methner und Hanisch durch ihre Recherchereisen und den Kontakt mit Theaterhäusern in verschiedenen Ländern weltweit geleistet. Im Austausch mit Interviewpartner:innen waren beide immer wieder erstaunt über eine Art produktive Irritation – egal ob sie mit Menschen aus Moskau, Hong Kong oder Basel sprachen: Sie hörten jedes Mal bekannte Geschichten, die ihnen gleichzeitig fremd waren. Der Plattenbau wurde zum Kristallisationspunkt. für Weltpolitik, Familiengeschichte und das alltägliche Drama des Wohnens. Die Gesprächspartner:innen waren wiederum positiv irritiert, wenn Methner und Hanisch erzählten, was sie an dem Thema bewegt.

Ein Kirschgarten (AT)
Von Martin Valdés-Stauber

Bei Tschechow passiert zwar nichts, aber es geschieht alles. Von Anfang an erscheint das Ende des Kirschgartens und der soziale Abstieg der Protagonist:innen zwangsläufig. Auswege werden abgetan.

Was aber passiert tatsächlich mit der Familie Ranjewskaja, wenn das Stück zu Ende ist? Der Regisseur Prodromos Tsinikoris spürt den Schicksalen von Liouba, Anja, Warja und Gajew nach und dokumentiert nicht nur deren Verlust, sondern vor allem, wohin dieser soziale und biografische Bruch die lieb gewonnen Figuren führt. Tschechows Kirschgarten liefert einen kurzen Ausschnitt aus ihrem Leben und zeichnet sie als bereits verurteilte Gestalten. Wer sind diese Typen jenseits von Tschechows Text? Wie entwickelt sich aus heutiger Sicht das Leben der drei Frauen Ljuba, Varia, Anja? Wie sieht die Zukunft des Kirschgartens aus? Wird er abgeholzt, um Ferienwohnungen zu bauen? Sollen diese als Rückzugsorte während einer Pandemie dienen oder als Verschnaufplätze für eine erschöpfte (zentraleuropäische) Leistungselite? Wer verbringt wie den Lockdown? Wem gehört die Stadt?

Die Auseinandersetzung mit Tschechows Kirschgarten zwingt eine Diskussion um Eigentum und Kapitalismus auf. Die griechischen Künstler:innen wissen nur zu gut, was es bedeutet, seinen Kirschgarten aufzugeben: Sie alle kennen den Druck auf dem Wohnungsmarkt, verursacht durch internationale Großanleger, sich ändernde Räumungsgesetze und Privatpersonen, die sich ihren Platz im Süden sichern wollen. Gute Lage, gutes Wetter, billige Preise. Um sich steigende Mieten zu leisten, müssen viele Menschen (in Athen, aber auch andernorts im europäischen Süden) ihre Wohnung auf Airbnb anbieten – und werden dadurch selbst zu Preistreiber:innen und Gentrifizierer:innen. Die gegenwärtige Pandemie setzt diese Entwicklung nur kurzzeitig aus und setzt an ihre Stelle eine andere, krisenhafte Situation. Die Normalisierung der epidemiologischen Lage wird auf dem Wohnungsmarkt den Ausnahmezustand erneut herstellen und wieder zu Zwangsräumungen führen. Passend zum Schwerpunkt „Stadt.Raum.Fluss.“ setzt sich die neue Arbeit von Prodromos Tsinikoris, in einer Verschränkung von literarischer Auseinandersetzung und dokumentarischer Arbeit, mit dem Recht auf Stadt, den Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sowie dem Schicksal der Betroffenen auseinander.