© Tom de Peyret
21.01.2019

POST-INTERNET-TANZ Aus dem virtuellen Raum in die Realität und zurück, #1 – 2019

“Post-Internet-Kunst geht von Künstler*innen aus, die in den sozialen Medien ihr Zuhause sehen und deren Abhängigkeit von Suchmaschinen inzwischen unumkehrbar ist, die ein Macbook als Studio nutzen und ihr Smartphone immer in Reichweite haben. (…) Wir können in diesem Sinne auch nachvollziehen, dass es eine ewige Hin- und Herbewegung zwischen Realität und Virtualität gibt.” Benoit Lamy de la Chapelle, “De l’art post-internet”

Der Begriff „Danse Post-Internet“ oder Post-Internet-Tanz ist eine Neuschöpfung von (LA)HORDE , die sich auf den gleichnamigen Begriff im Bereich der zeitgenössischen Kunst bezieht. Der Begriff „Post-Internet“ bezeichnet unsere Praxis sehr genau. Wir kreieren neue Gesten und Choreografien, die nicht an einen bestimmten Zeitrahmen gebunden sind, und sich auch nicht nur von YouTube-Videos inspirieren lassen. „Post-Internet“ bedeutet in unserem Fall, dass der Körper sowohl in virtuellen als auch in realen Räumen auf je unterschiedliche, aber vergleichbare Weise agiert. Aus tänzerischer Sicht hat dieser neue Raum des Selbstausdrucks viele Menschen dazu veranlasst, sich zu Hause zu filmen, zu tanzen und dann die Videos in den Sozialen Medien zu teilen, was eine sehr starke, mutige Aussage in Bezug auf die Repräsentation von sich selbst ist. Die Post-Internet-Kunst hat es uns auch ermöglicht, Zugang zu sehr spezifischen Tänzen zu erhalten, wie z.B.: traditionelle Tänze, Tutorials oder Tänze, die im Internet geboren wurden, wie eben der Jumpstyle, auf den wir uns gerade konzentrieren.

Jumpstyle ist ein Electro-Dance-Stil und Musikgenre, das heute in Osteuropa sowie in einigen Teilen Australiens und den Vereinigten Staaten sehr beliebt ist. Jumpstyling wird oft als „Jumpen“ bezeichnet: eine Kombination aus dem englischen Wort „Jump“ und dem niederländischen und deutschen Suffix „-en“. Jumpstyle entstand 1997 in Belgien, wurde aber in den 2000er Jahren in seinem Nachbarland, den Niederlanden, sehr beliebt.

Der Jumpstyle ist auch ein Tanz, den man im Internet entdecken kann und der meist allein im eigenen Zimmer geübt wird. Er ist sehr intensiv und körperlich anstrengend für die Tänzer*innen, eine Jumpstyle-Sequenz dauert nur etwa 25 Sekunden. Die „Jumper*innen“ mobilisieren dafür all ihre verfügbare Energie, um eine Improvisationssequenz zu durchlaufen. Das Ergebnis ist ein sehr kraftvoller Stil, der direkt gegen die eigene Frustration angeht. Am Ende eines Solos sind die „Jumper“ außer Atem, aber auf eine friedvolle Art, voll innerer Kraft, Ruhe, Selbstvertrauen und Trotz.

Die „Jumper*innen“ filmen ihre Choreografie und veröffentlichen sie im Internet, um ihre Leidenschaft, aber auch ihren Fortschritt mit ihrer Community zu teilen. Die Schritte, denen die „Jumper*innen“ folgen, sind meist dieselben: Die ersten Videos werden direkt in den Jugendzimmern gedreht, dann folgen die Wohnzimmer oder andere größere Bereiche, dann ziehen sie in den öffentlichen Raum. Hier kann man die Entwicklung von privat zu öffentlich leicht erkennen. Diese Praxis verbreitet sich dann in sozialen Netzwerken, in denen die Community mit Kommentaren reagiert und eigene Videos hinzufügt. In Online-Turnieren und virtuellen Kämpfen werden Ligen gebildet, Gruppen treten gegeneinander an und treffen sich in verschiedenen Städten Europas.

In der Zusammenarbeit mit der Community und den Tänzer*innen ist uns immer klar, dass wir mit realen Vorgängen arbeiten und sie in eine (Theater-) Fiktion verwandeln. Es ist uns ethisch und politisch sehr wichtig, diese kulturelle Aneignung zu benennen, wenn wir mit einer bestehenden Gemeinschaft zusammenarbeiten. Die „Jumper*innen“, die selbst choreografieren und tanzen, betrachten uns als Analyst*innen ihrer Bewegung. Sie wissen, dass wir sie respektieren und mit ihnen zusammenarbeiten, damit wir gemeinsam eine neue Geschichte schreiben können – eine Fantasiewelt, in der Jumpstyle das Zentrum bildet.

“TO DA BONE” ist Teil eines langfristigen Projektes, das (LA)HORDE vor einigen Jahren mit der Hardcore-Szene begonnen hat. Aus diesen Themen entstanden zuvor bereits zwei Produktionen. „TO DA BONE“ wurde mit „Jumper*innen“ aus Frankreich, Kanada, Ungarn, Holland, Polen und der Ukraine erarbeitet. Alle Beteiligten wurden zu mehreren Residenzen in unterschiedlichen Ländern eingeladen, um abseits des virtuellen Raums gemeinsam neue Inspirationen und Stile auszuprobieren.

Das Kollektiv (LA)HORDE wurde im Jahr 2011 von den Künstler*innen Marine Brutti, Jonathan Debrouwer und Arthur Harel gegründet. (LA)HORDE ist ein facettenreiches kreatives Kollektiv, das sich mit Inszenierung, choreografischer Gestaltung, Filmproduktion, Videoinstallation und Performance beschäftigt. Durch die Erforschung verschiedener künstlerischer Ansätze, insbesondere in den Bereichen Live Art und zeitgenössische Kunst, zielt (LA)HORDE darauf ab, Werke zu schaffen, die unabhängig von der jeweiligen medialen Plattform kreativ und kulturell relevant sind.