Foto: Marco Borggreve
14.01.2020

All dies tut weh – Dies Irae Patricia Kopatchinskaja (MD) & Orchester des Wandels (DE), #1 – 2020

Die Kunst ist immer ein Kind ihrer Zeit. Bach und Bruckner schrieben aus Gottgewissheit. Haydn schuf eine Gegenwelt zum Chaos und Unglück der Welt. Beethoven komponierte in der Hoffnung auf das neue Zeitalter der Weltverbrüderung. Aber was ist mit uns? Was hat die Kunst zu unserer Zeit zu sagen? Unsere Zeit steht vor einer nie geahnten Bedrohung der globalen Erwärmung. Viele Menschen und vor allem viele Mächtige wollen das nicht wahrhaben. Aber unsere besten Wissenschaftler*innen sagen, dass die Erwärmung ohne Gegenmaßnahmen zur Selbstverbrennung des Planeten führen wird. Und die bisherigen Gegenmaßnahmen sind halbherzig und ungenügend. Die jetzt schon zu beobachtenden Dürren, Hungersnöte, Staatszusammenbrüche und Massenmigrationen sind nur ein schwaches Vorspiel dessen, was in den nächsten Jahrzehnten zu erwarten ist: Ganze Erdteile sind bedroht, Ressourcenkriege werden sich weiter ausbreiten, Millionen Menschen werden sich auf die Wanderschaft machen, und vielleicht kommt ein Ende der Zivilisation und der Welt, wie wir sie kannten … Wie können Musiker*innen ihre Betroffenheit über diese Zustände ausdrücken? Seit dem Mittelalter war das „Dies irae“ der musikalische Ausdruck der Endzeit, von jenem „Zorn Gottes“, der sich im Jüngsten Gericht entlädt. Eine zeitgemäße Fassung des „Dies irae“ hat Galina Ustwolskaja 1972/73 noch in der alten Sowjetunion komponiert: Das Klavier schlägt brutale, dissonante Cluster, acht Kontrabassisten wiederholen erstickende Phrasen – sie sehen aus wie Totenvögel. Im Zentrum steht die von Ustwolskaja erfundene und mit einem Hammer zu traktierende Holzkiste. Diese ausweglose und verzweifelte Schicksalsmusik ist das Kernstück und der Höhepunkt meines Programms. Es beginnt mit Giacinto Scelsis „Okanagon“: Monotone, dürre Klänge werden von Tamtam-Rhythmen unterbrochen, die jedoch ermüden und wieder absterben – die Dürre duldet keine Menschen mehr. Hören Sie den Herzschlag der Erde? Ist da noch was? Das sind Ihre Schritte auf der Erde – Jorge Sánchez-Chiong hat sie zu Soldatenschritten verarbeitet. Auf dem Weg zu diesem Jüngsten Gericht kommt es zu Kriegen, im Programm versinnbildlicht mit Heinrich Ignaz Franz Bibers barockem Schlachtengemälde „Battalia“. Zwischen den Sätzen sind zwei Werke eingeschoben, die als Reaktion auf den Vietnamkrieg entstanden sind: George Crumbs Streichquartett „Black Angels“ und, als Video, Jimi Hendrix‘ Gitarrenimprovisation über „The Star-Spangled Banner“. All dies tut weh. Der erste Satz des Violinkonzerts von Michael Hersch ist eine offene Wunde, es gibt nichts zu beschönigen. Antonio Lottis Crucifixus steht für den Leidensweg, auf dem Erlösung von den Menschen nicht mehr erwartet werden kann. Die Improvisation über den 140. Psalm ruft Gott als letzte Zuflucht an. Zum Höhepunkt, Ustwolskajas „Dies irae“, führt Scelsis „Anagamin“ für dreizehn Instrumente: ein banges, ungewisses Warten zu unheimlichen, verfälschten, sich kaum verändernden Tönen. Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Patricia Kopatchinskajas Entdeckerfreude und Repertoire als Violinistin, Kammermusikerin und Solistin reicht von Barock über Klassik, Romantik und Moderne bis zu Uraufführungen. Beginnend mit ihrem ersten Klimakonzert in Berlin im Jahr 2012 erweitert Kopatchinskaja ihre Konzerte immer wieder durch Kontext und Inszenierung. Das Hamburger Projekt „Bye-Bye Beethoven“ mit dem Mahler Chamber Orchestra stellte den erstarrten Konzertbetrieb in Frage, und wurde inzwischen in den USA und England wiederholt. Die Aufnahme „Der Tod und das Mädchen“ mit dem Saint Paul Chamber Orchestra gewann 2018 einen Grammy. Das Projekt „Dies Irae“ wurde 2017 beim Lucerne Festival erstmals aufgeführt. Die Staatskapelle Berlin gehört mit ihrer seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Tradition zu den ältesten Orchestern der Welt. 2009 riefen die Musiker*innen der Staatskapelle Berlin das „Orchester des Wandels“ und die Stiftung NaturTon ins Leben, für die sie regelmäßig Konzerte spielen und deren Erlös internationalen Umweltprojekten zugute kommt.