30.08.2019

Once again I fall into my feminine ways., #2 – 2019

„4:3 Kammer Musik Neu“ stellt Musik ins Zentrum und besetzt, verbindet und befragt Räume – musikalische, architektonische oder auch gesellschaftliche, private und politische. 2019 stehen mit Rebecca Saunders und Ragnar Kjartansson zwei Künstler*innen im Fokus, die einerseits sehr verschiedene künstlerische Ansätze und Sprachen entwickelt haben, mit ihren Arbeiten „Stasis“ bzw. „The Visitors“ aber eindrucksvoll auch gemeinsame Themen beleuchten: Welche Räume eröffnet oder entwickelt Musik, welche Rollen übernimmt ein Publikum, wie prägt es den Raum und die musikalische Situation?

„Stasis“ von Rebecca Saunders ist das am breitesten angelegte Werk einer Serie von Kompositionen, die sowohl der Verräumlichung verschiedener Musiker*innen als auch der formalen Verbindung und Collage einzelner Kammermusikstücke nachgeht. Sechzehn Musiker*innen sind in Kammermusikgruppen verschiedener Besetzungen aufgeteilt, horizontal und vertikal postiert und befinden sich teilweise außerhalb des Aufführungsraums. Jedes der unabhängig komponierten Module erforscht eine streng reduzierte Klangpalette. Verschiedene musikalische Fäden werden formal verbunden und erzeugen ein komplexes polyphones Gewebe von Klangflächen: Eine Klangskulptur wird in den Aufführungsraum projiziert. Ein abstraktes Musiktheater entsteht, in welchem die Musiker*innen die Protagonist*innen in einem gemeinsamen musikalischen Umfeld oder einer gemeinsamen Klanglandschaft sind.“ So beschreibt Rebecca Saunders ihr Werk und kommt dann auf die Kurzgeschichte „Still“ von Samuel Beckett zu sprechen. „Den Kopf dem Sonnenuntergang zugewandt, betrachtet der ungenannte Protagonist das Hereinbrechen der Nacht, die anwachsende Dunkelheit; den Kopf langsam und behutsam von den Händen gestützt, wartet er, während sich die Dunkelheit ausbreitet, auf einen Klang. Die Metaphern von Dunkelheit und Licht, Schweigen und Klang, Bewegung und Stille durchdringen das zerbrechliche Gefüge seiner Sprache. Wie in alle Ewigkeit gedehnt ist die zeitlose Melancholie, die kurz, hart und ehrlich ist und dennoch durchdrungen von Menschlichkeit und Zärtlichkeit. Eine Stasis; der menschliche Körper verharrt im Zustand der Erwartung, zitternd.“

Der isländische Performancekünstler Ragnar Kjartansson ist Filmemacher, Maler, Bildhauer und Musiker – und ein Magier der Langsamkeit und Wiederholungen. In „Raw Salon: Ein Rohspiel“ spielte er an der Berliner Volksbühne zusammen mit Schauspielern über fünf Stunden 27 Variationen einer Szene, in „Krieg“ ließ er einen Schauspieler eine Stunde lang verschiedenste Tode sterben, anlässlich der Biennale in Venedig 2009 malte er in einem baufälligen Palazzo am Canale Grande über sechs Monate jeweils täglich ein Porträt seines Freundes.

Ragnar Kjartanssons elegische Videokomposition „The Visitors“, die nach Stationen u.a. in Zürich, Wien, New York, Los Angeles oder Mailand jetzt auch in HELLERAU zu erleben sein wird, ist eine Hymne an die romantische Liebe und ihr bitteres Scheitern und eine Hommage an die Lieblingsband des Künstlers der 1970er Jahre – ABBA – deren namensgleiches Album 1981 das Ende ihrer Karriere einleitete. Das festliche Zusammentreffen einer eklektischen Gruppe von Musiker*innen und Kjartanssons engsten Freund*innen in der verfallenen Rokeby Farm in Upstate New York wird zum phantasmagorischen Hintergrund für die Inszenierung einer zutiefst melancholischen musikalischen Performance. Basierend auf der Vertonung des Gedichts „Feminine Ways“, das von Kjartanssons früherer Partnerin Ásdís Sif Gunnarsdóttir stammt, zeigt das kinematografische Tableau neun Protagonisten, die den Song in jeweils separaten Settings auf neun in einem Raum angeordneten großen Videoflächen vortragen:

A pink rose, in the glittery frost, a diamond heart, and the orange red fire
Once again I fall into my feminine ways
You protect the world from me, as if I’m the only one who’s cruel, you have taken me, to the bitter end
Once again I fall into my feminine ways.

Rokeby Farm am Hudson River ist Teil eines Landstrichs historischer Anwesen, deren Bauten bis in die Kolonialzeit zurückgehen und vor allem Landadel, Industriemagnaten und notorische Persönlichkeiten anzogen, die dort ihre verschwenderischen Güter bauten. „The Visitors“ hält den ausgedehnten Moment fest, in dem Kjartansson und seine Begleiter*innen das feudale Herrenhaus der Rokeby Farm mit ihrer Vorführung vereinnahmen. Angezogen vom romantischen Flair der Verwahrlosung und den exzentrischen Bewohner*innen des Hauses inszenieren Kjartansson und seine Gäste ein “feminines, nihilistisches Gospellied” – Kjartanssons ureigenes Genre musikalischer Widersprüche. Sie nehmen verschiedene Innen- und Außenräume ein, jeder und jede von ihnen besetzt eine distinkte, höchst malerische Kulisse, spielt ein jeweils anderes Instrument und singt, wie zu sich selbst, die Melodie des Liedes. Erst im Ausstellungsraum werden die neun individuellen Interpretationen zu einer harmonischen Orchestrierung und zu einem räumlichen Gesamtbild vereint, in dem sie gleichzeitig auf neun Videoleinwänden im Raum zu erleben sind. Das Publikum – und nur das Publikum – kann so die einzelnen Stimmen als Zusammenklang erleben und wird Zeuge eines permanenten Zustands von Vergänglichkeit und Unbeständigkeit, eines virtuellen Raumes von Gemeinschaft, eines geheimnisvollen musikalischen Raumes der Melancholie, Schönheit und Sehnsucht.