Der Mythos HELLERAU speist sich aus der Vision des Handwerkers und Unternehmers Karl Schmidt, der die Deutschen Werkstätten Hellerau gründete und mit der Wohnsiedlung Hellerau 1909 auch die erste deutsche Gartenstadt ins Leben rief. Und er speist sich aus der großartigen Wirkung des Festspielhauses - seiner Architektur ebenso wie seiner Ausstrahlung als Kunstort der Moderne. Inspiriert von den Lebensreformgedanken des ausgehenden 19. Jahrhunderts entwickelte sich HELLERAU schnell zu einem "Laboratorium der Moderne". Wenn dieses Laboratorium auch nur für die kurze Zeit - von 1911 bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges - Bestand hatte, so reichten diese Gründerjahre doch dazu aus, eine bis heute andauernde Strahlkraft zu entfalten. Hellerau gilt bis heute als Inspirationsquelle für die Architektur, den Ausdruckstanz, moderne Designformen und als Wiege der Rhythmikausbildung.

1911 wurde das Festspielhaus Hellerau nach einem Entwurf des Architekten Heinrich Tessenow erbaut. Tessenow setzte damit die Visionen des Bühnenbildners Adolphe Appia und des Musikpädagogen Emile Jaques-Dalcroze in ein Raumgefüge um, das durch seine Klarheit und funktionale Struktur richtungsweisend für die Moderne wurde. Dieser Bau war ein visionärer Gegenentwurf zu jeglichen traditionellen Theaterbauten: Der von Appia konzipierte Saal mit versenkbarem Orchestergraben, frei installierbaren Bühnenelementen und Zuschauersitzreihen enthielt keine festen Einbauten, weder Bühne noch Vorhang – eine „Kathedrale der Zukunft“ (Appia), in der Zuschauer und Darsteller zu einer geistigen und sinnlichen Einheit verschmelzen sollten. Besonderes Faszinosum aber war das von dem georgischen Maler und Bühnengestalter Alexander von Salzmann entwickelte Lichtkonzept. Decke und Wände waren mit weißen gewachsten Tuchbahnen ausgekleidet, hinter denen tausende von Glühlampen ein diffuses, immaterielles Licht erzeugten und den von jeglichen Naturalismus befreiten Raum in Transparenz und Transzendenz tauchten. Ein Gegenentwurf zur bisherigen Tanz- und Theatertradition waren auch die Lehren Émile Jaques-Dalcrozes: In deren Zentrum steht der „bewegte Mensch“, der durch die gezielte Ausbildung seiner rhythmischen Fähigkeiten zu einem ganzheitlichen Individuum erzogen wird, der Kunst, Arbeit und Leben in sich vereint, der nicht nur „weiß“, sondern auch „empfindet“. Wolf Dohrn, enger Freund von Karl Schmidt, hatte Émile Jaques-Dalcroze kennengelernt und nach Hellerau geholt. Die neugegründete Bildungsanstalt wurde schnell zu einem großen Erfolg: Schon im Oktober 1910 begann Dalcroze mit dem Unterricht; zunächst waren es vor allem Schweizer Schüler, die er mit nach Dresden gebracht hatte, doch schon im nächsten Schuljahr kamen Eleven aus der ganzen Welt zusammen. Unter ihnen auch die junge Mary Wigman, die seine Lehren später in ihrem Sinne weiterführte. Beim ersten öffentlichen Schulfest Ende Juni/Anfang Juli 1912, Festspiele genannt, führten die Schüler vor 500 Journalisten und mehr als 4000 Zuschauern Szenen aus Glucks "Orpheus und Eurydike", außerdem Improvisationen und Gruppenübungen vor. Bei den zweiten Festspielen ein Jahr später erlebten dann 5000 Zuschauer die Gesamtaufführung von "Orpheus und Eurydike" - unter ihnen G.B. Shaw, Oskar Kokoschka, Stefan Zweig, Max Reinhardt; auch Franz Werfel, Rainer Maria Rilke, Paul Claudel, Gerhart Hauptmann und viele andere europäische Intellektuelle besuchten das Festspielhaus. Der radikal andere Inszenierungsansatz im Festspielhaus, der den Bühnengepflogenheiten der Semperoper im Zentrum Dresdens diametral entgegen stand, sorgte - neben Ablehnung - für große Begeisterung und für europaweite Aufmerksamkeit. Damit wurde Hellerau, unmittelbar neben der Residenzstadt Dresden gelegen, zu einem Zentrum der europäischen Moderne.

Nach nur drei Jahren endete diese Glanzzeit. Mit dem plötzlichen Tod Wolf Dohrns im Februar 1914 fehlte Hellerau der unermüdliche Motor, Geldgeber und Visionär. Émile Jaques-Dalcroze und Adolphe Appia kehrten im Sommer 1914 nach einem Aufenthalt in der Schweiz nicht nach Hellerau zurück. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges verließen die internationalen Schüler die Bildungsanstalt. Aber auch finanzielle Aspekte spielten eine Rolle; so verursachte Alexander von Salzmanns geniales Beleuchtungssystem enorme Energiekosten. 1915 ging die Bildungsanstalt in Konkurs. Und doch wurde in Hellerau weiter unterrichtet und mit neuartigen Schulformen experimentiert. Der einflussreiche englische Pädagoge Alexander Sutherland Neill etwa gründete hier einen Vorläufer seiner berühmten „Summerhill“-Schule. Die Lehre Dalcrozes wurde durch Zweigstellen seiner Schule und deren Schüler nicht nur in Dresden und Europa, sondern in der ganzen Welt verbreitet. 1938 wurde das Festspielhaus zur Polizeischule umgebaut - der Rhythmikunterricht war schon Jahre vorher zum Erliegen gekommen - die Pensionshäuser, die das Festspielhaus umgaben, wurden abgerissen und durch Militärkasernen ersetzt. Später nutzte die Waffen-SS Gebäude und Gelände. Nach 1945 diente das Festspielhaus der sowjetischen Armee als Lazarett und später als Kaserne und Sporthalle für Fallschirmjäger. Obwohl das Gebäude 1979 in die Zentrale Denkmalliste der DDR eingetragen wurde, blieb das Festspielhaus den staatlichen Behörden und der Öffentlichkeit verborgen. Hellerau geriet beinahe in Vergessenheit.

Nach dem Abzug der letzten Soldaten der sowjetischen Armee begannen die ersten Initiativen mit der kulturellen Wiederbelebung und Wiederaneignung des traditionsreichen Ortes. Das Festival „Theater der Welt“ unter der Leitung von Hannah Hurtzig spielte 1996 großes Welttheater im Festspielhaus. Mehr und mehr Institutionen siedelten sich auf dem Gelände an, Pläne für die Restaurierung entstanden, ein Architekten-Wettbewerb wurde ausgeschrieben. 2002 zog das Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik auf das Festspielhausgelände und wurde zum 1. Januar 2004 in das Europäische Zentrum der Künste Hellerau umgewandelt. Mit Mitteln des Freistaates Sachsen wurden zunächst die Innenräume des Festspielhauses nach Plänen des Münchner Architekten Josef Meier-Scupin entsprechend den Ideen Tessenows wiederhergestellt und nach zweijähriger Bauzeit am 7. September 2006 wiedereröffnet. Seit 2003 ist das Tanztheater DEREVO fest in HELLERAU ansässig, 2004 bekam die Forsythe Company hier eine feste Residenz. Seit 2009 wird das Haus nun wieder ganzjährig bespielt. Mit der Fertigstellung der Fassade im Oktober 2011 ist die Sanierung des Festspielhauses abgeschlossen.
Unter der künstlerischen Leitung von Dieter Jaenicke knüpft HELLERAU nun an die Glanzzeit der ehemaligen Festspiele an. Immer mehr entwickelt sich der Ort wieder zu einem der wichtigsten Zentren zeitgenössischer Künste in Deutschland und Europa. Der Schwerpunkt liegt vor allem auf zeitgenössischem Tanz und zeitgenössischer Musik, aber auch moderne Theaterformen und die zeitgenössische bildende Kunst haben hier eine Bühne - HELLERAU ist erneut "Laboratorium der Moderne."