Theatergruppe missingdots: Julia Amme, Nora Otte, Nora Schott und Svea Duwe; Foto: René Zieger
14.01.2020

„You’re stuck“ – André Schallenberg im Gespräch mit missingdots, #1 – 2020

In ihrer Produktion „Land ohne Worte“ inszeniert die Dresdner Künstler*innengruppe „missingdots“ ein Stück von Dea Loher mit den Künstlerinnen Julia Amme, Svea Duwe, Nora Otte, Nora Schott und Kristin Mente. Die preisgekrönte Autorin Dea Loher verarbeitet in ihrem Text von 2007 eine Reise nach Afghanistan, die sie unter dem Eindruck des seit 2001 neu entflammten Krieges unternommen hatte.

Wie seid Ihr auf diesen Text gekommen und weshalb interessiert es euch, mit ihm zu arbeiten?

JA: 2015 hatte ich ein Pflegekind zu Hause, einen jungen Afghanen. Zeitgleich las ich diesen Text von Dea Loher und dachte: Das passt jetzt! Ich erlebe diesen Krieg nicht unmittelbar, aber bis heute ist er über die Geschichten, die täglich in meiner Küche erzählt werden, immer präsent. Dieser Text spiegelt für mich eine Fassungslosigkeit, die ich sehr stark empfinde.

SD: Wir sind mit diesen Kriegsbildern so übersättigt und überfordert, auch mit unserer Verantwortung dafür. Auf der anderen Seite haben wir kaum Möglichkeiten, adäquat darauf zu reagieren. Genau diese Problematik steckt für mich in dem Text. Die Bilder treffen und berühren uns, aber wir sind nicht wirklich involviert.

Wie reagiert der Text auf diese Übersättigung?

NO: Der Text ist ein Schrei nach Reduktion. Dea Loher stellt sich selbst ins Zentrum der Auseinandersetzung. Sie fragt nicht, wie schlecht es den Anderen geht, sondern wie wir uns dazu verhalten.

SD: Man kann mit diesem Text nicht wie mit einem Teig arbeiten, den man nochmal ordentlich durchknetet. Für mich hat er etwas sehr Bildhauerisches in seinen Strukturen.

JA: Daher inszenieren wir den Text zwar vollständig, aber nicht im klassischen Sinne. Ich spiele eben keine Rolle, ich spiele keine Schriftstellerin, die nicht mehr schreiben kann, sondern ich bin völlig reduziert auf eine Unvollkommenheit und Gebrochenheit.

Also geht es eigentlich um uns Zuschauer*innen?

SD: Es geht um die Unmöglichkeit, Worte zu finden. Es gibt eine Wiederholung im Text: „you’re stuck“. Das ist ein sehr zentrales Moment, an dem wir arbeiten. Das Gefühl, emotional total involviert zu sein, aber eigentlich nichts machen zu können. Vielleicht ist es am Ende auch eine Antriebslosigkeit?

NO: Es geht uns weniger um eine Inszenierung des Textes, sondern eine Suche nach der Haltung des Textes dem Unsagbaren gegenüber. Mir scheint es immer etwas merkwürdig zu fragen, wie kann Kunst die Welt verändern. Ich glaube, es geht eher darum, mit Kunst die Welt zu befragen. Das ist ja auch schon eine Form von Veränderung.