14.01.2020

The new slow down – APPARAT, #1 – 2020

Seit fast zwei Jahrzehnten gehört Sascha Ring zu den prägenden Protagonist*innen der elektronischen Musik in Deutschland. Unter dem Namen Apparat hat er wie nur wenige andere die Verschränkung zwischen programmierten Klängen und analogen Instrumenten erkundet und variiert. Neben zahlreichen Solo- und Kollektivprojekten schreibt er seit einiger Zeit auch erfolgreich Musik für Kino-, Fernseh- und Theaterproduktionen, erhielt 2018 für die Musik zu Mario Montes Film „Capri-Revolution“ einen Preis für den besten Soundtrack bei den Filmfestspielen in Venedig. Auf Netflix läuft die Serie „Dark“ mit seiner Titelmelodie, und im Londoner Barbican war kürzlich seine Zusammenarbeit mit den Installations- und Performancekünstler*innen von Transforma zu sehen.

Wie viele zog es auch ihn, der 1978 im ostdeutschen Quedlinburg geboren wurde, in den 90ern nach Berlin, um in die wilde und kreative Szene einer damals einzigartigen Club- und Elektronikkultur einzutauchen. In seiner Heimat hielt ihn nichts mehr, vielmehr erinnert er vor allem die Zeit kurz nach dem Fall der Mauer als eine bedrückende Phase der Perspektivlosigkeit, begleitet von Arbeitslosigkeit, betäubenden Techno-Partys und ständiger Angst vor Nazis. Hier legte er Platten auf, begann in Berlin aber zunächst eine Ausbildung zum Grafiker. Doch als er seinen ersten großen Job als Art-Director angeboten bekam, entschied er sich konsequent dagegen – und für die Musik. Die Zusammenarbeit mit Freunden wie Marco Haas vom Label Shitkatapult, dem Designkollektiv Pfadfinderei, Ellen Alien oder schließlich Gernot Bronsert und Sebastian Szary bestärkten ihn in dieser Entscheidung. 2002 schloss sich Sascha Ring alias Apparat mit dem Duo Gernot Bronsert und Sebastian Szary alias Modeselektor zusammen: Als Moderat gehörten sie neben den Kalkbrenner-Brüdern bald zu den deutschen Produzent*innen, die im Ausland kommerziell am erfolgreichsten waren. Moderat wurden wahlweise als „Elektropop-Supergroup“ oder „Laptop-Boygroup“ bezeichnet. Sanfte elektronische Sounds bestimmten das Klangbild, dazu sang Ring in meist hoher Stimmlage, was manchmal an Radiohead-Mastermind

Thom Yorke erinnerte – melancholische, verspielte und fricklige Popsongs, denen man aber immer auch den Clubhintergrund anhörte, Musik die „aus dem Technokeller kommt“ (Ring). „Wir sind alle Typen, die vor über 20 Jahren nach Berlin gekommen sind und angefangen haben rumzustümpern“, sagt Sascha Ring über die Prä-Laptop-Boygroup-Zeiten von Moderat. Damals gab es noch wahnsinnig viel zu entdecken, die ganze Computermusikwelt schien zu explodieren: „Ständig wurden neue Plugins entwickelt, die wiederum ganz neue Sounds generieren konnten. Wenn da noch nichts Passendes dabei war, hat man sich seine Sounds einfach selbst programmiert.“ Später sind für Ring elektronische Geräusche aber zunehmend langweilig geworden. „Ich habe immer seltener einen Aha-Effekt, wenn ich elektronische Musik höre – das Thema ist einfach etwas abgegessen. Für mich haben mittlerweile akustische Signale einen größeren Reiz, weil sie nie hundertprozentig perfekt sind.“ Konsequent erscheint vor diesem Hintergrund das neue Album, das Sascha Ring, wieder als Apparat, 2019 herausgebracht hat: „LP 5“ ist eine Art „back to the roots“, wie das Kürzel LP für Langspielplatte schon andeutet. Die Tracks wirken fragil, minimalistisch, feiern die Reduktion und lassen viel Raum für Stille, auch auf der Bühne stehen neben elektronischen Klängen vor allem analoge Instrumente und die menschliche Stimme im Vordergrund. Und vielleicht ist gerade auch diese filigrane Verbindung von digitaler und analoger Welt, diese stille und eher intime Musik und vor allem dieses Moment der Entschleunigung so richtig wie notwendig für neue Gedanken: in Zeiten, in denen die Menschheit überrollt zu werden scheint von digitalen Transformationsprozessen, von kaum noch erfassbaren Beschleunigungen und Überhitzungen der Systeme.