02.10.2018

The Great Tamer, #1 2018

Dimitris Papaioannou zähmt die Krise mit absurdem Zirkus, zerrissenen Körpern und zeitgenössischer Mythologie.

Auf einen wie ihn warteten die Festivals dieser Welt seit langem. Dimitris Papaioannou steigt auf wie Phoenix. Nicht aus der Asche, aber aus Griechenland, dem vermeintlichen Niemandsland der zeitgenössischen Bühne. Der Gründer des Edafos Dance Theater und Großinszenator der olympischen Zeremonien von Athen 2004 ist ein visueller Philosoph, der sich als Existentialist mit den Grundfragen des Lebens, des Daseins und des Menschseins auseinandersetzt. Der surreale Bilder skizziert, die in absoluter Prägnanz unsere Sinne verwirren, und der mit diesen in einem einzigen Stück so viele Aha-Erlebnisse schafft wie andere Choreografen in einem Jahrzehnt. Einer, der die Dinge – und die Körper – zerlegt, um sie wie Picasso neu zu komponieren, und der sie auf den Kopf stellt, einfach weil das ehrlicher ist. Der Vorstellungskraft des Illusionskünstlers Papaioannou scheinen keine Grenzen gesetzt. Er kann Arme, Beine und Rumpf separat von der Bühne hüpfen lassen oder eine Person kreieren, wenn mehrere Akteure jeweils Arm, Bein oder Rumpf beisteuern. Da kündigt sich ein Gesamtwerk an, eine Handschrift, so authentisch und persönlich wie überraschend und dennoch unmittelbar verständlich, da sie die Ursprünge der europäischen Philosophie mit dem Lebensgefühl von heute konfrontiert. Papaioannou verbindet die Wahrhaftigkeit und das Breitwandformat von Pina Bausch mit Josef Nadjs nie endender Erkundung des Absurden. Dazu gesellen sich in „The Great Tamer“ eine unsichtbare Maschinerie für Special Effects aus dem Untergrund und perspektivische Verschiebungen, die den Blick auf Abgründe des Unterbewusstseins auftun. Viele seiner Ideen zieht Papaioannou direkt aus den Wurzeln seiner eigenen Kultur und aus seinem Studium in zeitgenössischem Tanz und Butoh.

Schaulaufen für den Himmel

Seit 1986 macht Papaioannou Theater. Da studierte er an der Kunsthochschule von Athen und verkehrte auch in Hausbesetzerkreisen. In einem besetzten Haus in der Nähe der Akademie gründete sich sein erstes Kollektiv. „Aber es ist ein Missverständnis, dass ich dort auch gewohnt hätte. Ich war zwischenzeitlich auch mal Hausbesetzer, allerdings an einem anderen Ort. Richtig ist, dass meine künstlerischen Wurzeln in der No-Budget-Kultur liegen. Wir bauten mit unseren bloßen Händen das Erdgeschoss zu einem kleinen Theater Geld war uns egal, wir wollten einfach unser Ding machen. Doch nach und nach und traten wir auch in offizielleren Theatern auf und irgendwann flossen sogar Subventionen.“ Edafos Dance Theater hieß die Truppe, benannt nach der Erde. Dass man ihn vorher nicht außerhalb seiner Heimat sah, hat auch materielle Gründe. „Zuvor waren meine Produktionen und auch die Bühnenbilder einfach zu aufwändig, um auf Tournee zu gehen.“

Zeichnen statt schreiben

Natürlich weckte er Neugier, als er 2004 die Eröffnungszeremonie und die Schlussfeier der Olympischen Spiele von Athen inszenierte. Aber er löste seine Kompanie Edafos dafür auf und verschwand für Jahre von der Bildfläche, um sich allein den Zeremonien mit ihren achttausend Darsteller*innen zu widmen. Deren Choreografien hatten mit seiner eigenen Bühnenarbeit nichts gemein, denn Papaioannou steht nicht auf Massenszenen. Für die engagierte er andere Choreograf*innen. Er selbst zeichnete für das Gesamtkonzept verantwortlich, und das entsprach durchaus seiner Arbeitsweise. Seine Konzepte entstehen auf einer rein visuellen Ebene. Statt schriftlicher Notizen macht er ständig Zeichnungen. Aus den Improvisationen mit den Darsteller*innen, die er nach Bauchgefühl auswählt, entstehen neue Skizzen, die er auf der Bühne umsetzt und langsam zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Frühestens einen Monat vor der Premiere sei er überhaupt in der Lage, Aussagen zu Inhalt, Thema, Titel oder Dauer eines neuen Stücks zu machen, erklärte er. So wie hier: „Der Große Zähmer ist nicht etwa ein antiker Held oder ein neuer Great Dictator . la Chaplin, sondern der Mensch als solcher, im Sturm seiner eigenen Energien und Instinkte.“

Knackpunkt Olympia

Seine Anfänge als Künstler liegen im Zeichnen, und bis heute malt und fotografiert er neben seiner Bühnenarbeit. Allerdings herrschte im Athen der 1980er Jahre ein besonders freies Ambiente. Papaioannou bebilderte Zeitschriften der Gay-Szene. Und heute? Er verrät nicht alles. „Was ich den Leuten zeige, ist nur ein Teil meiner Kreativität. Die visuelle Komposition ist für mich überlebensnotwendig.“ Aber gerade seine Darstellung des männlichen Körpers auf der Bühne ist extrem gefühlvoll und geprägt von antiker Skulptur und Renaissance-Malerei. Da sind viele Gottheiten im Spiel und Motive von Rembrandt bis Botticelli, von El Greco bis Magritte. Die olympische Eröffnungsfeier von 2004 widmete er Apollo, die Abschlusszeremonie Dionysos. Sein heutiges Schaffen zieht markante Inspiration aus den Recherchen zu dieser Mega-Arbeit, trotz kritischer Betrachtungen zu deren Hintergründen. „Natürlich hatte ich großes Glück, so zusammenfassen zu können, was mein Land für mich bedeutet. Es war wie eine Befreiung. “Olympia, das war doch der Moment, von dem an es bergab ging mit Hellas, mit seinem Finanzwesen und seiner Wirtschaftsleistung, gefolgt von einem Kahlschlag im Kulturbudget? „Die Spiele erschienen wie der Auslöser der Krise, aber die Wurzeln liegen viel tiefer, in der Korruption und dem schlechten Funktionieren von Politik und staatlicher Organisation. Griechenland musste sich mehr und mehr Geld leihen. Schließlich kam es zu einer Kettenreaktion. Olympia war ein letzter Illusionseffekt und ein großer Egobooster für das Land. Aber es ist eine lächerliche Idee, dass ein kleines Land so teure Spiele veranstalten könne. Lasst uns doch bei Olympia wieder den Sport in den Mittelpunkt stellen!“ In diesem Sinn wollte Papaioannou mit seinen technisch einfacheren Bühnenbildern im Angesicht der Krise bewusst ein Zeichen setzen.

Absurder Zirkus

Das Bühnenild von „The Great Tamer“ ist eine grau-schwarze Mondwüste aus starren Holzund biegsamen Gummiplatten. Auf und unter ihnen kreuzen sich elf Menschen, deren Körper aus Stahl und Gummi gleichzeitig zu bestehen scheinen. Einer von ihnen wirkt wie sein Alter Ego, eine Art Leitfigur, die im Prolog, einer Statue gleich, regungslos verharrt und das Publikum im Visier hat. Dann zieht sich der Mann in aller Ruhe aus und dreht eine dunkle Platte um, die ihm nun als Strandhandtuch dient. Doch das Sonnenbad wird zum Begräbnis, unter einem Leichentuch, so leicht, dass der Windhauch einer fallenden Platte es mühelos hinfort bläst. Die Szene spielen sie immer wieder durch, wie in einem Ritual, wie ein Bild, das einen traumatisch verfolgt. Dieses Motiv und viele andere kehren im Lauf des Stücks immer wieder: Zwei Männer, die übereinander liegend zu Johann Strauss einen horizontalen Walzer tanzen. Später spielt das Stück mit unserer Angst, dass Erdlöcher die Davonlaufenden verschlucken könnten. Papaioannou nennt seine Stücke, in all ihrer tragischen Reichweite, absurden Zirkus bzw. den Traum davon. Ausgangspunkt der Fantasien und Albträume in „The Great Tamer“ war der Selbstmord eines Teenagers. Von seinen (Facebook?-) Freund*innen verfolgt, grub er sich in die Erde ein. Die paradoxen, verstörenden und surrealen Kompositionen sind wie Zerrspiegel dieses Traumas. Auch mag in ihnen, genau wie zuvor in „Still Life“, eine Metapher der gegenwärtigen Situation Griechenlands zu erkennen sein. Doch das behagt ihm nur bedingt:

„Die sogenannte politische Kunst ist reduzierte Kunst. Ich mag das nicht. Aber es ist unvermeidlich dass Kunst, die mit ihrer Zeit in Verbindung steht, auch auf der politischen Ebene wirkt. Meine Stücke enthalten eine Liste persönlicher Fragen, die ich an das Leben stelle. Es ist unvermeidlich, dass diese Fragen mein Land betreffen, was seine Gegenwart und seine Geschichte angeht. Das sind keine Kommentare, sondern ein Spiegelbild der Atmosphäre, in der wir die letzten Jahre gelebt haben.“