Foto: Reinhard Krone
30.08.2019

Mit Echten reden (1): Das Ellenbogen-Prinzip

Carena Schlewitt im Gespräch mit Tanja Krone

Frankenberg, 1989/90. Wenige Augenblicke nach der „Wende“. Tanja Krone ist 13 Jahre alt und besucht die 7. Klasse. Ein Satz liegt in der Luft – in der Schule, Zuhause, im ganzen Land: „Ihr müsst jetzt lernen, die Ellenbogen auszufahren!“ 30 Jahre später spricht Tanja Krone mit Eltern, Geschwistern, alte Schulfreund*innen und Lehrer*innen. Mit ihr stehen zwei Frauen auf der Bühne – die eine 43 Jahre, die andere 13 Jahre alt. Gemeinsam erkunden sie in kollektivistischer Geschichtsschreibung „Das Ellenbogen-Prinzip“: körperlich, inhaltlich, musikalisch, global.

Carena Schlewitt: Im Jahr der Wende warst du 13 Jahre alt. Wie hast du die Ereignisse dieses besonderen Jahres zu Hause und in der Schule wahrgenommen?

Tanja Krone: Ich denke an die Wende im Schwimmsport, die es möglich macht, dass man von einem Moment auf den nächsten die Welt aus einer anderen Perspektive sieht. Dieser Wendepunkt beschreibt das Lebensgefühl von damals. Zwischen den Menschen existierte eine Verbindung, weil man gemeinsam etwas durchlebte, das niemand benennen konnte. Auch „Strom“ kommt mir als Bild in den Sinn. Wir sind alle geschwommen.

Was bedeutet es für dich, die Geschehnisse von damals heute im Theater zu kontextualisieren?

Es gibt ja gerade einige gesellschaftliche Konflikte, die politisch und medial erneut auf dieser Ost-West-Achse verhandelt werden. Ich habe mich in diesem Projekt entschieden, die Ostexpertise aufzugreifen und mal kurz wieder die Ostdeutsche zu spielen. Dabei treffe ich auf Erinnerungen, die ich vorher gar nicht kannte. Im Theater können wir gemeinsam neue Erinnerungen herstellen, die uns in die Zukunft tragen.

Was waren die ungewöhnlichsten Positionen und Geschichten in Deinem Rechercheprozess?

Es gibt etwas Seltsames: Ich würde nie sagen, dass ich um meine Vergangenheit beraubt worden bin. Aber ich würde doch gerne jemandem eine Schuld geben. Alles ging zu schnell. Ich hätte mir lieber einen „Crossfade“ gewünscht. Dass jemand mit mir spricht und den politischen Systemwechsel in mein persönliches Leben einordnet. Aber die Losung war eher: Dann mach jetzt mal! In den Gesprächen hatte ich oft den Eindruck, dass man gar nicht so viel mit Freund*innen und Familie über die Wende gesprochen hat – mit Ausnahme der ersten fünf Jahre vielleicht. Der Einschnitt wurde sehr unterschiedlich wahrgenommen und jede*r hat seinen Umgang im Alltag damit gefunden. Deshalb würde ich die Gespräche als ausgleichend beschreiben. Vielleicht auch relativierend.

Tanja Krone ist Regisseurin, Kuratorin, Performerin und Musikerin. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit der Kunst als Möglichkeitsraum und dem Aspekt gesellschaftlicher Teilhabe. Sie ist an- und ausdauernd auf der Suche nach der Poesie im Dokumentarischen.