28.01.2019

Mehr Chaos, bitte! Zeitgenössische Musik und Kultur der Digitalität, #1 – 2019

Während sich das Kammermusikfestival 4:3 auf das Gemeinschaftliche und die neue Kultur der Digitalität vor allem in kleineren Formaten, in zarten oder intimen Bereichen fokussiert, wird TONLAGEN zeitgenössische Musik deutlicher mit großen Formaten, mit politischen, gesellschaftlichen und technologischen Fragen konfrontieren. Zunächst aber wird TONLAGEN vom 14.-24.03.2019 einen Blick zurück werfen: Bewusst wird eine Brücke zu den ursprünglichen Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik geschlagen, bewusst wird 30 Jahre nach dem Fall der Mauer vor allem die musikalische Vergangenheit Dresdens und Ostdeutschlands zentraler Programmpunkt sein. Am 16.03.2019 zum Beispiel wird die Elbland Philharmonie Sachsen die 5. Sinfonie von Wilfried Krätzschmar uraufführen, am 17.03. folgt ein Konzert von AuditivVokal mit Werken von Friedrich Goldmann, Georg Katzer, Agnes Ponizil u.a. Begleitend sind Veranstaltungen mit der Sächsischen Akademie der Künste, der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden und der Sächsischen Landesbibliothek geplant, die verschiedene Themenfelder zu Geschichte und Gegenwart der Musik in Ostdeutschland beleuchten. Dem Blick zurück folgt auch ein Blick nach vorn: Mit Projekten von Julia Mihály, Alexander Schubert oder Brigitta Muntendorf erhalten nicht nur aktuelle Künstler*innen, sondern auch eine neue Generation der zeitgenössischen Musik in HELLERAU eine Stimme.

1986 gründete der Komponist und Dirigent Prof. Udo Zimmermann das Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik (DZzM) und entwickelte es bald zu einer der international bedeutendsten Einrichtungen für Neue Musik. 2004 wurde beschlossen, diese städtische Einrichtung zu einem Institut der zeitgenössischen Künste am Festspielhaus Hellerau weiterzuentwickeln und in „Europäisches Zentrum der Künste Hellerau“ umzubenennen. Auf dem Festspielgelände Hellerau, das ursprünglich als Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus von Tessenow erbaut worden war, arbeiteten seit der Initiative der „Europäischen Werkstatt für Kunst und Kultur Hellerau e. V.“ im Jahr 1992 eine Vielzahl von Vereinen, Künstlergruppen und belebten das Jahrzehnte in einen Dornröschenschlaf gefallene Gelände als wilde kreative Baustelle der Künste. Mit der Umwandlung des DZzM in das Europäische Zentrum der Künste Hellerau begann die Etablierung eines Instituts der zeitgenössischen Künste, insbesondere der Sparten Tanz, Theater, Musik sowie der neuen Medien.

Anknüpfend an diese großen Traditionen und jüngeren Entwicklungen wird in HELLERAU in den nächsten Jahren neben Tanz und Theater vor allem auch die Musik stärker in den Mittelpunkt gerückt und gleichzeitig die Idee eines künstlerischen Labors und Experimentierfeldes wieder stärker betont werden. Dabei sind für uns zwei Punkte wichtig: Wir befinden uns in einer „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder), der „Themenkomplex Virtualität ist mittlerweile keine Sci-Fi-Vision mehr, sondern eine maßgebliche Größe in unserem Lebensalltag geworden“ (Alexander Schubert). Zeitgenössische Musik sollte und kann sich dieser Entwicklung nicht verschließen, allerdings sollten Neugierde und Kreativität und nicht bloße Affirmation oder unreflektierte Integration Kennzeichen einer Auseinandersetzung sein. Und vielleicht können gerade Musik, Klang und Rhythmus Schlüssel und Ausgangspunkte für eine kreative wie kritische Befragung des Zeitalters der Digitalität sein?

Zukünftig werden sich in HELLERAU verschiedene Projekte, Festivals und Netzwerke explizit mit internationalen künstlerischen Positionen und Entwicklungen der Medien- und Technologiewelt auseinandersetzen. Zentrale Position nehmen dabei die beiden Formate „4:3 Kammer Musik Neu“ und „TONLAGEN – Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik“ ein. Hier werden nicht nur aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Musik und Medien beleuchtet, sondern auch ein zweiter wichtiger Punkt etabliert: die Bedingungen der Produktion. HELLERAU war in seiner Gründungsphase vor allem eines: eine Gemeinschaft von kreativen Menschen. Wir wollen an diese Idee anknüpfen und in den nächsten Jahren mit lokalen wie internationalen Ensembles und Künstler*innen eine „Community of Practice“ als Gemeinschafts- und Arbeitsmodell für zeitgenössische Musik und Medienkunst entwickeln, die selbst „Scheitern als Chance“ (Schlingensief) begreift.

Mehr Chaos, bitte!
Zeitgenössische Musik und Kultur der Digitalität

Von Brigitta Muntendorf (*1982), Komponistin

Museal oder vital – die Neue Musik entscheidet selbst

Wenn ich die derzeitigen Verschiebungen im künstlerischen Schaffen, insbesondere in Bezug auf Verständnis von Interpretation und Ensemble, auf die Rolle der Rezeption und Programmierung in der zeitgenössischen Musik denjenigen Verschiebungen gegenüberstelle, die sich während der gerade stattfindenden digitalen Revolution in Gesellschaft und Kultur abspielen, dann steckt die zeitgenössische Musik mitsamt ihren Apparaten noch in den Kinderschuhen.

Wir befinden uns in einer Kultur der Digitalität, d.h. in der Durchdringung des Analogen, des Physischen und Materiellen mit digitalen Infrastrukturen. In dieser fundamentalen Wechselwirkung (in Anlehnung an die vier Grundkräfte der Physik) generiert der ungehinderte Transfer neue Arbeits-, Produktions- und Rezeptionsprozesse wie auch die immer wieder neu zu verhandelnde Konstitution und Koordination persönlichen und kollektiven Handelns.

Referentialität als Kommunikationsform, die Herausbildung neuer Gemeinschaftsmodelle im Spannungsfeld von Singularität und Diversität und die konkrete Auseinandersetzung mit dem rezipierenden Subjekt als die Sichtbarmachung von Idee und Resonanz, sowie Algoritmizität bilden dabei die vier wichtigsten Spannungsfelder für soziale und kulturelle Entwicklungen.

Die Zukunft der Neuen Musik, ihre Relevanz in künstlerischer und sozialer Hinsicht entscheidet sich daran, ob sie sich innerhalb oder außerhalb dieser Prozesse verortet und ob Schaffende, Interpretierende und Fördernde bereit sind, bestehende Strukturen nicht nur zu erweitern, sondern grundlegend neu zu denken. Andernfalls liegt es auf der Hand, dass sie ihr Dasein als museale und künstlich am Leben gehaltene Kunstform fristet, in der die innewohnende Widerständigkeit als höchste Form der Anpassung in einem kultivierten und abgeriegelten Diskurs über Gesellschaft und Kultur erscheint.

Komponieren in Referenzsystemen:
Publikum und Performanz

Dass Komponist*innen und Interpret*innen, insbesondere der jüngeren Generation, heute zunehmend interdisziplinär, davon einige auch interaktiv und ein noch kleinerer Anteil kollektiv arbeiten, hat in der Neuen Musik noch immer singulären und phänomenologischen Charakter. Das ist daran erkennbar, dass die Einbeziehung von Elektronik, Projektionen, performativen Elementen, speziellen Bühnen- und Aufführungssituationen und die für die Realisierung benötigten Probenkapazitäten die Konfiguration von bestehenden Ensembles und ihrer Probenorganisation, wie auch die meisten Festivals in ihrer Ausstattung und Programmierung an strukturelle und finanzielle Grenzen stoßen lassen. Spannend ist zu beobachten, wie Komponist*innen und Ensembles sich zunehmend Plattformen außerhalb der Neuen Musik Szene erschließen oder eigene Produktionsstrukturen entwickeln.

Gleichermaßen beschreibt die zu beobachtende Entwicklung hin zu transmedialen, digitalen, theatralen und performativen Produktionsformen ein kontextorientiertes Verständnis von Musik, das sich auf Basis von referentiellen Verfahren konstituiert. Referentielle Kunst hat zur Bedingung, dass die Quellen und Bedeutungen des gesamten künstlerischen Apparates sichtbar gemacht werden – die Verortung in der Gegenwart und in Wechselwirkung mit Tradition und Kontext erzeugt somit Performanz.

Die massive Verschiebung in der Rollenzuschreibung von Autorenschaft und Publikum zeigt sich hier ganz deutlich. Das rezipierende Subjekt kann nicht mehr ignoriert werden, wenn das Erleben der kollektiven Rezeption Performanz und Sichtbarmachung einer künstlerischen Haltung voraussetzt.

Plädoyer für die Community of Practice

Die Community of Practice ist als Gemeinschaftsmodell für die Kreation deshalb so spannend, weil sie ein dynamisches Praxisfeld beschreibt, in dem Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten zugunsten eines definierten Zieles zusammenkommen und Kreation und reflexive Interpretation Hand in Hand gehen. Für die zeitgenössische Musik würde ein solches Arbeitsmodell vielen derzeitigen Entwicklungen Raum für Entfaltung bieten und die künstlerische Qualität interdisziplinärer Arbeiten anheben.

Wenn man also das Spannungsgefüge Referentialiät, Gemeinschaft, rezipierendes Subjekt und Algoritmizität auf seine Grundkräfte hin untersucht, dann treten das Chaos der Informationen und das Herstellen von sozialer Bedeutung in Wechselwirkung.

Die meisten Förderstrukturen im Bereich der zeitgenössischen Musik lassen Chaos gar nicht erst zu. Ich behaupte sogar, dass Chaos als kreative Grundlage für das lebendige Experiment im Schaffens- und Erarbeitungsprozess, sowie als struktureller Bestandteil von Festivals und Institutionen verhindert wird. Verhindernd wirkt dabei z.B. das institutionelle Aufrechterhalten von Schöpfermythen oder die Festlegung von Förderbedingungen, in denen Kunst und Musik von außen auferlegt wird, sozialpolitische Aufgaben zu übernehmen, ohne darauf zu vertrauen, dass Künstler*innen denkende und reflektierende Individuen sind.

Die digitale Revolution zeigt uns gerade, in welchem Maße chaotische, nicht-lineare und reziproke Prozesse Kreativität, Produktivität, Gemeinschaftlichkeit, Resonanz und Lebendigkeit hervorbringen. Ob in der Neuen Musik lebendige, kollektive und dialogische Formate künstlerisch und strukturell – wie in der Community of Practice – etabliert werden, bestimmt, ob wir zukünftig in einer vitalen und gegenwärtigen oder musealen, für die Gegenwart irrelevanten Musikkultur agieren.