© Benjamin Schindler
15.10.2018

Kunst ist ein Kran, #1 – 2018 – Ein Gespräch mit Johanna Roggan und Anna Till

„ZWEI für Dresden – Initiative zur Stärkung der Freien Darstellenden Künste in Dresden“ ist ein 2017 vorgelegtes Positionspapier der Koalition Freie Darstellende Künste Dresden (KFDK) nach einer Vorlage der Künstlergruppen Cie. FREAKS UND FREMDE, the guts company, Katja Erfurth, JuWie Dance Company, shot AG, Theater La Lune, theatrale subversion. Zu den Unterzeichner*innen des Papiers gehören 33 Dresdner Künstler*innen verschiedener Sparten, unter anderem auch Johanna Roggan (JR) und Anna Till (AT). Mit ihnen sprach André Schallenberg, Programmleitung Theater und Tanz in HELLERAU.

Was bedeutet der Begriff Freie Szene, und was bedeutet er für euch ganz persönlich?

AT:
Der Begriff Freie Szene ist sehr verwaschen. Grundsätzlich meint Freie Szene, dass Künstler*innen freischaffend und unabhängig von Theaterhäusern, also auch ohne feste Ensemblestruktur, tätig sind. Da viele Choreograf*innen ihre Stücke innerhalb von Koproduktionen mit mehreren Partnern (darunter Theaterhäuser, Festivals und andere Spielstätten) produzieren, verwischen aber auch die Grenzen.
Für mich bedeutet Freie Szene, einen großen Spielraum für Experimente und neue künstlerische Ausdrucksformen zu haben. Als Choreografin entscheide ich allein das Thema für mein neues Stück und stelle selbst das künstlerische Team zusammen. 

Ich trage die Verantwortung für einen reibungslosen Ablauf dieser Vorgänge

Freie Szene bedeutet allerdings auch, dass ich mit einer weniger gut ausgebauten Infrastruktur agiere als an einem Staats- oder Stadttheater. Neben der künstlerischen Arbeit muss ich darauf achten, dass alle administrativen Schritte funktionieren. Das heißt, ich muss innerhalb meiner Company eine eigene Infrastruktur aufbauen, Personen beschäftigen für Mittelakquise, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Produktionsmanagement, Abrechnungen und vieles mehr. Ich muss außerdem in der Lage sein, Proberäume zu mieten und Material für Bühnen- und Kostümbild zu bezahlen. Alle Mitarbeiter*innen meiner Company werden von mir bezahlt und ich trage die Verantwortung für einen reibungslosen Ablauf dieser Vorgänge. Ich unterhalte also als Choreografin ein eigenes Unternehmen.

JR:
Für mich persönlich bedeutet der Begriff, dass ich meine eigene Arbeit in meinem Tempo und mit Menschen, die ich aussuche, zusammen gestalten kann. Ich muss keinen Spielplan bedienen. Ich kann mich also Themen widmen, die mir auf der Seele brennen. Das bedeutet für mich auch, keine Weisungsempfängerin und nicht an eine unmittelbare Hierarchie gebunden zu sein. Was, mit Blick auf die Institutionen, mit denen ich zusammenarbeite, auch nur so halb stimmt. Wir brauchen die Institutionen (seien es nun die Theaterhäuser oder z.B. Förderinstitutionen) und sie brauchen uns.

Ihr habt das Koalitionspapier für die Freie Szene in Dresden mit entwickelt. Von wem wurde es verfasst, und was ist euer Grundanliegen?

JR:
Den Beginn haben sieben freie Tanz- und Theatergruppen und Einzelkünstler*innen gemacht, die in enger Verbindung zum Societaetstheater stehen. Damit war auch klar, wir können erst mal nur für die Darstellenden Künste sprechen, nicht für die gesamte Freie Szene. Wobei es gut wäre, wenn andere Sparten auch solche Papiere erarbeiteten und wir uns dann zusammenschließen würden. Unser Grundanliegen ist eine Erhöhung und Neustrukturierung der Fördermaßnahmen für freie Projekte/Gruppen. Momentan ist nicht nur unverhältnismäßig wenig Geld in dem Fördertopf, man kann auch jedes Mal nur für ein einzelnes Projekt beantragen. Eine stetige Förderungsmöglichkeit wie z.B. eine Konzeptförderung über mehrere Jahre gibt es nicht. Eine flexiblere Förderlandschaft wäre aber angesichts der Arbeitsrealitäten freischaffender Künstler*innen die richtige Antwort.
Der Landesverband Freie Theater Sachsen hat, wie auch der Bundesverband Freie Darstellende Künste, eine Honoraruntergrenze berechnet, mit der Künstler*innen mindestens bezahlt werden müssten. Würde man diese hier anwenden, könnte die Stadt Dresden vielleicht zwei Projekte pro Jahr fördern. Das kann sich weder eine Landeshauptstadt, noch eine Stadt auf dem Weg zur Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas leisten. Hier muss also nachgebessert werden.
Unsere Analyse ist sehr detailliert und genau in ihrer Beschreibung der Lage, des Bedarfs und möglicher Lösungsansätze. Ich würde sagen, wir bzw. die Kolleg*innen haben da ganze Arbeit geleistet – und das ehrenamtlich. Das darf man nicht vergessen!

Gibt es ähnliche Initiativen auch in anderen Städten?

JR:
Ja. Zum Glück! Wir haben uns viel von Berlin (Koalition der Freien Szene Berlin) abgeguckt. Aber auch Frankfurt am Main hat nun so eine Art Koalition und in Mecklenburg-Vorpommern hat man sich auch zusammengesetzt. Leipzig hat schon vor Jahren die verschiedenen Akteur*innen an einen Tisch geholt und die Forderung „5 für Leipzig“ rausgegeben. Wo man hinschaut, raufen sich vor allem die Künstler*innen zusammen und erheben eine gemeinsame Stimme. Die Missstände, die dadurch deutlich werden, sind auf finanzieller Ebene so groß, dass man sich oft gar nicht auszusprechen traut, wie viel Geld wirklich fehlt, um unsere Arbeit fair zu bezahlen.
Nebenbei gesagt, wird z.B. der Straßenbau auch subventioniert. Also Kunst ist nicht der einzige Sektor, der öffentliche Gelder erhält.

Wie beeinflussen diese Arbeitsbedingungen eure Arbeit?

AT:
Ich würde sagen, dass die Arbeitsbedingungen unsere künstlerische Arbeit enorm beeinflussen. Deswegen sind die wichtigsten Fragen zu Beginn einer Produktion: Mit welcher Spielstätte möchte ich kooperieren? Welcher Ort passt zu meinem nächsten Thema und kann ich meine Visionen dort verwirklichen? Danach kommen die Fragen nach der Finanzierung und den Förderern. Wenn das Stück z.B. eine Kooperation mit Tänzer*innen aus Mosambik ist, kann ich bei anderen Stellen Förderung beantragen, als wenn es eine Produktion mit einem Team von ausschließlich Dresdner*innen ist. Wenn es eine interdisziplinäre Arbeit ist, die Fotografie oder Video stark einbezieht, gibt es wieder einen anderen Fonds usw. Schritt für Schritt nähert man sich dann seinem künstlerischen Ziel über ein mitunter sehr komplexes Netz aus Kooperationen, die natürlich immer die Arbeitsweise mitbestimmen und in diesem Sinne auch das Endprodukt. Aber diesen Deal geht man von Anfang an ein und ist sich dessen bewusst.

Wie wünscht ihr euch eine Zukunft, wie sollte die Tanzszene – oder die Welt – in 20 Jahren aussehen?

AT:
In 20 Jahren wünsche ich mir eine Dresdner Tanzszene, die weitreichend vernetzt und über Europas Grenzen hinaus aktiv ist. Tanz wird in Schulen als eigenständige Kunstform vermittelt und auch unabhängig von Theaterhäusern und Ballettcompanys verstanden. In 20 Jahren ist es nichts Besonderes, dass Menschen mit Behinderung Tanz studieren und als Tanzschaffende arbeiten, sodass man keine inklusiven Förderprojekte mehr auflegen muss, sondern Tanzkünstler*innen insgesamt grundsätzlich besser (meint: ausreichend) gefördert werden.
Das Publikum interessiert sich in 20 Jahren für Tanz mit hohem Unterhaltungswert ebenso wie für spezielle Experimente und ungewohnte Projekte. Bei den Politiker* innen ist angekommen, dass das Mit- und Nebeneinander von institutioneller Kultur und Freier Szene notwendig ist und allen Künstler*innen die gleiche Anerkennung zusteht.

JR:
Die Welt in 20 Jahren, also wenn mein Sohn 20 ist, dann soll er nicht erklären müssen, was der Beruf seiner Mutter ist und was sie tagsüber macht.
Kunst, und eben auch der Tanz, sollten dann fest im Weltverständnis der Menschen verankert sein. Dass sie einen Wert hat, der schwer mit Geld zu beziffern ist. Einen Wert, der in die Seele wirkt, der uns befriedet, erhellt, erhebt, belebt, bewegt, kurz: am Leben hält.

Kann Kunst bewegen?

JR:
Mit einem Kran kann ich (fast) alles bewegen. Ich stelle mir die Kunst manchmal als Kran vor. Mit schweren Gewichten, um nicht umzukippen, ragt er riesig in die Luft. Der Kran kann sich drehen und im Wind schwanken und eben Dinge anheben und bewegen. Man sieht den Kran von weitem, aber nicht immer, warum er da steht. Lange kann man gar nichts erkennen, aber irgendwann ist das Haus oder die Brücke fertig und am Ende weiß keiner mehr, wie es vorher aussah oder wie das Leben vorher ohne die Bauwerke funktionierte. Ganz oben sitzt der Kranführer. Der hat einen super Ausblick, aber auch genügend Abstand, um sich nicht verwirren zu lassen. Er macht einfach seine Arbeit. Nur schwindelfrei sollte er sein.
Ja, Kunst kann bewegen. Das Werk bewegt. Der Künstler ist ja „nur“ derjenige, der das Werk sichtbar, hörbar, fühlbar, erlebbar werden lässt. Der Künstler macht seine Arbeit. Die Kunst bewegt dann im besten Falle. Und das kommt auch immer sehr auf den persönlichen Lebenshintergrund der Betrachter*innen an. Und auf die Risikobereitschaft, sich von Kunst bewegen zu lassen.

AT:
Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich das selbst manchmal. Ich denke, es kommt extrem darauf an, wie Kunst wahrgenommen wird, auch wie sie präsentiert wird. Wird sie als ein Produkt unter vielen konsumiert oder habe ich die Zeit, ein Kunstwerk auf mich wirken zu lassen. Die zeitbasierte Kunst (also Film, Theater, Tanz, Performance, Musik etc.) ist für mich das ideale Medium, um dem Publikum wirklich nahe zu kommen. Die Zuschauer*innen schenken mir ihre Zeit und diese muss ich dafür nutzen, eine besondere ästhetische Erfahrung möglich zu machen. Danach liegt es nicht mehr in meiner Hand, wie, ob und wen meine Arbeit bewegt hat. Sicher bin ich nur dass ich während des Moments der Aufführung in meinem Gegenüber etwas in Bewegung gebracht habe. Innerhalb einer Live-Performance treten Darsteller*innen und Publikum in eine direkte Beziehung, sie teilen einen Ort und dieselbe Zeit. Das ist so einfach, aber fasziniert mich immer wieder. Niemand kann sich dem Bühnengeschehen entziehen.  Dieser Moment ist die einzige Chance, um etwas zu bewegen.

Was sind eure persönlichen Vorhaben, was bewegt euch derzeit am meisten, aus künstlerischer Sicht?

JR:
Wenn ich auf meine Arbeiten schaue, sehe ich im Rückblick einen roten Faden, der sich durchzieht. Irgendwie geht es immer um gesellschaftliche Fragen, Situationen, Bilder … Will oder kann ich so leben wie im Moment? Wie lebt es sich mit Begrenzungen, wie lebt man mit Fremden, was macht Heimat aus, kann ich mein Umfeld beeinflussen und wie beeinflusst es mich? Wie bin ich mit meiner Umwelt verbunden? Das ist quasi ein Fass ohne Boden, denn mit jeder Arbeit entstehen neue, weiterführende Fragen. Aktuell treibt mich das Thema Macht um. Machtstrukturen, Masse als Macht und Ohnmacht, Macht des Einzelnen, Macht der Bilder, Macht von Sound/Musik, Macht und Geschlecht, Sprache und Macht – ein riesiger Themenkomplex! Da stehen wir (the guts company) gerade noch total am Anfang und ich bin sehr gespannt, wo die Reise hingeht. Auf jeden Fall wird die Arbeit mit Sprache und Chor weitergehen. Ich hätte auch gern wieder ein abgefahrenes, sich bewegendes Bühnenbild. Aber das kostet …

Tanz hat einen Wert, der in die Seele wirkt, der uns befriedet, erhellt, erhebt, belebt, bewegt, kurz: am Leben hält.

AT:
Ich beschäftige mich gerade viel mit Zahlen, mit dem Weltraum und mit Zeit. Große Themen, aber genauer betrachtet, fragt jedes einzelne Projekt nach der Lücke zwischen persönlichem Erleben und dem Versuch, diese in Zahlen, Messwerten oder Worten auszudrücken. In dem Projekt „KARUSSELL“, das wir innerhalb unserer Company situation productions gerade erst planen, wollen wir gemeinsam mit einer größeren Gruppe von Künstler*innen verschiedener Genres einen Performance-Raum kreieren, der eine neue Erfahrung von Zeit ermöglicht. „Life in numbers“, eine Kooperation mit einer Choreografin aus Maputo, spielt mit dem (Un-) Sinn vergleichender Statistiken zwischen den Ländern Deutschland und Mosambik.
„Lost in creation“ thematisiert das Universum als endlose Projektionsfläche und wissenschaftlichen Eroberungsraum. Mich beeindruckt die Tatsache, dass ungreifbare Größen wie der Abstand zwischen Erde und Sonne von Wissenschaftler*innen festgelegt werden und Galaxien erforscht werden, die niemand von uns je betreten wird, während wir auf der Erde nicht mal unsere Nachbarin kennen. Diese Sehnsucht nach dem Unbekannten beschäftigt mich, einfach weil ich es mir zurechtbiegen und definieren kann und nicht mit ihm in einen Dialog treten muss. So wird ja ein Planet nach dem anderen von uns benannt, analysiert und kategorisiert. Die Besessenheit, andere Planeten bewohnbar zu machen, steht für mich in großem Kontrast zu unserer Faulheit in Bezug auf die alltägliche (Völker-)Verständigung.