14.01.2020

Ich hasse Schubladen – Dada Masilo (ZA) , #1 – 2020

Die südafrikanische Tänzerin und Choreografin Dada Masilo sprach mit Shirley Ahura (Lucy Writers Platform, University of Cambridge) über ihre Neuentdeckung der Klassiker des Balletts, die Stärkung von Frauen und den Einsatz von Tanz zum Abbau kultureller Barrieren.

Du hast einen Großteil deines eigenen Repertoires durch mutige und radikale Neuinterpretationen klassischer Ballette entwickelt, von „Schwanensee“ bis hin zu „Romeo und Julia“. Kannst du sagen, ob deine Stücke konkret an bestimmte Menschen gerichtet sind und würdest du sagen, dass sie konkret für bestimmte Menschen sprechen?

Ein Großteil meiner Arbeit ist ein Spiegelbild meines eigenen Lebens. Ich sehe täglich Menschen darum kämpfen, sie selbst zu sein und ihren Platz im Leben zu finden. Sie werden diskriminiert, sind Rassismus, Homophobie und häuslichem Missbrauch ausgesetzt und erleben Vergewaltigung oder andere Formen von Gewalt. Für meine Arbeit spreche ich mit meiner Großmutter, meiner Mutter, meinen Schwestern und ich rede auch mit meinen schwulen Brüdern. Aber es geht mir nicht nur um eine subjektive Wahrnehmung. Ich möchte größere Fragen stellen, zum Beispiel wie wir in der Gesellschaft vorankommen. Das ist eine Lernerfahrung für mich und die Tänzer*innen, wir bilden uns nicht nur selbst, sondern vermitteln dies auch dem Publikum.

In vielen deiner Arbeiten hinterfragst du die Repräsentation von Frauen im klassischen Repertoire und versuchst, sie neu zu definieren – insbesondere ihre Rollen, ihre Position und ihr Handeln in ihrer jeweiligen Gesellschaft. Würdest du sagen, dass deine Haltung feministisch ist und warum?

Wenn ich meine Arbeit mache, denke ich nicht: „Ich mache dieses Stück mit einer feministischen Einstellung“, aber ich arbeite immer daran, Frauen zu stärken. Wir haben so viele Erwartungen an uns von der Gesellschaft – sich nicht zu beschweren, die Dinge einfach zu akzeptieren. Bei meiner Arbeit geht es mir vor allem darum, Respekt und Anerkennung für uns als Frauen zurückzugewinnen.

Das Persönliche ist das Politische. Bist du in deiner Karriere als Tänzerin/Choreografin auf besondere Herausforderungen gestoßen? Wie hat das deine Arbeit beeinflusst?

Wenn wir in Europa auftreten, wird mir oft die Frage gestellt: „Warum erzählst du europäische Geschichten? Warum erzählst du nicht „afrikanische“ Geschichten?“ Ich habe zum Glück eine Ausbildung, die mich auf die Welt aufmerksam gemacht hat. Ich stecke nicht nur in meiner „afrikanischen“ Schublade. Ich hasse Schubladen, das habe ich immer getan. Ich möchte die Verbindungen zwischen den Geschichten meiner Kultur und der Welt finden.

Das Wichtigste für mich ist es, die Regeln des klassischen Balletts zu lernen und zu kennen. Wenn ich die Regeln lerne und kenne, bin ich in einer besseren Position, um sie zu brechen.

Du hast einmal gesagt, „Tanzen bedeutet, Stellung zu beziehen“. Gibt es eine Verpflichtung des Künstlers/der Künstlerin, über die Zeit und die Welt um sich herum nachzudenken?

Ich habe noch nie abstrakte Arbeiten gemocht. Ich möchte Geschichten erzählen. Es ist mir wichtig, nicht nur als Frau meinen Raum einzunehmen und in der Welt gleichberechtigt zu sein, sondern auch als Mensch. Als Gesellschaft neigen wir dazu, Dinge unter den Teppich zu kehren. Als ich in meinen Zwanzigern war, wollte ich nur tanzen. Aber jetzt bin ich in einem Alter, in dem ich Fragen stellen möchte: nicht nur an die Welt, sondern an meine eigene Kultur. Bei unseren Stammesältesten zum Beispiel ist so viel von dem, was sie in ihrer Tradition kennen und praktizieren, völlig unhinterfragt. Bei ihnen gibt es diese „shut up and do“-Mentalität, „denn so haben wir es immer gemacht“. Aber ich bin jetzt an einem Punkt meines Lebens angekommen, an dem ich respektvoll die Dinge hinterfragen möchte.

Wie siehst du Tanz als Medium für das (Wieder-)Erzählen von Geschichten?

Ich benutze meinen Körper, um mich auszudrücken. In letzter Zeit arbeite ich auch sehr mit meinem inneren Zustand, mit Emotionalität. Ich möchte meine Geschichte mit Ehrlichkeit erzählen, mit Verletzlichkeit, aber auch mit Freude. Ich möchte, dass die Betrachter*innen alles fühlen: das Glück, den Schmerz, die Trauer. Ich beginne immer bei mir – wenn ich nicht in der Lage bin, auf der Bühne verwundbar zu sein, dann überträgt sich auch nichts auf das Publikum. Ich muss akzeptieren, dass ich nicht nur ein Körper im Raum bin, sondern ein Mensch, der diesen Raum mit anderen teilt.

Du arbeitest an einem neuen Stück. Könntest du uns ein wenig darüber erzählen und was du noch für die Zukunft geplant hast?

Ich arbeite an einem Stück, das ich „The Sacrifice“ („Das Opfer“) genannt habe, und es ist inspiriert vom „Frühlingsopfer“ von Igor Strawinsky. Ich nenne es „Das Opfer“, weil ich hoffe, darin alles näher betrachten zu können, was wir täglich opfern. Bei den meisten Interpretationen lässt man die Tänzerin sich am Ende des Stückes einfach zu Tode tanzen. Ich interessiere mich aber für die verschiedenen Opfer, die im Laufe des Stückes dargebracht werden. Was ist überhaupt ein Opfer? Was opfern wir in unserem täglichen Leben? Die Handlung beim „Frühlingsopfer“ ist sehr einfach. Daher ist es eine Herausforderung für mich, eine größere Geschichte zu erzählen. Als Teil meiner Forschung habe ich mit Stammesältesten über ihre Praktiken gesprochen, insbesondere über das Thema „Reinigung“ – was mich mehr und mehr interessiert, weil ich das Gefühl habe, dass unsere Welt gerade jetzt eine Reinigung braucht. Die Stammesältesten waren wirklich offen für unsere Rituale rund um die Reinigung – wir reinigen uns, wenn wir krank sind, aber auch, wenn es Grund zum Feiern gibt. Ich lerne so viel, und der Prozess ist nach wie vor äußerst aufschlussreich.

Die Produktion „The Sacrifice“ von Dada Masilo mit einer neuen Musik von Philipp Miller wird im Februar 2020 in Südafrika Weltpremiere feiern. Das vollständige Interview erschien im September 2019 auf www.lucywritersplatform.com. Das Interview übersetzte und bearbeitete André Schallenberg.