Foto: Peter R. Fiebig
14.01.2020

„Hier gehört man mit dazu“, Gabriele Gorgas, #1 – 2020

Dass HELLERAU ein ganz besonderes, sehr eigenes Publikum hat, beweist sich praktisch jeden Tag. Und es ist auch auffällig, wie es sich seit einiger Zeit weiter verjüngt hat. Da lässt sich durchaus von einem „nachwachsenden“ Interesse sprechen.

Doch das gibt noch keine Garantien. Zumal HELLERAU, wenn auch gut erreichbar, nach wie vor etwas „weiter draußen“ liegt und das Festspielhaus noch längst nicht in aller Munde ist. An der sich verjüngenden Publikumsstruktur ist Frauke Wetzel als vielseitige, an Geschichte, Geschichten und Neugierigen interessierte Kulturwissenschaftlerin mit der Gabe, Mögliches wie auch Unmögliches zu bewirken, seit Oktober 2013 deutlich beteiligt. Sie ist in HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste verantwortlich für „Audience Development, Kulturelle Bildung und Netzwerke“. Was ja reichlich kompliziert klingt und zudem als wahrhaft umfassendes wie „grenzenloses“ Aufgabengebiet erscheint. Tatsache ist, dass Veränderungen stets auch verlangen, Gegebenheiten neu zu überdenken, wobei sich Erfolge oft erst spät einstellen. Aber jeder*, der sich einmal mit dem HELLERAU-Virus infiziert hat (was ja keine Frage des Alters ist), sorgt letztlich mit für Bewegung, bleibt dran und spricht darüber. Das lässt sich überhaupt nicht auflisten. Andererseits kostet die Arbeit mit diversen „Netzwerken“ und Bildung für die Impulsgeber doch enorm viel Kraft, verlangt Geduld und Einfühlungsvermögen.

„Als ich 2013 in HELLERAU anfing,“ erzählt Frauke Wetzel, „stand in meiner Stellenbeschreibung nichts drin wie zum Beispiel: Kümmere Dich um Kinder und Schulen! Das habe ich mir selbst zur Aufgabe und auch zur eigenen Erfahrung gemacht. Das Publikum war im Vergleich zu anderen Häusern zwar halbwegs jung. Es fehlte aber dennoch an jugendlichen Besuchern. Und obwohl die Festivals „Kids on Stage“ mit Kontinuität immer wieder junge Mitwirkende und Gäste nach HELLERAU brachten, mangelte es doch generell an Schülern bei den Zuschauern. Da waren schon Gewohnheiten zu durchbrechen und Pädagogen mussten erst darauf neugierig gemacht werden, was in HELLERAU geschieht. Und das alles braucht so seine Zeit. Heute gibt es Verbindungen zu etwa 200 Lehrern und es finden beispielsweise Projektwochen, Führungen oder Gespräche zu Vorstellungen statt.“

Speziell eingeprägt hat sich, wie Frauke Wetzel beim Festival „modul dance“ 2015 eine junge Kritiker-Runde zusammenbrachte, die sich in gemeinsamer Diskussion vor der Kamera zu den verschiedensten Aufführungen äußerte. Das konnten sich die Besucher meist schon wenig später auf dem Bildschirm anschauen. Eine Jugendjury, wie man sie sich nur wünschen mag: Klug beschreibend, wertend, kenntnisreich.

Lena gehörte damals mit zur Jugendjury, blieb auch weiter aktiv an HELLERAU dran. Obwohl sie schon längst weit entfernt studiert, nutzt sie Dresden-Besuche immer wieder zum „Vorbeischauen“ und ist besser informiert als mancher vor Ort. „Auf Anregung von Frauke haben wir uns erst unlängst als Ehemalige getroffen, diesmal zu einer Art Ideenwerkstatt für künftige Projekte. Da ging es beispielsweise auch um Workshops. Von Beginn an hatten wir mit der Dresden Frankfurt Dance Company von Jacopo Godani beste Kontakte. Das setzt sich jetzt weiter fort und der Teilnehmerkreis verändert sich auch. Ich weiß absolut zu schätzen, was ich an HELLERAU habe. Hier gehört man einfach mit dazu, fühlt sich wohl, wird weiter informiert. Und die Eintrittspreise sind gut bezahlbar. Zudem finden sich da immer wieder Vertraute wie eben auch Frauke.“

Die inspirierende Idee mit der damaligen Jugendjury setzte sich schon bald fort mit dem HELLERAU-Blog von jungen Kommentatoren und Kritikern bei „Kulturgeflüster“ Dresden, einer Online-Redaktion in Zusammenarbeit vom Europäischem Zentrum der Künste mit dem Medienkulturzentrum Dresden. Wer da mal reinschaut, reinhört, spürt sehr genau, wie aufmerksam die Beteiligten (manche sind schon drei Jahre dabei) in ihrer Wahrnehmung sind, wie sie offen über das Erlebte miteinander diskutieren. Das ermutigt auch dazu, eigene Positionen zu finden und sie zu artikulieren. Gewiss, einen Massenansturm jüngerer Besucher nach HELLERAU bewirkt das noch nicht, aber steter Tropfen höhlt den Stein. Und was zählt, ist das Beispiel. Andere werden aufmerksam, hören davon, manche bewerben sich auch bei Frauke Wetzel als Schülerpraktikanten. Welche als „Ehemalige“ mittlerweile schon eine ganze Schar sind. Das macht kaum ein anderer am Hause, was natürlich zudem eine Frage der Zeit ist. Die man sich dafür nehmen muss. Auf beiden Seiten. Die Schüler stehen nicht minder unter Zeit und Leistungsdruck. Wobei die Erfahrungen in HELLERAU gewiss auch eine gute Schule sind.

Frauke Wetzel bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Der Ort funktioniert einfach. Mit Festspielhaus, Freigelände, Besucherservice, mit allen, die hier arbeiten, einschließlich der sehr besonderen Techniker. Auch für die Jüngsten findet sich in HELLERAU immer etwas zum Spielen, zum Anschauen, zum Mitmachen. Hier ist einfach jeder gewollt und gewünscht.“