Alexandra Bachzetsis: Private Song, Foto: Nikolas Giakoumakis
28.01.2019

Erbstücke – Festival zu Erbe und Tradition in der zeitgenössischen Kunst, #1 – 2019

Dresden und sein Erbe

Das Wort Erbe ist im Deutschen mehrdeutig. Es bezeichnet einerseits den Gegenstand, der über Generationen weitergegeben wird, andererseits aber auch den Empfangenden dieses Gegenstandes sowie die Gesamtheit des – durchaus auch immateriellen – Kulturgutes, das potentiell über den Wert verfügt, weitergegeben zu werden. Das Wort steckt im Welterbe, im Erbschleicher, im Erbfeind genauso wie im Erbgut und im Erbstück. Letzteres wiederum kann ein gut gehüteter Familienschatz sein oder auch ein liebgewonnenes Andenken an eine vertraute Person, es kann aber ebenso eine große Last und ein Hindernis darstellen.

Das macht den Begriff des Erbes so interessant und doppeldeutig – als ein komplexes Konglomerat verschiedener Begriffe und Bedeutungen, als Grundlage einer Kultur, aber auch als Machtstruktur und belastendes, einengendes Übel.

Dresden, Hellerau und das Erbe

Dresden lebt von seinem historischen Erbe aus verschiedenen Epochen und Zeiten, vielerorts definiert sich die Stadt auch sehr direkt aus diesem Erbe: als ehemalige Residenz- und Barockstadt, blühende Kulturstadt, Elbflorenz, aber auch als Ort des Feuersturms im Zweiten Weltkrieg und als Stadt der Wende um 1989.

Der ehemalige Vorort Hellerau, die Deutschen Werkstätten und das Festspielhaus Hellerau – das heutige Europäische Zentrum der Künste – leben ebenso von und mit einem komplexen historischen Erbe: auf der einen Seite als Teil einer Gartenstadt, als architektonische und sozioökonomische Vision, als künstlerisches Laboratorium der Moderne, u.a. mit den Arbeit von Adolphe Appia, Émile Jaques-Dalcroze und Alexander von Salzmann, nach dem Mauerfall als Ort der Wiederbelebung der Darstellenden Künste und der zeitgenössischen Musik. Auf der anderen Seite prägt Hellerau aber auch seine langjährige Existenz als Ort der militärischen Nutzung im Zweiten Weltkrieg sowie nach 1945 als Kaserne und Turnhalle der Roten Armee der Sowjetunion.

Erbe und Globalisierung

Über allen diesen vorhandenen historischen Schichten liegt heute eine hochaktuelle gesellschaftliche Entwicklung, in der Dresden und Sachsen ebenfalls eine Hauptrolle spielen: Rechtsnationalistische Bewegungen reklamieren exklusiv für sich die Bewahrung eines angenommenen „deutschen Erbes“, das es gegen eine vermeintliche „Überfremdung“ zu schützen gilt. Das erweitert den Begriff des Erbes auf die politisch umstrittenen Begriffe Tradition, Identität und Heimat und stellt sie vor dem Hintergrund aktueller globaler Entwicklung radikal in Frage.

Die entstehenden Fragen sind mannigfaltig: Was macht uns aus? Auf welches Erbe berufen wir uns und weshalb? Wer definiert, was aus einer Zeit als „repräsentativ“ und stilbildend überleben darf, was also vererbt werden soll und was nicht? Wie generiert und transformiert sich in einer von Migrationsströmen dominierten, globalisierten Welt kulturelles Erbe, wie kann eine Teilhabe an einem diversizierten kulturellen Erbe stattfinden, das sich aus mehreren Quellen speist? Ist kulturelle Identität festgefügt oder setzt sie sich vielmehr aus vielen Wurzeln zusammen? Kann sie wechseln, wie divers kann, darf sie sein? Ist es eine fixe Größe oder ewige Arbeit an sich und der Welt?

Erbe und Darstellende Künste

Diese Diskussion der globalen Dimension des Erbes ist nicht neu. Die gesamte postkoloniale Forschung und wichtige Kunstströmungen aus Lateinamerika und Afrika basieren auf solchen lebhaften, oft auch traumatischen Auseinandersetzungen mit dem Eigenen und dem Fremden. Die europäische Moderne selbst, deren Teil HELLERAU ab den 1910er Jahren war, bezog wichtige Impulse aus fernöstlichen und afrikanischen Ländern oder archaischen Kulturen, wie zum Beispiel Vaslav Nijinskys Choreografie zu „L’Après-midid’un faune“, die sich an altgriechischen Vasenbildern orientierte, oder die Theaterutopien Antonin Artauds, die das balinesische Puppentheater zum Ideal einer neuen Kunstmechanik erhoben. Dass viele dieser Einflüsse auch auf den grausamen Völkerschauen des zu Ende gehenden Kolonialzeitalters beruhten, zeigt die von Anfang an problematische Seite der kulturellen Übernahme und Beeinflussung.

Vor einigen Jahren wurde das kulturelle Erbe des (deutschen) Tanzes in dem Projekt der Kulturstiftung des Bundes „Tanzfonds Erbe“ in den Fokus gerückt. Über mehrere Jahre wurden hier insbesondere Projekte gefördert, die der Rekonstruktion und Wiederentdeckung vergessener Episoden speziell der deutschen und europäischen Tanzgeschichte dienten, also dem „Fremden“ und „Verdrängten“ in der eigenen Historie. Dieses Projekt hat auch in Dresden einige Werke der Tanzgeschichte wieder ans Tageslicht gebracht, so zum Beispiel die Choreografien von Mary Wigman in dem Projekt „Kreis, Dreieck, Chaos“ des Villa Wigman für Tanz e.V.

Dabei widersetzen sich Tanz und Performance als flüchtige Kunst „für den Augenblick“ an sich dem Begriff des Erbes. Weitergegeben werden kann höchstens das „Rezept“, die Schrittfolge, die Tradition. Aber was ist diese Tradition, was sagt sie uns heute, was können wir mit ihr anfangen? Ist es manchmal sogar besser, wie die Künstler*innen des russischen Konstruktivismus (und viele andere) alles zu negieren und auf einem weißen Blatt Papier neu in die Zukunft zu starten?

Das Festival „Erbstücke“ kreist mit mehreren ganz unterschiedlichen künstlerischen Entwürfen um diese Fragen. Die spanische Choreografin Rocío Molina beispielsweise erforscht in ihrer Inszenierung „Caída Del Cielo“ die lange Geschichte des Flamencos als eine Geschichte der Befreiung (vor allem des weiblichen Körpers), während Eszter Salamon in „The Valeska Gert Monument“ in eine intime und fast schmerzlich intensive Zwiesprache mit einer nahezu vergessenen Zeitgenossin Mary Wigmans eintaucht und Forced Entertainment in ihrem sechsstündigen Klassiker „And on the 1000th night“ die Wurzel allen Erbes zelebrieren: das Geschichtenerzählen. Hermann Heisig hingegen legt die absurden, manchmal auch totalitären Wurzeln von Jaques-Dalcrozes rhythmischen Übungen bloß, und Alexandra Bachzetsis hinterfragt mit drei Darsteller*innen die Ursprünge der „orientalischen“ Rebetiko-Lieder in Griechenland und ihre Bedeutung für die heutige urbane Gesellschaft.

Diese und weitere Positionen in „Erbstücke“ zeigen vor allem eines: Erbe ist in der Kunst ein dynamischer Begriff. Er impliziert Auseinandersetzung, er zeigt Veränderung in Ästhetiken und Ideen, er weist in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Das macht ihn wiederum als Ausgangspunkt so wertvoll für die künstlerische Produktion. Denn aus ihm entspringen die großen Fragen kreativer Arbeit: Wie gestalten wir unsere Welt, mit welchem Wissen, mit welchen Techniken und ästhetischen Entwürfen gelingt es uns, ein gemeinsames Leben zu entwickeln?