Foto: Martin Mulik
03.02.2021

Die lebenden Toten, #1 – 2021

Judith Hellmann, Künstlerische Assistentin in HELLERAU, sprach mit Romy Weyrauch und Michael McCrae über die neue Arbeit der theatralen subversion.

Was war der Ausgangspunkt eurer aktuellen Arbeit?

Die Pandemie hat unsere Arbeitswelt fundamental getroffen. Eine Tour und viele geplante Projekte fielen erstmal aus. Plötzlich hatten wir viel Zeit zum Nachdenken. Die ersten Wochen im Lockdown waren still und irgendwie sinnentleert. Wenn sich Realität auf solche Weise verschiebt, muss man das erst einmal begreifen und Wege aus der eigenen Erstarrung finden. Klar war für uns: Auf unbestimmte Zeit werden wir nicht mehr so arbeiten können wie bisher – und das bezieht sich nicht nur auf ökonomische Fragen.

In unseren Arbeiten untersuchen wir – mal mehr, mal weniger – die Voraussetzungen von Gegenwart. Nun galt es, nicht nur neue Möglichkeiten der Finanzierung und des Publikumsverkehrs in der Pandemie zu finden, sondern auch eine andere Relevanz zu entwickeln. Wir fragten uns also im doppelten Sinne: Was bedeutet Theater in der Krise? Wie können wir ästhetisch und inhaltlich auf die neue Situation reagieren? Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung war die Idee zum Projektzyklus „Die lebenden Toten“.

Der erste Teil des Zyklus – das Online- Projekt – läuft ja bereits. Könnt ihr das kurz beschreiben?

Aktuell werden große Anstrengungen unternommen, um die Pandemie zu bekämpfen. Die Maßnahmen führen zum Teil zu scharfen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Aber die in besonderem Maße Betroffenen der Pandemie kommen in der öffentlichen Debatte kaum zu Wort. Das „Archiv der lebenden Toten“ ist eine Online-Plattform, auf der Menschen, die zu den sogenannten Corona-Risikogruppen gehören, ein Video-Vermächtnis für die Nachwelt hinterlassen können. Außerdem versuchen wir, mit dem „Archiv der lebenden Toten“ einen künstlerischen Umgang mit der Statistik zu finden, indem wir die Betroffenen nach ihrem persönlichen Umgang mit diesem zugleich konkreten sowie abstrakten Risiko für das eigene Leben bzw. Sterben befragen.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Im zweiten Teil des Zyklus interessiert uns z.B. die Frage, wie ein Terminal für das „Archiv der lebenden Toten“ aussehen könnte, in dem das Archiv in den realen Raum überführt wird. So ein Terminal könnte in Alten- und Pflegeheimen oder auch in Museen aufgestellt werden. Momentan sichten wir die eingereichten Videovermächtnisse, schneiden Filmmaterial für die Bühne und nehmen Kontakt zu den Interviewten auf, um sie nach ihrer aktuellen Situation zu befragen. Und wir probieren gerade viel mit technischen Möglichkeiten, mit der 360°-Kameratechnik. Damit bereiten wir den dritten Teil des Projektzyklus vor, das Bühnenstück mit dem Arbeitstitel „Lebende Minus Tote“. Hier möchten wir uns u.a. mit der Frage auseinandersetzen, wie ein Gedenken an die Opfer der Pandemie aussehen und welche gesellschaftliche Funktion dieses Gedenken erfüllen könnte.