Marie Guerin/ Anne Kropotkine (FR) Performance/ Klangkunst 2020/21

Genre: Klangerzeugung, Performance, Radiokonzerte, Geschichte, Archiv

Projektname: Sur a piste de Sadok B. – Auf den Spuren von Sadok B.

Um was geht es bei eurem Projekt? Ein Gespräch zwischen Anne Kropotkine und Marie Guerin:

Marie Guerin: In den Aufnahmen sind “Klänge der Seele” zu hören, sagte Thomas Edison. Geleitet von meinem Interesse an frühen Aufnahmen, stieß ich auf das “Laut-Archiv”, das 1915 entstand. In deutschen Lagern wurden auf Initiative des Sprachwissenschaftlers Wilhem Doegen Kriegsgefangene aufgenommen, die in ihrer Muttersprache sangen. Inmitten von algerischen, tunesischen, ukrainischen und so vielen anderen Liedern entdeckte ich ein bretonisches, die Sprache meiner Vorfahren. Wie kann ich mir – 100 Jahre später – diese weltweiten Volkslieder wieder aneignen? Wie kann man die Aufzeichnungen der Sprachwissenschaftler übernehmen und sie in eine Musik verwandeln, für das 21 Jahrhundert? Können wir diesen Spuren noch folgen? Wohin führen sie uns?

Anne Kropotkine: “Sur la piste de Sadok B. – Auf den Spuren von Sadok B.” ist eine Geschichte, die durch Klang, Interviews, Archive und Musik erzählt wird. Es ist eine Radioreise, eine Recherche, ein Abenteuer quer durch Europa und Afrika, bei dem Archivmaterial in dessen Heimatland Tunesien zurückgeführt wird, welches eine der frühesten Aufnahmen tunesischer Volksmusik beinhaltet. Ein Zusammentreffen von Tunesiern, Sängern, Musikern, Dichtern, Sammlern und einem Vorfahren, Sadok, der durch seine Stimme in die Heimat zurückkehrt, die Stimme, die vor hundert Jahren in einem Kriegsgefangenenlager in Deutschland aufgenommen wurde.

Was inspiriert euch?

Marie Guerin: Ich spiele elektroakustische Musik, sogenannte “musique de support”, die ein paar Jahrzehnte nach den ersten Tonaufnahmen entstanden ist. Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Konzept der Klang- und Archivierungsbanken. In meiner künstlerischen Arbeit verwende ich diese Inventare und Audiosammlungen wieder. Ursprünglich von Forschern (Linguisten, Lieder-Jägern, Anthropologen, …) konzipiert, zweige ich diese “wissenschaftlichen” Klangbanken für musikalische und kreative Zwecke ab. Auf diese Weise hinterfrage ich in meiner Kunst und meinen Kompositionen sowohl die Idee, einen tatsächlich anfassbaren Träger (die Platte selbst) zu verwenden, als auch die Idee, einen Abdruck im kollektiven Gedächtnis zu hinterlassen. Ein Jahrhundert später beginne ich mit “même morts nous chantons” einen Dialog mit diesen Aufnahmen in einer Art Alchemie, die elektroakustische Manipulation, Archiv und Radiofeature vermischt.

Anne Kropotkine: Meine Arbeit bewegt sich zwischen Archiv und Kreation, zwischen dem historischen Ansatz und dem künstlerischen und dokumentarischen Ansatz, zwischen Forschung und Wissensvermittlung, zwischen dem Geschriebenen und dem Mündlichen, zwischen akademischem Schreiben und der Erforschung einer anderen Sprache, mit dem Klang als rotem Faden.

Deine ersten drei Gedanken zu HELLERAU?

Marie Guerin: 

  • ein Ort, den ich  aufgrund der Pandemie nicht persönlich kennen gelernt habe, von dem ich aber gehört habe
  • ein Ort, von dem ich träume, ihn zu entdecken
  • ein Ort, der voll von den musikalischen Erfahrungen von Émile Jaques-Dalcroze ist
  • ein Ort auf einem Gebiet, das ich gerne erkunden würde, um Menschen mit meinen Mikrofonen zu treffen

Anne Kropotkine:

  • die vielfältigen Erinnerungsschichten des Ortes (die Geschichte der Gartenstadt, der Krieg, die kommunistische Zeit) und die Bilder, die ich davon entdeckt habe
  • der Reichtum dieses europäischen Kunstzentrums
  • die Region Sachsen, die mich sehr interessiert (ich kenne Leipzig)

Wie würdet ihr eure Arbeitsweise beschreiben?

Marie Guerin: Ich bin eine “musicienne-mélangeuse”, wie Pierre Schaeffer sagte. Ich arbeite an unserem gemeinsamen Audio-Erbe, an seinem Medium und an den Spuren, die diese Medien hinterlassen. Meine Musik reicht von der radiophonen Grammatik bis zur “musique concrète”, von der dokumentarischen Poesie bis zur Elektroakustik.

Aus der Welt der dokumentarischen Berichterstattung kommend, versuche ich, die Erzählung der Radiodokumentation auf die Bühne zu übertragen. Überzeugt von der Kraft der Stimme und der Stärke der Geräuschkulisse und dem Rohmaterial, das im Realen gesammelt wird, möchte ich das radiophone Feature über die Klassik hinausbewegen.

Anne Kropotkine: Ich bin Radioproduzentin, Schöpferin von Klangkunst, Radiodokumentationen (Features), Autorin, Forscherin.

Mein Schaffen besteht darin, Archive zu erforschen, Aufnahmen zu hören, Stimmen aufzunehmen und zu sammeln und sie zum Leben zu erwecken und sie on air oder durch verschiedene Klanggeräte zu teilen. Meine Arbeit – oft als Kollektiv – nimmt die Form von Radiodokumentationen, Erzählungen, Reportagen, Installationen oder Klangspuren an.