22.10.2018

9. – 11.11.2018, 4:3 Kammer Musik Neu, #1 – 2018

4:3 kann auf einer Fussballanzeigetafel stehen, 4:3 steht aber auch für das Frequenzverhältnis der reinen Quarte, es kann Spannungs-, rhythmische und Mehrheitsverhältnisse benennen, kann Raumdimensionen und Musikerformationen beschreiben — 4:3 stellt immer die Frage nach der Konstellation.

Spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich vor allem das Streichquartett als „Königsklasse“ der Kammermusik etabliert. Luigi Nono wiederum hatte sich viele Jahre dieser Gattung verweigert, erst 1980 wurde sein Streichquartett „Fragmente – Stille. An Diotima“ uraufgeführt. Vielleicht war Nono – als betont politischer Komponist – lange skeptisch gegenüber einer musikalischen Gattung, die zu seiner Zeit eher mit konservativen und weniger avantgardistischen oder sozial engagierten und kritischen Haltungen in Verbindung zu bringen war? Dass Nono sich letztlich doch für diese Komposition entschied, bezeichnete er als Ausdruck eines „gegenwärtigen Experimentierstandes“, entdeckt hatte er für sich eine kollektive und politische Seite des Zarten und Privaten, die Möglichkeit zur großen aufrührerischen Aussage mit kleinsten Mitteln.

Es ist sicherlich richtig, die Anfänge europäischer Kammermusik in der Spätrenaissance zu sehen. Dieser vor allem aus kompositorischer oder musikhistorischer Sicht interessante Ansatz vernachlässigt aber oft eine eher musiksoziologische Perspektive, die Kammermusik auch in der Tradition musikalischer Versammlungskulturen, musikpraktischer Netzwerke und Hör- gemeinscha en beschreiben kann. Hinsichtlich europäischer Traditionen erscheint deshalb z.B. der Beginn der Entwicklung europäischer bürgerlicher Gesellschaften des 18. und 19. Jahrhun- derts als interessanter Bezugspunkt, könnte man doch hier kammermusikalische neben literarischen Salons als prägend und essenziell für diese Entwicklung benennen und damit klarer ein gesellschaftlich relevantes Potenzial beleuchten.

Auch heute ist musikalische Versammlungskultur stark in unserem Alltag verankert, allerdings sind gerade im Bereich der sogenannten ernsten oder klassischen Musik – im Gegensatz z.B. zu Entwicklungen in Jazz, Rock, Electro- nic oder Punk – die benannten gemeinschaftsbildenden Ursprünge musikalischer Salon- und Kammermusikkultur, vor allem aber die von Nono betonten Aspekte des Kollektiven und Politischen, verblasst.

4:3 wird als neues Format in HELLERAU Kammermusik in den Mittelpunkt stellen und dabei ganz bewusst auch kol- lektive und politische Seiten des Zarten und Privaten und die Möglichkeiten zur großen aufrührerischen Aussage mit kleinsten Mitteln untersuchen, will die Rolle der Künstler*innen wie auch des Publikums thematisieren, will Spannungs- wie Raumverhältnisse austesten und Mehrheiten wie Minderheiten zu Wort kommen lassen.

4:3 wird vor allem aktuelle Kompositionen und jüngere Ensembles präsentieren und – gemeinsam auch mit dem Publikum – Plattform für Experimente und die Entwicklung von communities of practice (Jean Lave/Etienne Wenger, 1991) sein. 4:3 wird langfristiger Partner des künstlerischen Nachwuchses sein; 2018 wird die Komponistenklasse Dresden in Kooperation mit dem Bozzini Quartett Uraufführungen präsentieren, Absolvent*innen der Internationalen Ensemble Modern Akademie werden u.a. „Hölderlin Lesen“ von Hans Zender aufführen.

Als zwei der spannendsten jüngeren Vertreter*innen neuer musikalischer Kollektive sind 2018 Ensemble Adapter und Ensemble Decoder bei 4:3 zu Gast. Adapter ist ein deutsch-isländisches Ensemble für Neue Musik mit Sitz in Berlin. Den Kern der Gruppe bildet ein Quartett aus Flöte, Klarinette, Harfe und Schlagzeug. Mit progressivem und kraftvollem Stil widmen sich die Musiker*innen in Konzerten und im Studio einem individuellen und internationalen Repertoire zeitgenössischer Musik, hinterfragen in experimentellen Settings den Begriff des Kammermusikalischen. Erworbenes Wissen über Komposition, Studium und Aufführung von zeitgenössischer Musik teilen sie weltweit mit Komponist*innen, Instrumentalist*innen und anderen Kreativen.

Ensemble Decoder, gegründet 2011 in Hamburg, versteht sich als „Band für aktuelle Musik“ und zählt zu den innova- tivsten und unberechenbarsten Vertreter*innen der internationalen Neue-Musik-Szene. Die Formation, bestehend aus elektronischen und akustischen Instrumenten, zeichnet sich durch einen besonders charakteristischen energetischen Sound aus, hebt sich dadurch deutlich vom Klangbild konventioneller Kammermusikgruppen ab und bricht spielerisch und mit großer Ernsthaftigkeit scheinbar selbstverständliche Rollenverständnisse zwischen Publikum und musikalischen Akteur*innen auf. Zentral ist für Decoder die Zusammenarbeit mit Komponist*innen der jüngeren Generation – wie z.B. mit Brigitta Muntendorf, die das Konzertprogramm von Decoder für HELLERAU kuratieren wird.

Moritz Lobeck Programmleitung Musik und Medien