18.09.2020

Arbeit! – Zwei Bilder von Arbeit, #2 – 2020

Der Performance-Parkour „Gold & Coal“ von Daniel Kötter, Sarah Israel und Elisa Limberg beschäftigt sich mit lokalen und globalen Einflüssen des Rohstoffabbaus auf Landschaften und das Zusammenleben von Menschen. Zwei massive, weithin sichtbare Eingriffe aus verschiedenen Zeiten werden in einer Parallelmontage untersucht: Timika, die aktuell größte Kupfer- und Goldmine der Welt in West Papua/Indonesien, sowie das stillgelegte Braunkohle-Tagebaugebiet rund um Leipzig. Gemeinsam mit dem Experimentalmusiker Ikbal Lubys, dem Performer Darlane Litaay, der Aktivistin Agustina Helena Kobogau, der bildenden Künstlerin Anna Zett und dem Choreografen und Tänzer Hermann Heisig begeben sich die Zuschauer*innen auf eine immersive Reise durch vergangene und gegenwärtige Energie-Landschaften.

Der Künstler Daniel Kötter berichtet von zwei prägenden Begegnungen im Rechercheprozess

Timika

Zwei Tage hatten wir mit Mangun in den Tailings verbracht, ihm und seinen Kollegen beim Goldwaschen zugesehen und abends seinen Geschichten zugehört. Zwei Tage hatten wir gemeinsam mit dem lokalen Dokumentarfilmer Yonri Revolt und unserer 360°-Kamera die Abraum-Landschaft dokumentiert – einen 6 km breiten und 60 km langen Streifen, der die weltgrößte Kupfer- und Goldmine am Nemangkawi Gipfel (4884 m, kolonialer Name: Carstensz-Pyramide) mit dem Regenwald rund um die Bergarbeiterstadt Timika und den Mangrovenwäldern an der Südküste Papuas, Indonesien, verbindet. Im grau-opaken, quecksilberhaltigen Abraumschlamm wächst buchstäblich kein Gras mehr, aber der goldene Schimmer auf den Sandbänken verweist auf das eigentliche Ziel der Träume der Goldwäscher, die sich in temporären Camps hier niedergelassen haben. Hier gibt es weder Elektrizität noch Trinkwasser oder Schutz gegen Dauerregen und Mücken – man arbeitet für ein Versprechen in die Zukunft. Mangun hatte angeboten, voranzugehen und uns den sichersten Fußweg durch die Flussbetten zurück nach Timika zu zeigen. Denn nicht die Chemikalien im Wasser bilden hier die reale Gefahr, sondern die tödlichen Strömungen des Flusses. Mangun wollte nach zwei Wochen im Goldwäscher-Camp mal wieder seine Familie besuchen. Mit ihr war er, wie viele seiner Kollegen, vor 10 Jahren aus anderen Teilen Indonesiens nach Timika gezogen, um als illegaler Goldwäscher seine Zukunft zu vergolden. Nach zwei Stunden Fußweg durch die Tailings, zurück auf der Straße, steigen wir in das erste materialisierte Symbol der Zukunft: Manguns nagelneuen Kompakt-SUV, ausgekleidet mit orangefarbenem Kunstleder und 16 Lautsprecherboxen, die uns bei der Fahrt durch Timika mit Techno beschallen. Vor dem kleinen Laden des einzigen lokalen Goldhändlers halten wir an. Auf die Brief-Waage auf dem Counter legt Mangun sein kleines Plastikbeutelchen mit dem Goldstaub, Resultat von zwei Wochen Arbeit und kapitalisierbares geologisches Destillat einer zerstörten Landschaft.

Leipzig

Für einen Moment herrscht betretenes Schweigen während des Recherche-Interviews und man hört nur noch das Rauschen der nahen Autobahn A38. Wir sitzen im Bergbau-Technik Park bei Leipzig zwischen Markleeberger und Störmthaler See. Von den Fahrerhäuschen der hier ausgestellten Braunkohlebagger könnte man die Segelboote auf dem sulfathaltigen Wasser in den Landschaftslöchern des ehemaligen Tagebaus Espenhain sehen. Mehrere Wochen waren wir mit 360°-Kamera und Mikrofon in den idyllischen Bergbau-Nachfolge-Landschaften unterwegs. Die weiße Wasserdampf-Fahne des Braunkohle-Kraftwerks Lippendorf war dabei unser ständiger Begleiter. Und jetzt sitzen wir peinlich berührt zwischen den ausrangierten rostenden Zeugen einer verschwindenden Industrie einem älteren Mann gegenüber und schweigen. Wolf-Dietrich Chmieleski, ehemaliger Bergmann und heute Touristenführer des Vereins Bergbau-Technik-Park e.V., wischt sich eine Träne von der Wange und entschuldigt sich, bevor er weiterspricht.

Eine Stunde lang hatte er uns mit fester Stimme große Zahlen an den Kopf geworfen, unter denen wir uns nicht so recht etwas vorstellen konnten: Kubikmeter Abraum, Kubikmeter Kohle, Quadratkilometer und Tonnenlasten, Alternativlosigkeit im Energiesektor der DDR. Dann kam er auf jenen Moment zu sprechen, den er bei jeder Führung durch den Technikpark wieder erzählt und erlebt: die Sprengung der Abraum-Förderbrücke des Tagebaus Espenhain am 7. Mai 1997 – die symbolische Demontage einer historischen Arbeit, nun entsorgt auf der Deponie der Geschichte. Chmieleski stand da mit seinen Bergbau-Kumpels, nur wenige Jahre nach dem staatlichen Systembruch, und erlebte also den Bruch im System seiner beruflichen und individuellen Identität. Und 22 Jahre später, in dem wiederkehrenden Moment der Erinnerung, läuft Wolf-Dietrich Chmieleski noch diese Träne über die Wange, Resultat einer gesellschaftlichen Abwertung von Arbeit und Destillat einer individuellen, nie offiziell sanktionierten Trauerarbeit in vermeintlich blühenden Landschaften.