Foto: Dirk Skiba
03.02.2021

Theater genießen wie man ist und sich gerade fühlt, #1 – 2021

HELLERAU und die Landesbühnen Sachsen starten in diesem Jahr gemeinsam ihre Arbeit an Sachsens erster „Relaxed Performance“. Leonie Kusterer (HELLERAU) sprach darüber mit Wagner Moreira, Leiter der Tanzcompagnie der Landesbühnen Sachsen, und der Performerin Sophie Hauenherm.

Was ist eine Relaxed Performance? Ist Theater etwa nicht relaxed genug?

Nein. Nicht immer und nicht für alle. Beim Theaterbesuch geht man als Zuschauer:in davon aus, sich leise verhalten zu müssen, um die Aktionen der Künstler:innen nicht zu stören. Nicht dazwischen zu reden, angemessene Reaktionen im richtigen Moment zu zeigen und bloß nicht den Saal während eines Aktes zu verlassen. Dieses Handeln ist ein gesellschaftlich anerkanntes Zeichen von Respekt gegenüber der Kunst. Das Format Relaxed Performance aber erlaubt eine entspannte und natürliche Art und Weise des Seins. Sie lässt Menschen das Theater so genießen, wie sie sind und wie sie sich gerade fühlen. Sie gibt den Zuschauer:innen die Möglichkeiten zu entscheiden, was persönlich am besten passt: sitzen, stehen oder liegen? Im Dunkeln oder im Hellen? Zwischendurch Pause machen zu dürfen und sich zu entspannen, um die Inhalte zu verarbeiten oder das Stück nochmal anzusehen, um sich Schritt für Schritt mit dem Material vertraut zu machen. Eine Tastführung zu besuchen, um bereits vor dem Stückbesuch den Bühnenraum zu erfahren. Nicht zu starken und/oder Stress erzeugenden Reizen wie Stroboskop oder Nebel ausgesetzt zu sein. Während der Vorstellung sich auch artikulieren zu dürfen, sich zu bewegen, wenn es einem passend erscheint oder man das Bedürfnis danach hat. Das alles ermöglicht die Relaxed Performance.

Was ist inhaltlich das Thema eurer Arbeit?

Das zentrale Thema unserer Arbeit ist „Difference“, das englische Wort für „Unterschied“. Wir untersuchen und erleben Unterschiede in verschiedenen Aspekten und spannen ein weites Feld des Seins, des Denkens und des Könnens auf – räumlich, körperlich, psychisch. In der Arbeit zelebrieren wir unsere „Differences“, wir bearbeiten sie positiv miteinander und erarbeiten damit auch eine Hierarchielosigkeit. Denn die Unterschiede, die sind doch das Schönste und Interessanteste, was es im Leben und in der Welt gibt.

Wieso ist es für euch wichtig, eine solche Relaxed Performance innerhalb der professionellen sächsischen Theater- und Tanzlandschaft zu positionieren?

Die Form und Praxis der Relaxed Performance ist in der sächsischen Theaterlandschaft leider noch nicht sehr bekannt. Zusammen mit den Landesbühnen Sachsen und mit HELLERAU ist es uns ein starkes Bedürfnis, neue Wege im Bereich Mobilität und Zugänglichkeit zu gehen. Es geht uns um den Abbau von Barrieren und die Öffnung des Theaters für vielerlei Publikumsgruppen, die bisher aus verschiedenen Gründen die Häuser und Stücke kaum besuchen konnten. Kultur ist immerhin ein Menschenrecht.

Sophie, du bist Performerin in dieser Arbeit. Du hast an der Dresdner Palucca Hochschule für Tanz studiert. Wie sind deine Erfahrungen zum Thema Zugänglichkeit und Bühneninstitution?

Zugänglichkeit beginnt in der Sprache, besondersdurch die Wahl der Ausdrucksweise von bestimmten Themen. Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Einschränkungen dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass ihre Stimmen weniger wert sind oder gar ungehört bleiben. Jeder Mensch hat das Recht, mit seinen individuellen Fähigkeiten Teil der Kunst zu sein, denn Tanz und Bewegung selbst sind wertfrei. Die Regeln für den Tanz schreibt jedoch der Mensch, und diese werden heute Stück für Stück aufgebrochen, um der bestehenden Stigmatisierung entgegenzuwirken. Am wichtigsten ist die Offenheit gegenüber den Beteiligten, besonders auf der Ebene der Kommunikation. Selbst wenn eine Erfahrung mit Menschen mit Behinderung noch nicht besteht, ist es durch einen Austausch zwischen verschiedenen Individuen sehr gut möglich, gemeinsam einen Weg zu finden. Dies habe ich anhand meiner eigenen Situation erlebt, in der mir der Abschluss trotz meiner körperlichen Behinderung an der Palucca Hochschule möglich wurde.

Wagner, du bist Choreograf und neuer Leiter der Tanzcompagnie der Landesbühnen Sachsen. Wie bist du zum Themencluster Teil – habe und Inklusion im Tanz gekommen?

Nach einem Engagement als Bühnentänzer in Zittau folgte eine große Verletzung mit einer invasiven Operation an meinem Hüftgelenk. Diese machte mir meine weitere Karriere als Tänzer unmöglich. Als Tanzpädagoge und Choreograf habe ich in Brasilien schon sehr früh mit Menschen mit Behinderung gearbeitet. Dass ich in diesem Bereich weiter arbeiten wollte, verstärkte sich, als ich dann eine Ausschreibung für Tänzer:innen mit und ohne Behinderung für eine professionelle Produktion in Köln las. Ich fühlte mich angesprochen und gleichzeitig verortet. Seitdem arbeite ich in verschiedenen mixed-abled Kontexten in unterschiedlichen Positionen und Ländern. Mixedability wurde für mich nicht nur eine Form, sie wurde meine künstlerische Ästhetik.

Wie werdet ihr den Produktionsprozess gestalten, damit wirkliche Gleichheit zwischen Menschen mit und ohne Behinderung geschaffen wird?

Wir werden das Stück in einem kollaborativen künstlerischen Prozess gemeinsam entwickeln. Es geht nicht mehr um die Handschrift einer künstlerischen oder choreografischen Leitung. Die Regie/Choreografie formt die einzelnen Bilder lediglich zu einem runden Abend. Die Performer:innen, Tänzer:innen verstehen sich als Teil der Kreation, sie sind gefragt, im Prozess aktiv teilzuhaben.