18.09.2020

Arbeit! – Neue Horizonte für historische Stoffe, #2 – 2020

Neue Horizonte für historische Stoffe

Die Bildungswissenschaftlerin Eva Renvert im Gespräch mit dem Theaterkollektiv andcompany&Co. über ihr aktuelles Stück „Neue Horizonte: Eternity für alle!“

Ihr beschäftigt euch mit der „Horizonte“-Inszenierung, einem Stück, das DDR-Theatergeschichte geschrieben hat und das in Verbindung mit Themen wie Arbeitertheater oder Kybernetik steht. Wie ist die Idee entstanden und was interessiert euch an dem Stoff?

Am Anfang stand das Interesse für Kybernetik. Von der stolzen neuen Leitwissenschaft ist heute begrifflich fast nur die Bezeichnung der „Cyberattacke“ geblieben. Doch es gibt gute Gründe, sich mit der Geschichte der Kybernetik zu beschäftigen: Die Kybernetik war ein Vorläufer der heutigen Netzwerk- und Systemtheorien Insofern ist sie gewissermaßen von Anfang an in das Web 2.0 eingegangen. Es geht um die Verbindung von Kommunikation und Kontrolle. Heiner Müller hat das auf verblüffende Weise vorhergesehen: „Jeder sein eigner Spitzel!“

Das Stück gibt es in zwei Bearbeitungen: von Gerhard Winterlich, der es für das Arbeitertheater des Petrolchemischen Werkes 1968 in Schwedt schrieb, und von Benno Besson und Heiner Müller, die es 1969 für die Volksbühne Berlin adaptierten. Wie geht ihr mit diesen zwei Vorlagen um?

Müller hat hier ausnahmsweise mal so gearbeitet wie wir immer arbeiten – als „embedded writer“ in einem Stückentwicklungskollektiv: „Alle dichten mit!“. Das Stück war zwar kein Erfolg, hatte aber durchaus Wirkung: Es prägt die Volksbühne bis heute. Es wird auch von uns zwei Fassungen geben: eine, die in Schwedt mit ehemaligen Beteiligten des Arbeitertheaters entwickelt wird, und eine spätere Version mit Schauspieler*innen.

Das Stück ist ja an Shakespeares „Sommernachtstraum“ angelehnt und spielt mit mehreren Ebenen. Inwieweit fließt dieses Moment in eure Inszenierung ein?

Uns interessiert es, mit ehemaligen Mitgliedern des Arbeitertheaters Schwedt zusammenzuarbeiten, die damals sich selbst als Arbeiter*innen gespielt haben. Der Autor Gerhard Winterlich war inspiriert von Georg Klaus, dem „Godfather der DDR-Kybernetik“. 1968 erschien dessen Spieltheorie, die davon ausgeht, dass alle Zuschauenden im Theater mitspielen, da sie ein „inneres Modell der Außenwelt“ besäßen. Letztendlich geht es um die aktuelle Debatte der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Der „neue Horizont“ unserer Zeit ist eine Art „digitale Unsterblichkeit“ – in einer Gesellschaft, die von krasser Ungleichheit geprägt ist. Daher auch der Titel: „Eternity für alle!“ Das könnte in nicht allzu ferner Zukunft eine reale politische Forderung sein. Heiner Müller hat allerdings noch eine andere mögliche Entwicklung vorhergesehen – das Verschwinden des Menschen. Kurz vor seinem Tod erzählte er Alexander Kluge: „Wichtig im Universum ist nicht das organische Leben, sondern die Information, wenn sich herausstellt, dass die Computer – dass die Maschinen – die Informationen besser transportieren können als der Mensch, wenn der Mensch als Vehikel nicht mehr ausreicht, dann muss der Computerforscher oder Spezialist beitragen zur Vernichtung der Menschheit, damit die Computer den Transport der Informationen übernehmen.“

Werdet ihr in dieser Inszenierung wieder dokumentarisch arbeiten und wie geht ihr vor?

Wir haben zunächst Interviews – zeitgemäß via Zoom – mit den damaligen Beteiligten als Expert*innen ihrer eigenen Geschichte geführt. Diese digitale Interview-Form passte gut zum Thema, da es laut Müller um die „Einführung der Kybernetik in soziale Beziehungen“ geht. Uns interessieren dabei v.a. die Theorien von Georg Klaus, der als „perfekte Synthese aus Marx und Luhmann“ gefeiert wird. Er hatte vorgeschlagen, Knöpfe am Fernseher zu installieren, damit die Bevölkerung zur „Perfektionierung der Demokratie“ direkt abstimmen könne. Dazu ist es nie gekommen. Ein kleines Update der Demokratie – nicht nur technisch – könnte hier sicherlich auch heute nicht schaden.

Inwieweit werdet ihr den Umgang mit der Geschichte der DDR thematisieren?

Uns haben schon immer die Momente interessiert, in denen sich in der Geschichte ein Türchen geöffnet hat, das kurz danach bereits wieder verschlossen wurde. Der Journalist Klaus Taubert war 1970 bei der „Ostseewoche“ in Rostock Zeuge von Walter Ulbrichts Vorschlägen einer effektiveren Volkswirtschaft, inklusive Bildungsreform, technischer Innovation und umfassender Computerisierung. Tauberts Artikel wurde damals verhindert und kurz danach bekanntgegeben, dass Ulbricht die Macht an Honecker abgeben würde, der diese radikalen Pläne begrub. Welche Herausforderungen gab es in eurem Arbeitsprozess? Ein Stück zu entwickeln ohne physischen Kontakt – das passt zum Thema. Wir haben wochenlang einen immensen Aufwand betrieben, um alle Senioren*innen mit Video für Proben via Videokonferenz fit zu machen. Unsere Mitarbeiter*innen haben mit einigen stundenlang telefoniert, um aus der Ferne beim Installieren der Software zu helfen. Um die Einzelinterviews in einer höheren Qualität einzufangen, haben wir via Kurier unseren Camcorder nach Schwedt geschickt. Den haben die Gesprächspartner*innen dann selbst mit Hilfe der Fernanleitung von uns aufgebaut. Das war total spannend, weil es ja auch so eine soziale Komponente hat, jetzt Menschen mit Technik und Know-how auszustatten, die ansonsten gar nicht teilhaben würden an dieser Form von Kommunikation – ein Aufbruch zu „neuen Horizonten“.