Künstlerisches Team bei der Probe v.l.n.r.: Oleg Michailov (Videodesign), Johannes Kirsten (Dramaturgie), Maxim Didenko (Regie), Vladimir Varnava (Choreografie), Foto: Stephan Floss
18.09.2020

In jedem Moment alles sichtbar machen – Musiktheater „Schlachthof 5“ nach dem Roman von Kurt Vonnegut, #2 – 2020

Wir erinnern uns – permanent. Manchmal sind es gute Erinnerungen, manchmal schlechte, manche Erinnerungen verblassen, andere schienen längst vergessen und sind plötzlich wieder da. Wir tragen alle Persönlichkeiten, die wir einmal waren und vielleicht auch im Alter sein werden, bereits in uns. „Alle Augenblicke – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – waren immer vorhanden, werden immer vorhanden sein“, heißt es in Kurt Vonneguts Roman „Schlachthof 5“. Er hat in seinem Text für dieses Phänomen des Erinnerns unterschiedlicher Phasen eines Lebens eine kongeniale Übersetzung gefunden.

Es sind nicht irgendwelche Erinnerungen, die Vonnegut verarbeitet, sondern Erinnerungen an eines der schrecklichsten Kapitel des 20. Jahrhunderts. Vonnegut erlebte als junger amerikanischer Soldat in deutscher Gefangenschaft die Bombardierung von Dresden. Er erzählt über das Grauen des Krieges und macht zugleich das Erinnern selbst zum Thema. Sein Roman ist Collage, Satire, Biografie, Science Fiction und alles zugleich: Fragmentarisch-ausschnitthaft wandert die Romanerzählung durch unterschiedliche Zeitebenen und lässt persönliche Erfahrung und Erlebtes mit Fiktion zusammenlaufen.

Das Team um den russischen Theaterregisseur Maxim Didenko hat eine neue Bühnenfassung von „Schlachthof 5“ entwickelt, die im September in HELLERAU uraufgeführt wird.

Johannes Kirsten, Dramaturg und Autor des Librettos der musikalischen Bühnenfassung sprach mit dem künstlerischen Team der Produktion.

Maxim Didenko – Regie

Als das Team von HELLERAU Kontakt mit mir aufnahm und mir anbot, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln, habe ich begonnen, mich stärker mit der Geschichte Dresdens zu beschäftigen und Bücher mit einem Bezug zur Stadt zu lesen. Von Kurt Vonneguts „Schlachthof 5“ hatte ich schon einmal gehört, wusste aber nicht mehr, dass es eigentlich ein Buch über die Bombardierung von Dresden ist. Beim Lesen wurde mir klar, dass es um sehr viel mehr geht – um Gewalt, um die Verarbeitung eines Traumas, vor allem aber um Erinnerung. Ich mag die Idee des Buches, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im selben Moment stattfinden. Dieser Gedanke ist sehr nah an dem, wie ich die Realität wahrnehme. Ich empfinde es als eine wunderbare Herausforderung, einen Weg zu suchen, wie man durch Theatermittel die Gleichzeitigkeit der Zeiten erzählen oder erfahrbar machen kann – dass unsere Geburt, unsere Kindheit und unser Tod im selben Moment stattfinden und eigentlich Vergangenheit und Zukunft nicht wirklich existieren, sondern wir nur das Hier und Jetzt haben, in dem alles enthalten ist.

„Schlachthof 5“ ist 75 Jahre nach dem Ende des Krieges der beste Stoff für ein Projekt in Dresden. Der Zweite Weltkrieg ist ein Thema, das alle Nationen Europas miteinander verbindet – in meinem Fall Russland und Deutschland. Ich hatte dann noch die Idee, mit dem Amerikaner AJ Weissbard als Bühnenbildner zu arbeiten und so drei Nationen des Zweiten Weltkrieges in dem Projekt miteinander zu verbinden.

Wie wir den Stoff jetzt umsetzen, hat seinen Ausgangspunkt in meinen Wurzeln in HELLERAU. Ich war hier Performer bei der Gruppe DEREVO. Das prägt mich bis heute. Mein Theater ist ein sehr physisches Theater. Weil wir „Schlachthof 5“ als freies Projekt von Anfang an so entwickelt haben, wie wir es wollten, haben wir nicht Schauspieler* innen, sondern Sänger*innen und Tänzer*innen für die Umsetzung engagiert. Wenn ich in Russland arbeite, muss ich normalerweise mit Theaterschauspieler*innen arbeiten, die nicht wirklich gute Tänzer*innen sind. Die Idee, „Schlachthof 5“ als eine Mischung aus Musik, Tanz und Theater zu realisieren, entstand auch aus dem Kontext des Aufführungsortes, dem Festspielhaus und seiner Geschichte. Hier spielen Tanz und zeitgenössische Musik eine große Rolle. Das ist vielleicht nicht der leichteste Weg, die Geschichte des Buches zu erzählen, aber diese Schwierigkeit inspiriert mich mehr, als dass es mich abschreckt. Wegen der Corona-Situation haben wir, um mit den Abstandsregeln umgehen zu können, das Raumkonzept noch einmal komplett geändert. Es wurde also im Vorbereitungsprozess immer komplizierter und ich merkte, dass mich das umso mehr gereizt hat.

Vladimir Rannev – Komposition

„Schlachthof 5“ ist der Roman eines amerikanischen Autors über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg, über die Bombardierung von Dresden, die er miterlebte und über die Schwierigkeit zu erinnern. Wir setzen den Stoff jetzt als russisch-amerikanisch-deutsches Team um. Letztlich aber sind die Nationalitäten damals und heute nicht wichtig. Die wahren Grenzen zwischen den Kriegsfeind*innen in beiden Weltkriegen und zahlreichen nachfolgenden lokalen Kriegen lagen nicht zwischen Völkern, sondern zwischen Verbrecherregierungen, deren egoistische Interessen Blut forderten, und Menschen, die diese Verbrecher*innen regieren ließen mit der Konsequenz, Blut für ihre Interessen zu vergießen. Die einen hatten gut gelernt, wie die anderen zu manipulieren sind und wie Hass beiläufig und gleichgültig wie Waffen produziert werden kann. Vonneguts Roman ist wichtig, weil er den kriminellen Charakter des Krieges als Tätigkeit von Verbrecherregierungen aufdeckt – egal, ob deutsch, amerikanisch oder russisch. Leider hat das an Aktualität nicht verloren. Wie lässt sich so ein Stoff in Musik übersetzen?

In dieser für ein Vokalensemble komponierten Oper gibt es keine heroischen Chöre und aufregenden Arien. Es ist vielmehr eine konzentrierte, introvertierte Erzählung, ein Monolog, der zwischen den acht Stimmen des Ensembles kontrapunktiert wird. Der musikalische Leiter der Produktion, Olaf Katzer, verglich einmal die Methode der Darstellung eines verbalen Textes in dieser Partitur mit der von Heinrich Schütz. Stilistisch geht es natürlich um völlig andere Dinge, aber ich habe für mich selbst unerwartet bemerkt, dass Olaf in Bezug auf die Vertonungsstruktur des Textes Recht hat. Auch wenn der Roman sehr durch Zeit und Raum springt, bemühe ich mich um eine durchlaufende Musikentwicklung. Es gibt keine Epochenporträts oder Handlungsorte, denn für Billy Pilgrim, den Helden des Romans, ist der Krieg kein Abenteuer, sondern eine Erfahrung schmerzhafter Reflexion und Selbstbeobachtung.

AJ Weissbard – Bühne und Kostüme

Als ich in meiner Jugend „Schlachthof 5“ las, bemühte ich mich sehr darum, den roten Faden in diesem Roman zu finden. Jetzt, beim Wiederlesen in Vorbereitung für dieses Projekt, war mir die Narration überhaupt nicht mehr wichtig. Ich folgte vielmehr den Andeutungen und Assoziationen des Romans und entdeckte das Buch noch einmal vollkommen neu. Wie man eine Geschichte wahrnimmt, wird stark vom Kontext des/der Leser*in beeinflusst. Ein Gedanke, der umso wichtiger im Theater ist. Wenn wir diesen Roman jetzt für die Bühne adaptieren, dann muss unsere Interpretation für ein Publikum von heute funktionieren. Aber so wie der rote Faden des Romans unvorhersehbar springt, änderte sich auch unsere Herangehensweise an den Stoff, da unser eigener Kontext und unsere Wahrnehmung der Welt in den letzten Monaten radikal umgekrempelt wurden.

Bei der ersten Annäherung an das Projekt haben wir versucht, den architektonischen Charakter des Festspielhauses mit dem fließenden Gedankenraum unseres Erzählers und seines Universums zu verbinden. Es war ein Exkurs durch traditionelle Präsentationen im Festspielhaus, der jedoch den Rahmen sprengte. Ein späterer Ansatz führte zu einer klassischeren und bescheideneren Interpretation. Dann kam die Corona-Tragödie dazwischen.

Die Herausforderung der COVID-19- Pandemie hat das Leben auf der ganzen Welt und in jeder Branche erschüttert. In der Kunst stellen wir uns auf neue Herausforderungen ein, was die Zusammenarbeit und die Realisierung von Projekten, die Begegnung mit dem Publikum und viele weitere Herausforderungen angeht. Diese einzigartige Situation hat uns veranlasst, das Konzept für „Schlachthof 5“ in HELLERAU zu überdenken, um die Sicherheit von Publikum und Darsteller*innen zu gewährleisten und dennoch ein künstlerisches Arbeiten zu ermöglichen. In unserer Interpretation von „Schlachthof 5“ wird in jedem Moment alles sichtbar sein; es wird eine Theaterinstallation sein, die Zuschauer*innen und Performer*innen in einem gemeinsamen Raum versammelt. Die Zuschauer* innen gestalten ihre persönliche Reise durch den Stoff, indem sie ihren eigenen Schwerpunkt wählen und ihre eigenen Erfahrungen kuratieren. Die Unmöglichkeit, ein vollständiges Bild vermittelt zu bekommen, korrespondiert mit den momentan vorherrschenden Fragen: Was ist sicher, was ist mit uns geschehen und was kann die Zukunft bringen?

Olaf Katzer – Musikalische Leitung

Seit 2005 bin ich in Dresden und wohne in derselben Straße, in der vor dem Krieg auch meine Urgroßeltern gelebt haben, bis sie in einen Vorort umgezogen sind. In Dresden ist es unmöglich, die Bedeutung des 13. Februar 1945 für die Stadt nicht wahrzunehmen. Zwei unterschiedliche Momente blieben mir nachhaltig im Gedächtnis. Einmal ein großer Neonaziaufmarsch vor ein paar Jahren. Die menschenleere Stadt und das große Polizeiaufgebot waren gespenstisch. Positiver ist eine Erinnerung an die Gedenkveranstaltung vor zwei, drei Jahren auf dem Heidefriedhof, die ich zusammen mit dem Jungen Ensemble umrahmen durfte.

Vonneguts Roman habe ich erst jetzt in Vorbereitung auf das Projekt gelesen. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie aus so einer heterogenen Erzählung ein Theaterabend werden kann.

Die Mehrdimensionalität, die sich jetzt schon abzeichnet, übt eine große Faszination aus. Die Wort-Ton-Beziehung ist für mich natürlich das Spannendste, also wie die Inhalte des Romans auch mit Musik fasslich oder sinnlich erfahrbar gemacht werden können. Was bisher komponiert ist und wie Vladimir mit der Zeitstruktur umgeht, um den Gedanken des Romans der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erfahrbar zu machen, gefällt mir sehr. Vladimir hat dem Parameter Tonhöhe eine eigene Substanz gegeben. Er hat die Tonhöhe ihrer westeuropäischen Funktion entrissen. Wir haben ein Tonspektrum, und die jeweilige Tonhöhe ist teilweise dem Zufall überlassen. Die rhythmische Struktur fällt sofort auf. Die Tonhöhen haben ihre Grundlage in der Erzählung und wirken äußerst suggestiv. Im besten Fall wird ein Zustand geschaffen, in dem wir die Normalität vergessen und erfahrbar wird, was der Roman mit Worten erzählt. Die größte Herausforderung für uns als AuditivVokal ist das Eintauchen in Vladimirs Kosmos und seinem Verlangen zu folgen, sich trotz der packenden Rhythmen ganz dem natürlichen Singen hinzugeben.