14.01.2020

„Kvartira“ als Utopie, #1 – 2020

Die Journalistin und Produzentin Nika Parhomovska über ein einzigartiges Theaterexperiment

Im gegenwärtigen russischen Theater gehen soziale oder inklusive Projekte überwiegend auf Initiativen unabhängiger Gruppen oder Regisseur*innen zurück, die sich ehrenamtlich engagieren oder vom Staat oder privaten Stiftungen durch Fördermittel unterstützt werden. Obwohl die Inklusion in letzter Zeit inoffiziell en vogue ist und Menschen mit Behinderungen oder Menschen aus sozial schwachen Gruppen stärker als vor ein paar Jahren in den kreativen Prozess einbezogen werden, befindet sich das soziale Theater immer noch an der Peripherie zum „offiziellen“ Theater. Die Tatsache, dass in den Jahren seines Bestehens zwischen 2017 – 2019 das „Kvartira“-Projekt breit diskutiert wurde, lässt darauf hoffen, dass das Interesse an diesem Thema wachsen wird. Denn „Kvartira“ gibt es nicht mehr. Seit Abschluss des Projekts in einer Petersburger Wohnung sind mehrere Monate vergangen und eine kleine Theaterlegende ist entstanden. Jetzt ist es möglich, sich rückblickend über die Bedeutung dieses Experiments klar zu werden.

Boris Pavlovich und die Leitung der Alma Mater Stiftung zur Förderung von Kunstinnovationen entwickelten vor einigen Jahren die Idee, einen Theaterraum in einem Wohnhaus zu etablieren. Ich kam als Produzentin mit umfangreicher Erfahrung im Bereich des sozialen Theaters dazu. Weitere Akteur*innen schlossen sich schnell der Suche und dem kreativen Prozess dieses besonderen theatralischen „Kraftortes“ an: eine Gruppe von jungen Künstler*innen unter der Leitung von Katerina Andreeva, die Schauspieler*innen des inklusiven Theaterstücks „Die Vogelsprache“, das Pavlovich während seiner Tätigkeit am Bolshoi Drama Teatr St. Petersburg inszeniert hatte, ein Choreograf, ein Chorleiter sowie ein musikalischer Leiter. Vor allem aber drehte sich alles um Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen. Pavlovich machte regelmäßig Workshops mit ihnen. Nachdem die Idee entstand, ein eigenes Wohnungstheater zu gründen, wurden diese Workshops intensiver und zielgerichteter. Als eine geeignete Wohnung im Zentrum von St. Petersburg gefunden wurde, begann man, sie zu renovieren und einzurichten. Viele Enthusiast*innen brachten sich mit ihrer Zeit, Sachspenden und anderen Ressourcen ein, um den kreativen Zusammenschluss von Theaterprofis und Menschen mit geistiger Behinderung zu ermöglichen.

Während die Verantwortlichen für das Management noch technische Fragen klärten, wurde ein Schauspieler*innenteam angeworben. Im Rahmen eines Open Calls konnten sich junge Absolvent*innen der Theaterhochschulen, die sich für das soziale Theater interessierten, für das Projekt bewerben. Bis Oktober 2017 war das Team komplett und bestand aus rund vierzig Personen, darunter neun Student*innen aus dem Zentrum „Anton tut rjadom“ für die Rehabilitation von Erwachsenen mit Autismus-Spektrum-Störungen. Die erste Premiere im neu eröffneten „Kvartira“ war das Stück „Non-Children‘s Talks“, das im November 2017 für eine gemischte Gruppe von Kindern mit und ohne Behinderung und deren Eltern aufgeführt wurde. Bald darauf gehörten zum „Kvartira“-Repertoire auch die für das Projekt symbolträchtigen „Gespräche“. Dieses Theaterstück entstand nach einer Buchvorlage von Leonid Lipavsky, der Gespräche zwischen seinen Freund*innen der Künstler*innengruppe OBERIU in den 20er Jahren aufgezeichnet hatte. Für das Stück „Gespräche“ gab es zwei Versionen: Die erste räumte den Zuschauer*innen eine noch nie dagewesene Freiheit ein und fußte nicht auf einer klaren Partitur, sondern auf Improvisationen. Die zweite Version zeichnete sich dadurch aus, dass sie eine geregelte Struktur und einen Zeitplan hatte. Dieser ermöglichte den Zuschauer*innen, ihre eigenen individuellen Routen durch verschiedene Räume zu berechnen – von der Bibliothek über das Kinderzimmer bis hin zu Wohnzimmer und Küche. Die Aufführung lief mehr als vierzigmal und wurde für den russischen Nationaltheaterpreis „Goldene Maske“ in der Kategorie „Experiment“ nominiert.

Ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des Projekts waren zwei weitere Aufführungen, die im zweiten Jahr seiner Existenz gezeigt wurden. Zum einem war es die inklusive „Märchenfabrik“. Sie wurde von der französischen Anthropologin und Schauspielerin Hélène Malayet initiiert, die professionelle Schauspieler*innen und Student*innen aus dem Zentrum „Anton tut rjadom“ unterrichtete und ihnen dabei half, sich an die Geschichten aus ihrer Kindheit und an die von ihnen gehörten Märchen zu „erinnern“ und sogar ihre eigenen Märchen zu entwickeln. Das daraus entstandene Theaterstück wies Ähnlichkeiten mit dem Genre des Stand-up-Storytellings auf und war durch ein gemeinsames musikalisches Thema und eine durchdachte Komposition miteinander verbunden. Die letzte Premiere, gespielt im „Kvartira“ in der Moika-Straße 40, war das Stück „Die Erforschung des Horrors“, das ebenfalls nach den „Gesprächen“ von Lipavsky entwickelt wurde. Diesmal wurde es aber ohne Schauspieler*innen mit Autismus-Spektrum-Störungen aufgeführt. In den zwei Spielzeiten, in denen es „Kvartira“ gab, wurden formal und inhaltlich sehr unterschiedliche Stücke aufgeführt. Der Raum, der verbindend und inklusiv gedacht war, brachte tatsächlich Menschen zusammen, die sich für ein Theater als Labor und Prozess interessierten. Der Leistungsgedanke trat in den Hintergrund, obwohl die Leistung von „Kvartira“ beeindruckend ist und nicht nur in zahlreichen Nominierungen und Auszeichnungen zum Ausdruck kommt. Sie äußert sich vor allem darin, dass trotz des Verlusts des Spielortes das Team und die Inszenierungen nach wie vor bestehen, an unterschiedlichen Orten gespielt wird und neue Projekte entwickelt werden.