Proben ... Tasten ... Hören, Audiodeskription in HELLERAU,#2-2022

Seit Beginn der Spielzeit 2021/2022 finden sich auf einzelnen Programm-Aufkündigungen in HELLERAU ein neues Icon: ein durchgestrichenes Auge mit den Buchstaben AD daneben. Kommt diese Aufführung dann ohne Bild aus? Nicht ganz. AD steht in HELLERAU, wie auch an vielen anderen Orten und Spielstätten innerhalb Europas, für Audiodeskription. Wir erklären, was es damit auf sich hat und wie Audiodeskriptionen im Kontext der Performing Arts entstehen.

Bei einer Audiodeskription handelt es sich um eine akustische  Beschreibung  von  visuellen  Inhalten.  Diese  wird  je  nach  Ausgangsmedium  und  Umfeld  sowie  technischen  Möglichkeiten unterschiedlich entwickelt und richtet sich an Menschen innerhalb eines sehr breiten Spektrums von Sehbehinderung. Gleichermaßen angesprochen werden geburtsblinde Publika oder auch Menschen gehobenen Alters, die in den hinteren Reihen nicht mehr alles erkennen können. Audiodeskriptionen sind als Grundbestandteil einer inklusiven gesellschaftlichen Praxis und aktiven Teilhabe an kultureller Vielfalt zu verstehen und werden auch in HELLERAU realisiert. Auf diese Weise können möglichst viele Personen gemeinsam zeitgenössische Entwicklungen innerhalb der Performing Arts zu aktuellen Fragen der Zeit wahrnehmen.

Der Lernprozess zu Erstellung und Verbreitung von Audiodeskriptionen  hat  jedoch  gerade  erst  begonnen.  Seit  der  UN-Behindertenkonvention von 2009 entwickelt sich ausgehend von Impulsen im anglophonen Sprachraum ein immer stärkeres Bewusstsein für die Zugänglichkeit für Menschen mit Sehbehinderung. Daraus sind konkrete Formate wie die simultane Audiodeskription und taktile Führung entstanden, die immer stärker verbreitet und nachgefragt werden. In  HELLERAU  werden  die  Audiodeskriptionen  derzeit  zusammen  mit  Gravity  Access  Services  realisiert,  einem  Programm des Choreografen und Tänzers Jess Curtis. Mit speziell weitergebildeten Tänzer:innen und Choreograf:innen bietet er eine Reihe von Dienstleistungen an, um Live-Performances für Zuschauer:innen mit unterschiedlichen sensorischen Modalitäten und körperlichen Voraussetzungen zugänglicher zu machen. Dazu gehören Live- und aufgezeichnete  Audiobeschreibungen  oder  haptische  Führungen  vor  der Aufführung. Es wurde ein System entwickelt, das Schritt hält mit der Schnelligkeit und Wandelbarkeit von zeitgenössischen Tanzproduktionen. An Theaterhäusern mit eigenen Ensembles werden Stücke und somit auch entsprechende Audiodeskriptionen über einen längeren Zeitraum eigenständig entwickelt. Doch wie werden Audiodeskriptionen für Tanzproduktionen entwickelt, die international touren oder erst kurz vor der Premiere in den Endproben fertiggestellt werden? 

Proben und Skript

Da viele zeitgenössische Produktionen in HELLERAU keine komplette Videoaufzeichnung besitzen oder sich Elemente im Bühnenraum verändern, schaut sich ein:e Mitarbeiter:in von Gravity Access Services in der Regel zunächst die Generalprobe  oder  auch  die  erste  Aufführung  an.  In  diesem  Rahmen entstehen Notizen, die nicht nur die Handlungen umfassen, sondern auch einen Großteil der sichtbaren Elemente,  die  die  Bühnenerfahrung  ausmachen.  Wie  ist  das  Licht gesetzt? Wie ist die Atmosphäre? Wie groß ist der Publikumsraum?  Welche  Elemente  sind  zunächst  nicht  sichtbar,  werden  aber  später  bedeutsam  für  Handlungen  und  Bewegungen?  All  diese  Informationen  fließen  in  ein  Skript  ein, das Grundlage für die simultane Beschreibung als Audiodeskription bei der folgenden Aufführung ist.

Tastführung und Selbstbeschreibung der Künstler:innen

Damit sich die Nutzer:innen der Audiodeskription das Bühnengeschehen und auch abstrakte Elemente gut vorstellen können, wird jeweils eine Stunde vor Aufführungsbeginn eine ca.  30-minütige  Tastführung  bzw.  Haptic  tour  angeboten,  bei der man den Performer:innen begegnen und den Bühnenraum vorab haptisch erfahren kann. Ein zentraler Punkt ist hierbei auch die Selbstbeschreibung der performenden Personen, sodass in der Audiodeskription selbst mit Namen agiert werden kann, die mit direkten Personen, ihrer Stimme und Physis verknüpft werden können.

 Voreinlass & Audiodeskription

Vor dem Aufführungsbeginn können die Nutzer:innen der Audiodeskription  den  Saal  schon  eher  betreten,  müssen  sich also nicht durch die Reihen drängen oder fremde Personen  bitte,  einen  Platz  zur  Verfügung  zu  stellen.  Die  Au-diodeskription selbst wird dann über Kopfhörer und einen kleinen  Tonempfänger  direkt  ins  Ohr  vermittelt.  So  lassen  sich  Lautstärken  und  Nutzung  individuell  anpassen,  da  es  in den Aufführungen zu bewusst gesetzten Schwankungen in  der  Akustik  kommen  kann.  Die  beschreibende  Person  befindet sich während der Aufführung in HELLERAU in der Regel in einem speziell eingerichteten Tonraum, in dem das Geschehen live über einen Videomonitor zu verfolgen ist. Über  Funk  wird  das  Signal  in  die  Bühnenräume  des  Festspielhauses übertragen, sodass man sich auch frei bewegen kann, wenn es die Produktion erfordert. Die Aufführung mit Audiodeskription kann nun beginnen!

 

Nächste Aufführungen mit Audiodeskription in HELLERAU

16./17.09.2022

The Way You Look (at me) Tonight

Claire Cunningham & Jess Curtis

Tanz

 

19.11.2022

Don’t you dare!

Miller de Nobili

Tanz

Premiere am 18.11.2022

Audiodeskription von Gravity Access Services Berlin

Gravity Access Services Berlin: audio description and access management wird unterstützt durch DIEHL+RITTER/TANZPAKT RECONNECT, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen der Initiative NEUSTART KULTUR. Hilfsprogramm Tanz