15.05. – 24.05.2020

Erbstücke

Festival zu Erbe und Tradition in der zeitgenössischen Kunst #2

2020 setzen wir unsere Spurensuche im Feld der Traditionen und Erbstücke fort. Die Beschäftigung mit Erbe hat schon immer eine globale Dimension. Das zeigt nicht nur der flüchtige Blick in die mit „exotischen“ Schätzen gefüllte Wunderkammer Augusts des Starken oder auf das Yin-Yang-Zeichen am Giebel des Festspielhauses. Émile Jaques-Dalcroze und Heinrich Tessenow ließen es bekanntlich zu Beginn des letzten Jahrhunderts dort anbringen, als wohlmeinendes Symbol einer erhofften Heilung vom Gräuel der Industrialisierung durch ganzheitliche, ostasiatische Philosophie, Heilkunst und Körperpraxis. Auch Tanzkünstler*innen wurden damals davon erfasst – man denke nur an die „orientalischen“ Stücke von Nijinsky.

Im Festival widmen sich gleich zwei Stücke dieser brisanten Periode der Tanz- und Weltgeschichte: Jérôme Bel und Elisabeth Schwartz sezieren in „Isadora Duncan“ den Werdegang einer der Pionierinnen des Ausdruckstanzes und des Feminismus, während die südafrikanische Choreografin Dada Masilo mit „The Sacrifice“ einen Grundstein der europäischen Moderne neu interpretiert, das Ballett „Sacre du Printemps“ von Strawinsky und Nijinsky. In Masilos Werk, das in HELLERAU als Europapremiere gezeigt wird, treten gleichzeitig auch die heftigen postkolonialen Verwerfungen der globalisierten Gesellschaft zutage. Auch Eisa Jocson aus Manila beschäftigt sich mit dieser Verbindung künstlerischen Erbes mit gesellschafts- und machtpolitischen Fragestellungen. Ihre „Prinzessinnen“, die den asiatischen Disneyland-Freizeitparks entlehnt sind, stehen sowohl für ein festgefügtes Comic-Rollenbild als auch für die oft einzige, kümmerliche Karrierechance ausgebildeter Balletttänzer*innen in Südostasien.

In diesem Komplex der hybriden Formen und Fragen nach Identitäten und Herkünften bewegen sich auch die chinesischen Künstler*innen Xiao Ke und Zi Han, die in ihrem Chiname- Projekt Hunderte chinesisch-stämmige Menschen auf der ganzen Welt nach ihren Vorstellungen zu diesen Wurzeln gefragt haben. Wo beginnt die politisch motivierte Konstruktion einer eindeutigen Identität, wo beginnt die Fiktion? Simon Mayer hat eine eigene Form dieser fluiden Zustände gefunden: In seiner extrem unterhaltsamen Form des alpenländischen Folklore-Futurismus ebenso wie Gintersdorfer/ Klaßen mit ihrer westafrikanisch gespiegelten Version der „Geschichten aus dem Wienerwald“ oder Joana Tischkau, die über zärtliche Karikaturen die Rollenbilder der Popgeschichte abtastet. Sogar DDR-Tanz wies erstaunlich komplexe internationale Einflüsse und Wechselbeziehungen auf, wie Saša Asentić und sein Team eindrücklich beweisen. Der Begriff der künstlerischen Auseinandersetzung ist uns hier besonders wichtig – die Relevanz von Traditionen und Erbe hängt von der ständigen Befragung und Neuauslegung ab. Die Kunst, speziell das Theater, scheinen uns genau der richtige Ort für diese weltweite Debatte zu sein.