Magda Toffler. Versuch über das Schweigen

Boris Nikitin

2023/24 SCHICHTEN Performance
Foto: Donata Ettlin

«Es ist sehr still im Theater. Es gibt kein ‚Guten Abend‘ und ‚Auf Wiedersehen‘, sondern nur ein ansatzloses Kommen und Gehen. Und zwischendrin werden die Seiten des Lebens ausgebreitet, vorgelesen, durchkostet, durchdacht.» (Nachtkritik)

«Der Text ist gerade einmal zwanzig Seiten lang. Und doch ist darin ein ganzes Jahrhundert enthalten.» (Nürnberger Nachrichten)

Oktober 1943. Ein Rechtssystem ist vollständig gekippt. Heinrich Himmler versammelt in der polnischen Stadt Poznań sämtliche Gauleiter des Deutschen Reichs und verkündet den Beschluss der Führung, die jüdische Bevölkerung Europas vollständig auszulöschen. Bevor Himmler dies tut, geschieht jedoch etwas Sonderbares. Er lässt vor allen Augen zwei Phonografen aufstellen, um die Rede auf zwei Wachschallplatten aufzuzeichnen. Doch anders als die meisten vermuten, geht es der SS nicht darum, Himmlers Worte festzuhalten, sondern die Stille im Saal.

Mit „Magda Toffler“ macht Boris Nikitin eine Tiefenbohrung in die verborgenen Schichten unserer Gegenwart. Dabei verbindet er seine Geschichte mit den großen universellen Fragen. Nachdem seine Großmutter im Alter von 87 Jahren stirbt, erfährt er, dass sie ursprünglich aus einer jüdischen Familie stammte. In den Jahren 1944/45 musste sie sich über Monate in einer Scheune in der Ostslowakei verstecken, während ein Großteil ihrer Familie in den deutschen Vernichtungslagern ihr Leben ließ. All dies behielt sie für sich, gründete eine Familie und wurde die erste Professorin für Chemie in der jungen sozialistischen Tschechoslowakei. Selbst vor ihren Töchtern verbarg sie das Geheimnis. Aber das Familiengeheimnis verändert auch die eigene Biografie und Identität des Regisseurs.

„Magda Toffler“ ist roh, frontal, zugleich tief berührend. Ein emotionaler wie intellektueller Grenzgang des Theaters. Die Inszenierung wurde von der Presse gefeiert und als eine der zehn herausragenden freien Theaterarbeiten des Jahres 2022 zum Festival „Impulse“ eingeladen.

Dauer: ca. 1 Std. 10 Min. 
Sprache: Deutsch mit englischen Untertiteln

Im Anschluss findet ein Publikumsgespräch statt.

Boris Nikitin, in Basel geboren und Sohn ukrainisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, inszeniert in der internationalen freien Szene und an deutschsprachigen Stadttheatern. Er ist künstlerischer Leiter des biennalen Festivals für dokumentarische und propagandistische Künste «It’s The Real Thing».

Als Autor, Regisseur und Essayist setzt sich Nikitin seit 2007 mit der Darstellung und Herstellung von Identität und Realität auseinander. Die Stücke suchen den Grenzgang zwischen Illusionstheater und Performance, zwischen Dokumentarischem, Propaganda und Fake, z. B. «F wie Fälschung, nach Orson Welles» (2008), «Imitation of Life» (2009), «How to win friends & influence people» (2013). Dabei lösen sie den Widerspruch zwischen offensiven Dilettantismus und künstlerischer Virtuosität, zwischen Konzept und grosser theatraler Geste mitunter komplett auf. Immer wieder handelt es sich bei den Stücken um Überschreibungen klassischer Stoffe, wie bei «Woyzeck» (2007), «Der zerbrochne Krug» (2010) oder «Hamlet» (2016). «Wie wenig andere führt Boris Nikitin das Theater derzeit an einen kritischen Punkt», schreibt die deutsche Fachzeitschrift «Theater heute». In jüngster Zeit beschäftigt sich Nikitin vermehrt mit dem Verhältnis von Kunst und Krankheit.

Für sein Gesamtwerk wurde Nikitin 2017 mit dem J.M.R. Lenz – Dramatikerpreis der Stadt Jena ausgezeichnet. 2020 erhielt er den Schweizer Theaterpreis.

borisnikitin.ch

Konzept, Text, Performance: Boris Nikitin
Produktionsleitung: Annett Hardegen
Outside-Eye: Annett Hardegen, Matthias Meppelink

Eine Koproduktion mit Steirischer Herbst 22, Staatstheater Nürnberg, Kaserne Basel, Ringlockschuppen Ruhr, Théâtre Vidy Lausanne, HAU – Hebbel am Ufer Berlin, Frascati Amsterdam, Theater Chur und Omanut. Die erst Fassung dieser Arbeit wurde von Omanut in Auftrag gegeben. 

Mit Unterstützung durch den Fachausschuss Tanz & Theater der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft.
Gefördert durch: Pro Helvetia und die Stanley Thomas Johnson Stiftung