Foto: Daniel Michael Shaw
03.02.2021

Die Sache mit der kulturellen Aneignung, #1 – 2021

Warum verletzt uns ein blöder Spruch, obwohl es doch nur Worte sind? Warum bezeichnen sich beste Freundinnen gegenseitig als „Bitch“, ohne sich damit zu kränken? Weil damit ungewollt oder gewollt angezeigt wird, dass wir zu einer Gruppe gehören. Beleidigungen und Gemeinheiten, so seltsam das klingt, helfen uns dabei, uns mit anderen zu identifizieren und uns zugleich abzugrenzen. Auch ganze Gesellschaften und Kulturen werden über verschiedene Formen von Herabsetzung strukturiert. Die Forschung zur Invektivität widmet sich den unterschiedlichen Phänomenen der öffentlichen Herabsetzung und Kränkung, z.B. in Kunst und Theater, im Rechtssystem, im Internet oder in TV-Shows.

An der TU Dresden setzt sich der Sonderforschungsbereich „Invektivität“ mit dem Thema der Herabsetzung in sozialen, politischen und kulturellen Kontexten im digitalen Zeitalter auseinander. Die Abschlusstagung nach vier Forschungsjahren findet in HELLERAU in Kombination mit einem performativen künstlerischen Programm statt. HELLERAU lädt dazu thematisch passende künstlerische Performances und Installationen von Joana Tischkau, Paul Plamper und Monster Truck ein.

Für das HELLERAU-Magazin spricht Joana Tischkau, Choreografin von „Playblack“, mit dem „singenden Kulturanthropologen“ Julian Warner, über den der Spiegel schrieb, seine Musik könne der Sound der Dekolonisierung sein. Sie spielen gemeinsam online ein Quartett, das Joana im Rahmen ihrer Recherche für die Mini Playblack Show eigens entwickelt und Julian mit der Post zugeschickt hat.

Joana Tischkau (JT): Ich habe meine Karten schon gemischt. Wir teilen die Karten jetzt auf. Also bei unserem Spiel gibt’s weniger Kategorien als bei einem normalen Quartett. Wir könnten uns noch was überlegen, also zum Beispiel gibt es ja die Kategorie Race1, aber wir haben die nicht hierarchisierend geordnet. Es gibt da kein Wertesystem.

Julian Warner (JW): Gehen wir mal einige Beispiele durch. Warum steht bei Mariah Carey „Ähm“ als Race?

JT: Dazu haben wir auch eine Szene im Stück. Mariahs Mutter war ja weiße Irin und ihr Vater war Schwarzer Afroamerikaner. Sie wurde am Anfang ihrer Karriere oft gefragt „What are you?“. Und sie musste dann immer ihre Geschichte erklären. Man wollte sie in den USA natürlich kategorisieren – musikalisch und ethnisch. Sie galt als racially ambigious und da wurde oft gefragt: Ist sie jetzt Schwarz2 oder weiß3?

Ähnlich bei Rachel Dolezal4, die ja auch eine Karte im Quartett hat. In der Sendung „The Real“ wurde sie gefragt: “Why do you want to be Black?” Und sie erwidert: „Well, I think that sometimes how you feel is more powerful than how you’re born“.

JW: Das ist ja das popkulturelle Versprechen, dass ich nicht als die Person sterben oder gelten muss, als die ich zur Welt gekommen bin. Ich verstehe, warum man in den USA nicht einfach hingehen kann und sagen „I can change my race like I can change my gender“, aber im Grunde genommen würde ich ihr’s doch wünschen. Oder findest Du das naiv?

JT: Nein, ich fühle ja auch total mit ihrer Erzählung, z.B. dass sie auch selbst Mutter und Schwester von Schwarzen Kindern ist und Verantwortung für sie übernehmen und sich zu dem Rassismus, der im Land herrschte, als Mutter positionieren musste. Trotzdem kann man fragen, warum musst du diese Performance noch darüberlegen und auch das Kostüm anziehen? Bzw. zieh halt das Kostüm an, aber behaupte nicht, du wärst Schwarz!

JW: Aber was ist die Gefahr? Ist es eine Bedrohung, dass sie sagt, es gibt so etwas wie Schwarzsein gar nicht?

JT: Ja, natürlich. Die Kränkung für Schwarze Menschen ist, dass all diese Dinge, die Rachel in ihrem Buch aufzählt als Legitimierung dafür, was sie zur Schwarzen Person macht, Fiktion oder Semi-Fiktion, eine Karikatur von Schwarzsein sind. Es geht um Haare. Es geht um eine bestimmte Art der Leidensgeschichte. Z.B. setzt sie ihre Leidensgeschichte, von sehr christlichen, strengen Eltern erzogen zu sein, gleich mit dem Leiden Schwarzer Menschen durch Rassismus. Natürlich lässt sich anhand ihrer Figur ausmachen, dass es Schwarzsein nicht gibt, aber diese „Accessoires“ und die Performance, derer sie sich bedient, sind ja Realität für Schwarze Menschen, die zu diesen Dingen ein sehr emotionales Verhältnis haben. Deswegen gibt es ja die Debatte um kulturelle Aneignung.

JW: Du sagst also, Aneignungen sind nicht das Problem – go for it because it’s culture! Aber ihre Behauptung, eine Schwarze Identität zu besitzen, sei das Gefährliche, weil es anderen Leuten, die tatsächlich Schwarz sind oder die nicht wählen können, was sie sind, die Mittel raubt.

JT: Genau, aber wie gehst du mit der Realität der Menschen um, die sich davon nicht einfach frei machen können, so wie sie das kann? Bis dato ist man immer davon ausgegangen, dass Schwarzsein gesellschaftlich kein Bonus, kein kulturelles Kapital darstellt. Rachel Dolezal hat aufgezeigt, dass mit Schwarzsein mittlerweile positive Konnotationen einher gehen, die man auch als Realität anerkennen muss.

JW: Ich würde sagen, dass Schwarzsein wahrscheinlich immer schon auch mit positiven Dingen verbunden wird. Die Geschichte der Ethnologie ist ja zum Beispiel auch die Geschichte einer Philie für das Fremde.

JT: Ich möchte nochmal auf den Brückenschlag, auf diese Geste von Empathie oder universeller Menschlichkeit in einigen Beispielen zurückkommen. Das betrifft auch die Debatte um George Floyd. Das weiße Deutschland schafft es plötzlich, die Brücke zu schlagen, nachdem George Floyd umgebracht wurde und dieses Video zu sehen war.

JW: Aber wie wird die Brücke geschlagen? Schwarz zu Schwarz und weiß zu weiß. Als wäre Rassismus immer nur Anti-Schwarzer Rassismus.

JT: Einerseits würde man ja sagen: Danke, dass ihr endlich aufgewacht seid. Und auf der anderen Seite ist man deprimiert und schockiert, dass es das gebraucht hat. Und da ist man dann wieder bei der Frage, welche Bilder schaffen es, diese Art der Empathie und des Brückenschlags und diese Art der Solidarität herzustellen? Warum haben es all die Brandanschläge in den 1990ern auf Unterkünfte von Geflüchteten oder die antisemitischen Anschläge nicht geschafft, so eine Welle der Entrüstung, der Solidarität, des Mitfühlens auszulösen,wie es jetzt George Floyd geschafft hat?

JW: Es scheint, als wäre nur der verletzliche Schwarze Körper in der Lage, diese Empathie und diese Anrufung von universeller Menschlichkeit zu bewerkstelligen. Warum  schaffen rassistische Morde in Shisha-Bars das nicht? Andererseits, wenn ich mir die Black-Lives-Matter-Proteste anschaue, denke ich, dass ich wohl noch nie so viele politisierte Schwarze Menschen in diesem Land gesehen habe.

JT: Das ist fast ein Schwarzes Erwachen. Wobei ich vor diesem Effekt der Hyperidentifizierung mit Schwarzsein auch Angst habe, dass hier Identitätspolitik von vielen Schwarzen Menschen nicht richtig ernst genommen und simplifizierend gesagt wird: Nein, du darfst nur über deinen Schmerz, deine Erfahrung, deine Diskriminierung sprechen und über nichts anderes. Diese Erwartung, auch noch deine Identität mit performen zu müssen – das ist ja auch die Kritik, die an mich herangetragen

wurde, mit der Frage: Warum machst du keine Kunst über deine Erfahrung als Schwarze Frau in

Deutschland? Und in keiner Weise darf ich diese Erfahrung abstrahieren und sagen, ok, ich mach das auch, neben vielem anderen.

JW: Wir laufen Gefahr, Mittel und Ziel anti-rassistischer Reformen miteinander zu verwechseln. Zu sagen, wir fordern das Recht ein, uns selbst zu repräsentieren, schafft Mitsprache im Diskurs. Aber dieser Essentialismus ist eine Strategie. Ich denke, die Kunstpädagogin Nora Sternfeld hat Recht, wenn sie sagt, Bewegungen sind immer dann stark, wenn sie ein Ziel für alle imaginieren. Diese unauflösliche Spannung zwischen dem Partikularen und dem Universellen zu navigieren, ist die Aufgabe unserer Zeit5.

Glossar

  1. Race bezeichnet ein gesellschaftliches Konstrukt, um über das Leid und die Konsequenzen von Rassismus sprechen zu können.
  2. Schwarz/Schwarzsein ist eine Selbstbezeichnung und wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine „reelle Eigenschaft”, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. Schwarzsein beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position.
  3. weiß/weißsein Analog dazu beschreibt die politische und soziale Konstruktion weiß/weißsein die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus, die sonst oft unausgesprochen und unbenannt bleibt.
  4. Rachel Dolezal ist eine US-amerikanische Kulturwissenschaftlerin und Bürgerrechtsaktivistin, die sich selbst entgegen ihrer tatsächlichen Herkunft als Afroamerikanerin ausgab.
  5. Julian Warner (Hg.) After Europe. Beiträge zur dekolonialen Kritik. Verbrecher Verlag (21.04.2021).