01.02.2021

ARK Dresden – Arche für unterschätztes Wissen, #1 – 2021

Ein Projekt von Quarantine (GB), Katja Heiser (DE) und Mustafa Hasan (SY/DE)
Im Rahmen der Kooperation Moving Borders von sieben europäischen Partnern

Für das europäische Projekt „Moving Borders“ arbeiten sieben europäische Produktionshäuser, Festivals und öffentliche Einrichtungen in Porto, Athen, Straßburg, Dresden, Mülheim an der Ruhr, Warschau und Utrecht über zwei Jahre zusammen. Moving Borders ist ein Modellprojekt internationaler Zusammenarbeit: Inhaltlich-konzeptionell ist das Projekt durch die Partner:innen entstanden, programmatisch wurde die britische Performancegruppe Quarantine eingeladen, ein Konzept für alle Städte zu entwickeln, das jeweils vor Ort und miteinander im Austausch umgesetzt wird.

In den sieben Partnerstädten entstehen sieben verschiedene Editionen eines Community Art Projekts – angepasst an die sehr unterschiedlichen kulturellen, demografischen und historischen Begebenheiten vor Ort und gemeinsam mit lokalen Künstler:innen, zivilgesellschaftlichen Akteur:innen und Bürger:innen. Das Projekt untersucht das Thema „Grenzen“ und deren soziale, politische, kulturelle, ökonomische und ökologische Erscheinungsformen in unseren aktuellen europäischen Gesellschaften. In einer Zeit, in der nationalistische, fremdenfeindliche und andere diskriminierende Strömungen in Europa wieder einen gefährlichen Aufschwung erleben und die ökonomische Ungleichheit wächst, untersucht „Moving Borders“ das Phänomen von Grenzen, die uns im Alltag begegnen: als soziale und kulturelle Trennung, aber auch als bewegliche Grenzen einer immer wieder neu sich formierenden progressiven Gesellschaft.

Eine Arche für jede Stadt

Die britische Performancegruppe Quarantine, gegründet 1998, hat das künstlerische Konzept ARK entworfen. Lokale Künstler:innen laden Bürger:innen und gesellschaftliche Communities dazu ein, in einem mehrmonatigen gemeinsamen kreativen Prozess eine Arche im öffentlichen Raum entstehen zu lassen. Diese kann sehr unterschiedliche gestalterische oder auch konzeptionelle Formen annehmen. In jedem Fall wird die Arche während und nach ihrer Fertigstellung ein Ort für Begegnungen, Teilhabe, Diskurse und Performances sein und damit ein Symbol für eine Welt, die Diversität aushält, fördert und begrüßt.

Für die lokale Ausarbeitung beschäftigt sich jede Partnerstadt mit Fragen wie: Wo sind Grenzen in unserer Stadt? Welcher Art sind diese Grenzen – geografisch, architektonisch, sozial, kulturell etc.? Welche Communities möchten wir einbeziehen und zusammenbringen? An welchem Ort kann die Arche stehen? Welche Themen spielen auf der Arche eine Rolle?

Die Partner:innen in den verschiedenen europäischen Städten haben ganz unterschiedliche Projektideen entwickelt: In Porto entsteht eine temporäre Schule, in Athen wird in einem Arbeiter:innenviertel mit Clubs und queerer Szene ein Zirkus für nomadisches Leben entwickelt, in Utrecht bewegt sich eine mobile Arche durch alle Stadtteile u.v.m.

ARK Dresden: Eine Arche für unterschätztes Wissen

Die Arche in Dresden wird am Elbufer entstehen, einem Ort, den sich alle Dresdner:innen teilen und nutzen. Wir wollen unterschiedliche Dresdner Communities einbeziehen, z.B. mit Menschen reden, die noch in der DDR aufgewachsen sind, gelernt, gearbeitet und Familien gegründet haben und deren Wissen und Erfahrung zu großen Teilen nach der Wende nicht mehr gefragt war. Diese Erfahrung teilen auch Menschen, die erst in den letzten Jahren in Dresden angekommen sind, die ihre Heimat durch Krieg, Terror, Armut oder andere existenzielle Bedrohungen verlassen mussten und dort neben vielen Menschen und Dingen auch Kenntnisse und Erfahrungen zurückgelassen haben, die hier oft nicht zählen. Dieses Wissen und diese Erfahrungen wollen wir sammeln und sichtbar machen, damit sie nicht verloren gehen. Und vielleicht kann gerade daraus eine neue und gemeinsame Zukunftsvision entstehen? Was wollen wir in Sicherheit bringen, aus dem alten Leben mitnehmen und behalten? Was soll neu auf der Arche entstehen?

Die Arche für unterschätztes Wissen soll mithilfe interessierter Bürger:innen gefüllt und im Rahmen des Festivals „Stadt.Raum.Fluss. Zeitgenössische Perspektiven zur Stadt“ vom 4. – 6. Juni 2021 eröffnet und präsentiert werden. An den Elbufern zwischen Johannstadt und Neustadt, rund um die

Fähranleger der „Johanna“, entsteht ein öffentlicher Ort für Begegnung und Erfahrungsaustausch, für Workshops und Gespräche. Auf dem Fährschiff Johanna finden performative Interventionen für ein interessiertes Publikum und zufällige Fahrgäste statt.

Dafür suchen wir Menschen, die ihre Erfahrungen und Kenntnisse mit uns teilen wollen, die die Arche mit Wissen füllen oder auch Lust haben, an der Arche mitzubauen.

Kontaktieren Sie uns gern unter: hellerau@movingborders.org

Die Erfinder des Projektes ARK: Quarantine über Quarantine

Unser Prozess ist dialogorientiert. Wir sprechen mit Menschen und entdecken, wer sie sind und was ihre Geschichte ist, was ihre Überzeugungen sind, wie sie die Welt sehen …

Wir versuchen, dort zu arbeiten, wo Raum für die Koexistenz unterschiedlicher Erfahrungen, Fähigkeiten, Intelligenzen und Ausdrucksformen besteht. Wir sind davon überzeugt, dass wir, um einen echten sozialen Fortschritt zu erzielen, neue Wege finden müssen, um unsere Vorstellungen von Demokratie neu zu gestalten, davon, wer sprechen und Entscheidungen treffen darf und wie Menschen mit entgegengesetzten Erfahrungen und Überzeugungen zusammengebracht werden können. Die Arbeit von Quarantine hat von Anfang an versucht, Menschen zusammenzubringen, die sich normalerweise nicht treffen, Unterschiede und Verbindungen anzuerkennen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich vorzustellen, wie wir zusammenleben könnten, wie wir vorwärts gehen könnten.

Die Künstler:innengruppe Quarantine wurde 1998 durch die Regisseur:innen Richard Gregory und Renny O‘Shea und den Designer Simon Banham in Manchester (GB) gegründet. Sie arbeitet weltweit im Bereich Theater, Performance und öffentliche Intervention.

Richard Gregory, künstlerischer Direktor von Quarantine* 

Die Arche ist für uns das Bild eines Raumes, in dem wir uns versammeln können, um die Frage zu erörtern, was wir retten sollen. Aber es ist natürlich auch ein Konzept, das provoziert. Wer entscheidet, welche Grenzen gezogen werden sollen? Wer entscheidet, wer durchgelassen wird, wer bleiben kann? Wer entscheidet, wen oder was wir retten sollen? Wer ist dieses „Wir“?

Ich mag es, in Situationen zu sein, in denen verschiedene Arten von Intelligenz zur Geltung kommen und gleichwertig sind. Ich fühle mich sehr unwohl, wenn eine bestimmte Sprache, die sogenanntes Wissen ausdrückt, dominiert – ein sehr westliches Machtspiel, bei dem der Zugang zu einem besonderen Vokabular, Macht erkauft. Es ist ein massives Problem, dass angeblich politisch fortschrittliche Kunst meist nur solche Menschen anspricht, die aussehen und klingen wie die Menschen, die diese Kunst geschaffen haben.

Für uns und andere britische Künstler ist es absolut unverzichtbar, Beziehungen zu Europa zu schaffen und zu bewahren. Ich möchte nicht auf einer Insel mit starren Grenzen gefangen sein, die in einer imaginären Version ihrer eigenen Vergangenheit lebt. Ich möchte Menschen willkommen heißen und weiterhin in der Lage sein, Teil eines großen Gesprächs zu sein, das mir die Arbeit als Künstler in ganz Europa und auf der ganzen Welt ermöglicht. Ich möchte helfen, Wege für eine Generation zu finden, die jünger ist als ich, damit auch sie in den Genuss dieser Erfahrung, dieses Privilegs, kommen kann.

* Auszüge aus einem Interview mit Paula Oevermann, Projektkoordination Moving Borders in HELLERAU