Foto: Mila Teshaieva
10.09.2021

Über die Mauer, #2 – 2021

Der Titel ist Programm: In „Über die Mauer“ überrascht Kandinsky, den meisten nur als Maler bekannt, mit einem Stück für die Bühne, das vom Schaffensprozess eines Werks erzählt. In einem ebenso ernsthaften wie amüsanten fiktiven Dialog zwischen Künstler:in und Zuschauer:in gibt er Einblick in die Sicht des Malers, der aus der Zweidimensionalität des Bildes ausbricht und sie ins Dreidimensional-Räumliche des Theaters erweitert. Kandinsky macht Wort und Klang, Bewegung und Tanz, Licht und Farben – also Hören und Sprechen, Sehen und Fühlen sowie das transzendierende Element – gleichwertig als theatralische Kunstaktion erlebbar. Ein vielschichtiges, theatralisches Geschehen entsteht. Die Choreografin Arila Siegert setzt diese Textvorlage gemeinsam mit dem künstlerischen Team um, mit dem sie 2019 am Anhaltischen Theater Dessau die international beachtete Aufführung von Kandinskys Klangoper „Violett“ inszenierte. Es performen die Sängerin und Tänzerin Isabel Wamig, die Schauspieler:innen Kerstin Schweers und Jörg Thieme. Die Musik komponiert Ali N. Askin, das Bühnenbild und die Kostüme entwirft Marie-Luise Strandt, für das Lichtdesign sorgt Susanne Auffermann. Der Künstler Helge Leiberg kontrapunktiert und erweitert die Szene mit Live-Malerei.

Arila Siegert über Choreografie

Der Drang zum Choreografieren war immer da und wurde durch Improvisation im NKT befördert. Dieses Selbst-Erfinden ist ja der Ausgangspunkt. Man wollte sich äußern durch Bewegung. Und durch die wachsenden Fähigkeiten, auch aus der klassischen Technik, konnte man sich immer freier und extremer bewegen. Das Choreografieren ist ein Bündeln von Bewegungsimpulsen aus Gedanken und Emotionen, die man sonst nicht ausdrücken kann. Für mich ist das auch eine Grundlage fürs Inszenieren. Die hintergründige seelische Situation der Figuren, die nicht in Worte zu fassen ist, versuche ich zusammen mit der/dem Darsteller:in/Sänger:in über Bewegungschoreografie herauszufiltern und sichtbar zu machen. / Der Anstoß kommt bei mir von innen, und das Ziel ist es, dieses innere Leben nach au en, in einen Dialog zu bringen, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Diese Materialisierung, diese Gestaltung ist ein ganz aufregender Vorgang. Erst ist nichts da – und dann ist was entstanden und sichtbar geworden. Das Wichtigste ist sowieso unsichtbar. / Die erste Anregung kommt für mich aus der Musik. Es macht mir einfach Spaß, mich damit auseinanderzusetzen, wie man zum Beispiel einen Streit, eine Konfrontation unter den verschiedensten Aspekten choreografisch ausdrücken kann, damit er lustig, tragisch, traurig oder absurd erscheint. Beim Film und Fernsehen interessieren mich vor allem Schnitt- und Kameratechnik, insofern sie ein Denkschema aufzeigen und die Vorgänge rhythmisieren. Ich lese gern und viel. Ich brauche das Lesen auch, um Stille zu finden und nachzudenken. Ohne Musik. / Ich wollte damals schon ein Tanztheater gründen, bei dem das Individuum mehr Eigenleben bekommt. Das Herausbrechen des Einzelnen aus der Vermassung war immer mein Thema. In der DDR lief man Gefahr, eine echte Nummer zu werden. Das Individuelle wurde als etwas Unkontrollierbares gesehen. Aber auch heute ist es „teuer“, individuell zu sein.

Aus: Regine Herrmann (Hrsg.): Arila Siegert. Tänzerin, Choreografin, Regisseurin. 2014. Im Auftrag der Akademie der Künste, Berlin, S. 96