01.02.2021

Stuck on the Platform, #1 – 2021

„Jedes Mal, wenn ich denke, dass ich mein Leben in Ordnung gebracht habe, kollabiert der Kapitalismus.“ – Juliet

Tauchen wir ein in die Social-Media-Müdigkeit, die Ursache unserer müden Augen. Welchen Techniken der Resignation sind wir ausgesetzt? Die glückselige Ignoranz, nachdem wir ein ganzes Ökosystem von Erzählungen durchstöbert haben, ist nicht überraschend. Der organisierte Optimismus, der in Online-Werbung und anderen Formen algorithmischer Ratschläge festgeschrieben ist, erwies sich als bloße Erzeugung von Angst. Das Leiden, die Trauer und das Elend werden von unserer eigenen Selbstzensur gefiltert. Wir sind gefangen und fühlen uns gelähmt. Was wir erhalten, ist der Zorn des Online-Anderen. Das wachsende Ungleichgewicht der digitalen Verzauberung verursacht weder Revolution noch Revolte. Willkommen in der Großen Stagnation. Wir, die Online- illiarden, stecken auf der Plattform fest.

Fragen Sie sich nicht, wie es soweit kommen konnte? Das frühe Versprechen der Plattformen war simpel: Alle profitieren davon, sowohl die Produzent:innen, die Kund:innen als auch die Gründer:innen. Niemand gewinnt, niemand verliert, alle werden einbezogen und spielen mit. Die stabile Software- Plattform als Kulturideal hat die Homepage, den Blog und die Website und das dazugehörige Webdesign-Studio als Start-up-Modell aber längst abgelöst. Wir sehnen uns danach, Werte nutzbar zu machen, anstatt uns in der Unordnung des rhizomatischen Netzwerks zu verlieren. Warum ein chaotisches Angebot an verschiedenen Apps und Websites, wenn wir eine haben können, in der alle Freunde, Familie und Nachbarn als „User“ versammelt sind? Der Traum von einer einheitlichen Plattform hat den Venture-Capital-Modus des Hyper-Wachstums weiter gefestigt, mit dem Ziel einer Unicorn-Marktbeherrschung und schließlich einer Monopolstellung. Während nur sehr wenige zu Super-Reichen werden, zieht der Lotterie-Aspekt der rücksichtslosen darwinistischen Strategie immer noch viele an. Es ist hegemonial, sagt man. Die Anziehungskraft von Elon Musk ist noch nicht erlahmt. Die Prominentenbesessenheit ist so groß, dass die Pop-Kritik des Kapitalismus das Recht, Milliardär:in zu werden, nicht wirklich in Frage stellen wird. Wir alle wollen unsere eigene Plattform betreiben – ungeachtet dessen, wonach wir uns sehnen.

Wenn wir einmal eingesperrt sind, ist der Weg zur Unendlichkeit versperrt. Vielmehr sind wir in einer Truman-Show-ähnlichen Wiederholung eines andauernden „Jetzt“ gefangen, wir wühlen uns durch die Unordnungen der Online-Anderen, die versuchen, ihr Bestes zu geben, und ihr Scheitern und ihre

Verzweiflung zu maskieren. Franco Berardi beobachtet den psychischen Zustand der heutigen Studierenden: „Ich sehe sie von meinem Fenster aus“, schreibt er, „einsam, die Bildschirme ihrer Smartphones beobachtend, nervös in den Unterricht hetzend, traurig in die teuren Zimmer zurückkehrend, die ihre Familien für sie mieten. Ich spüre ihre Düsterkeit, ich spüre die Aggressivität, die in ihrer Depression latent vorhanden ist“. Im Zeitalter der sozialen Medien ist die Oblomow-Position, unfähig zu sein, wichtige Entscheidungen zu treffen, keine Option mehr – insbesondere für diejenigen, die es sich wirtschaftlich nicht leisten können, im Abgrund steckenzubleiben. Wir erleben die Traurigkeit eines Online-Existenzialismus – abzüglich der Absurdität. Wenn „Interpassivität“ jemals wirklich in Codes umgesetzt würde (statt nur eine weitere österreichische Idee zu sein), würden wir in einen permanenten Zustand völliger Apathie verfallen. Tatsächlich gibt es aber nichts Passives in Mensch-Maschine-Interaktionen. Im Bereich des Sozialen ist der Zen-Status der Losgelöstheit eine ontologische Unmöglichkeit. Wir sind nie wirklich auf der Lauer, wir werden immer bemerkt, und wir können daher nie wirklich den geheimnisvollen Voyeur-Status genießen. Interaktion ist unsere tragische Existenz. Und dann werden wir auch noch ständig aufgefordert, uns zu verbessern, Formulare auszufüllen und unsere Taxifahrtenzu bewerten.

Der real existierende Sozialismus schien nie zu enden. Es war damals wie heute schwierig, sich ein Leben jenseits der kommunistischen Plattform vorzustellen – und in unserem Zeitalter ein Leben ohne Amazon, Facebook und Google zu führen. Wie kann das „Soziale“ so umgestaltet werden, dass es für Algorithmen, Trolle und Bots, die versuchen, unser Denken und Verhalten dauerhaft zu stören, unmöglich – ja sogar undenkbar – wird? Wir können nicht alle Zeit und Energie darauf verwenden, das Soziale neu zu erfinden, ohne die Freiheit zu berücksichtigen. Nicht die „Freiheit“, wie sie von Rechtsliberalen definiert wird, sondern die Freiheit, von der Hannah Arendt und Isaiah Berlin sprechen. Das ist nicht nur die Freiheit von süchtig machender und manipulativer Software. Können wir KI und Algorithmen so überdenken, dass sie zu Haustieren oder Spielzeugen werden, zu Werkzeugen, die für uns arbeiten – statt für große, unsichtbare, unterdrückende Systeme, die versuchen, uns zu täuschen und zu erziehen? Technologische Freiheit bedeutet die Fähigkeit, unsere Werkzeuge zu beherrschen, aber auch, sie beiseitelegen zu können, sie abzuschalten und zu vergessen. Kurz gesagt, wir sehnen uns nach Werkzeugen, die uns helfen, anstatt unser Innenleben zu kolonisieren. Wir müssen das Techno-Soziale radikal neu erfinden, hier und jetzt, in Dresden, in Europa.

Geert Lovink ist Gründungsdirektor des medientheoretischen Institute of network cultures (INC) und gilt zusammen mit Pit Schultz, mit dem er für die Documenta X das Projekt „Hybrid Workspace“ initiierte, als Begründer der Netzkritik. 2019 erschien sein aktuelles Buch „Sad by Design: On Platform Nihilism“.