Foto: Ina Aydogan
10.09.2021

Niemand kann irgendwem eine Stimme geben, #2 – 2021

Golnar Shahyar im Interview mit der VAN-Redakteurin Merle Krafeld über die Musikalität verschiedener Sprachen und die Diversifizierung des Musikbetriebs.

In Berichten über dich heißt es, du beziehst dich in deinem Songwriting auf persische Musik – was ist damit gemeint? Persischer Folk? Klassische persische Musik?

Golnar Shahyar: Folk hat im Iran immer noch eine sehr starke zeremonielle Funktion, ist archaisch. Die Klänge unterscheiden sich erheblich von Region zu Region, wie sich auch die Sprachen unterscheiden. Der Iran ist kulturell sehr divers. Klassische persische Musik studiert man, man lernt sie bei einem Meister. Die Musik hat einen höheren sozialen Status, genau wie europäische klassische Musik hier. Aber irgendwann war diese Musik auch mal Teil der Folk-Musik.

Und was davon findet Einfluss in dein Songwriting?

Das ist sehr schwer für mich zu sagen. Im Iran herrschte nach der Revolution ein Gesangsverbot für Frauen. Auch Live-Musik war oft verboten, Konzerte habe ich im Iran wirklich nicht oft erlebt. Wir hatten die Revolutionslieder und Kriegslieder. Und Tasnif, das ist so etwas wie ein ganz altes iranisches Songwriting. Und dann kam MTV [lacht]. Aber diese Musik war nicht repräsentativ für meine Generation. Für mich ist es extrem schwer, mich einzuordnen.

Du singst in vielen verschiedenen Sprachen, vor allem Farsi und Englisch. Was noch?

Ich habe in meinem Repertoire auch Stücke auf Kurdisch, Sephardisch und in einer Fantasiesprache, die ich gerne benutze, wenn ich das Gefühl habe, dass Lieder noch nicht bereit sind für einen Text. Manchmal sind sie auch nie bereit. Und manche Kompositionen werden erst durch die textliche Message rund.

Ändert die Sprache deine Art zu komponieren oder zu singen – weil die Sprachen zum Beispiel mit anderen Lauten oder inhaltlich mit anderen Bildern funktionieren?

Auf jeden Fall! Jede Sprache hat einen eigenen Klang und ein eigenes Gefühl. Ich liebe es auch, auf Arabisch zu singen und Arabisch zu hören. Die Klänge dieser Sprache sind unglaublich schön für Gesang. Deutsch ist schwer für mich [lacht]. Auf Farsi bleibt zum Beispiel vieles offen, hat mehrere Bedeutungen. Jede Sprache bietet andere Räume, andere Bilder, andere Klänge, andere Vorstellungen.

Sind für dich Sprache und musikalisches Material verbunden? Benutzt du zum Beispiel auch das iranische Dastgah- System, wenn du auf Persisch singst?

Ich kann iranische Skalen auch auf einen englischen Text singen. Aber das klingt so witzig! [lacht] Unsere Ohren sind das einfach nicht gewöhnt. Es gibt ja schon so etwas wie eine Sprachmelodie, über die die Skalen mit den Sprachen verbunden sind.

Neben dem Komponieren meiner eigenen Musik, suche ich auch meine eigene Interpretation der alten iranischen traditionellen und Volksmusik sowie der alten Tasnifs. Das bedeutet, dass ich nach dem iranischen Dastgah-System singe, aber mit neuen Stimmfarben, Stimm- und Arrangementansätzen. Bei meinen eigenen Kompositionen denke ich manchmal aus der Perspektive des Dastgah-Systems und entwickle die Melodien in diesem System. Es ist jedoch meine bewusste Entscheidung, meine eigene Interpretation und Ausdruck zu finden, was mich nicht als typisch iranische klassische Sängerin kategorisiert.

Für mich klingen deine Stücke sehr lebendig und frei, ich habe das Gefühl, es wird viel improvisiert.

Unsere Lieder sind komponiert: die Struktur und bestimmte Melodien. Aber wie ich zum Beispiel in eine Melodiereinkomme – das ändert sich bei jedem Konzert. Und es gibt immer Teile, die ich für mich ganz frei lasse, bei denen ich mich auf der Bühne überraschen lasse, was passiert.

Du hast kürzlich einen offenen Brief geschrieben über die mediale Nichtbeachtung von Musikschaffenden mit migrantischem Hintergrund in Österreich …

Ich arbeite seit fast zehn Jahren in Österreich. Im Musikbusiness herrschen dort Klischees von Kulturen, die mit den eigentlichen Kulturen nichts zu tun haben. Dadurch werden Künstler:innen gezwungen, die eigene Kultur möglichst exotisch darzustellen – weil sie sonst einfach gar nicht auftreten können. Auch das Ausbildungssystem spielt da eine Rolle: Man kann nur europäische Klassik, amerikanischen Jazz und angelsächsischen Pop studieren.

Vom Musikjournalismus werden wir häufig übersehen. Wenn wir dann doch mal vorkommen, werden wir nicht als Künstler:innen betrachtet, als Spezialist:innen, sondern als exotisches Objekt. Es wird auch nie darüber gesprochen, dass „Weltmusik“ ein problematischer, diskriminierender Begriff ist. Der Begriff wurde als Marketing-Instrument erfunden, aber es ist einfach unmöglich, so viel diverse Musiken unter einem Begriff zu beschreiben.

Hast Du da konkrete Vorschläge?

Dieses Thema verdient eigentlich ein eigenes Interview. Die marginalisierten Kulturen brauchen mehr Raum und Macht im musikalischen Ökosystem als Ganzes. Und das muss sich organisch entwickeln. Niemand kann irgendwem eine Stimme geben – die Menschen haben schon eine Stimme. Sie wissen, wer sie sind und was sie wollen. Sie brauchen nur den Raum, Zeit und den Glauben, dass sie es schaffen können. Hier spielt Bildung eine entscheidende Rolle. Die Musikhochschulen sollten ihre Türen so bald wie möglich für diese marginalisierten Kulturen öffnen. Wir brauchen mehr Musiker:innen, die musikalische Vielfalt verstehen, sie respektieren und praktizieren können. Dann könnten wir gemeinsam ein Verständnis dafür entwickeln, was unsere zeitgenössische Musiksprache ist, denn die besteht ganz sicher nicht nur aus der weißen europäischen und amerikanischen musikalischen Identität.

 Gekürzte Fassung; das vollständige Interview erschien am 7. Oktober 2020 im Online-Magazin OUTERNATIONAL
www.van-outernational.com