Foto: Serge Rwogera
23.09.2020

Erfolgsgeschichte Ruanda, #2 – 2020

In Deutschland wird noch darüber debattiert, Ruanda hat sie längst installiert: die Frauenquote. Weshalb das kleine afrikanische Land auf Feminismus setzt und was sich die westliche Welt davon abschauen könnte, hat die Theater- und Perfomancegruppe Flinn Works in langer Recherche für die Produktion „Learning Feminism from Rwanda“ herauskristallisiert. Mit der Künstlerischen Leiterin und Performerin Lisa Stepf sprach der Journalist Matteo Baldi.

Ruanda macht in den letzten Jahren immer wieder weltweite Schlagzeilen in Sachen Feminismus. Was zeichnet die Erfolgsgeschichte des ruandischen Feminismus aus?

Die Entwicklungen, die das Land seit 1994 in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter gemacht hat, sind erstaunlich: Vor 1994 durften Frauen nicht erben, sie durften weder Land noch ein Bankkonto besitzen. Nur mit der Zustimmung ihres Mannes konnten sie arbeiten gehen und in der Öffentlichkeit sollten sie nicht sprechen, wenn ein Mann in der Nähe war. Heute gibt es über 61 % weibliche Abgeordnete im Parlament und Frauen können innerhalb von einem Tag sehr unbürokratisch ein mittelständisches Unternehmen gründen. Es gibt Empowerment-Trainings, staatliche Elite-Schulen für Mädchen und ein neues Gesetz gegen häusliche Gewalt, von dem viele Frauen Gebrauch machen. So landete Ruanda auch 2020 beim Global Gender Gap Index auf Platz 9 – vor Deutschland (Platz 10).

Paul Kagame amtiert seit 20 Jahren als Präsident Ruandas. Wie lassen sich Kagames Beweggründe für die Geschlechterparitätsbewegung einordnen?

Kagame hat die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau als Grundlage seiner Politik eingeführt. Nach dem Genozid 1994 war Ruanda komplett zerstört und über 70 % der Bevölkerung war weiblich. Kagame war bewusst, dass er nur mit den Frauen das Land wiederaufbauen kann. Andererseits ist er mit einer alleinerziehenden Mutter im Exil in Uganda aufgewachsen und diente dort unter Museveni in einer Rebellengruppe, in der die Gleichberechtigung auch eine große Rolle gespielt hat.

Wie lassen sich die Umgangsformen einer ganzen Bevölkerung in so kurzer Zeit transformieren?

Tief verwurzelte Werte und Rollenbilder sind natürlich nicht top-down per Gesetz veränderbar. Vor allem NGOs arbeiten in Ruanda am Kulturwandel. Zum Beispiel gibt es in den Dörfern das „Parents-Evening-Forum“ und seit 2006 existiert eine „männlich feministische Organisation”, Men‘s Ressource Centre, die für die Gleichberechtigung der Geschlechter eintritt. In Trainings arbeiten sie in landesweiten Workshops an einem neuen Männerbild, weg vom gewalttätigen Mann und weg von der „Toxic Masculinity“ – hin zu einem gleichberechtigten Verständnis von Mann und Frau.

Werden diese neuen Werte auch wirklich gelebt?

Ja und Nein. In Kigali, der Hauptstadt, findet man natürlich viele Paare der neuen Mittelschicht, die sehr gleichberechtigt leben. Auf dem Land ist das schon schwieriger, aber es gibt durchaus Fortschritte. Wir haben viele Frauen in Führungspositionen getroffen, die die gläserne Decke nicht kennen und berichten, dass sie keine Probleme mit männlichen Mitarbeitern haben, dass ihr Geschlecht im beruflichen Kontext nicht thematisiert wird. Wir haben mit Schülerinnen einer Mädchenschule gesprochen, die Pilotin, Ärztin und Politikerin werden wollen. Sie haben weibliche Politikerinnen und viele Unternehmerinnen vor der Nase.