Foto: DominikMentzos, Grafik: Panikos Polyviou
01.02.2021

Auf zu neuen Ufern, #1 – 2021

Es bedeute für ihn alles Glück der Welt, er wolle es anpacken, er wolle den Tanz wagen mit seiner Company, mit dem Publikum und eigentlich mit der ganzen Stadt, so Jacopo Godani, als er im Oktober 2015 als künstlerischer Direktor, Chefchoreograf und Geschäftsführer seine Konzepte und Visionen für die neu begründete Dresden Frankfurt Dance Company in HELLERAU vorstellte. Weil jedes Ding seine Zeit hat, kluge Menschen die Zeichen der Zeit erkennen, hatte sich William Forsythe nach zehn Jahren mit seiner Company verabschiedet. Eine Company für den zeitgenössischen Tanz in Frankfurt und Dresden unter Beibehaltung der Finanzierung durch beide Städte und Bundesländer sollte es weiterhin geben. Mit Godanis Verpflichtung war ein ästhetischer Richtungswechsel gewollt. Beachtlich, wie er es vermochte trotz anfänglicher Widerstände ein gänzlich eigenes Konzept durchzusetzen. So geht diese Company ihren Weg, Godani bringt seine reichen Erfahrungen als Choreograf ein, besinnt sich auch seiner Studien der Bildenden Kunst. Bald wird spürbar, was er meinte im Hinblick auf die Anforderungen an die Tänzerinnen und Tänzer: „Starke Technik – offene Köpfe“. Bald gibt es Projekte mit der Dresdner Palucca Hochschule für Tanz, Absolvent:innen tanzen in der Company, wie von Beginnan David Leonidas Thiel.

Sein Rückblick heute: „Unser Ziel war es, Klarheit, Präzision der Bewegungssprache möglichst effizient auf ein höheres Level zu heben.“ Er schätzt die Detailarbeit bei körperlicher und intellektueller Herausforderung. Das sieht Godani ähnlich: „Wir sind hier“, sagte er bald schon nach dem Start, „wir haben uns erfunden“. Er wolle aber nicht aufhören, andere Kunstrichtungen einzubeziehen, sich immer hinterfragen zu lassen.

Immer stärker weitet er den künstlerischen Horizont, auch wenn er Kreationen von Forsythe mit der jungen Truppe in neues Licht stellt. Er verpflichtet mit Rafael Bonachela von der Sidney Dance Company einen wichtigen Choreografen. Es gibt Choreografien mit Livemusik, in der Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Ensemble Modern. Als 2017 die zweite Finanzierung für die nächsten drei Jahre der Company gesichert ist, sind die Zuschauerzahlen um 45 Prozent gestiegen. Das Interesse außerhalb Deutschlands steigt, mit dem Namen der Company wird der Name Dresdens in die Welt des Tanzes getragen. Das Interesse ist geweckt an Godanis Konzepten, in denen es um die Frage nach den Korrespondenzen der Kunst zu gesellschaftlichen Veränderungen geht.

Und 2019 war für Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch klar, dass die Company die Geschichte des modernen Tanzes in Dresden-Hellerau fortschreibe, auch als Kulturbotschafter der Landeshauptstadt. Wenn jetzt die Finanzierung der dritten Runde bis 2023 gesichert ist, gibt es erneut Grund zur Freude für sie, „weil interessante, künstlerische Handschriften für den zeitgenössischen Tanz fortgeschrieben werden können, die Kooperationen in der Stadt sowie den Ausbau partizipativer Projekte mit der hiesigen Bürgerschaft möglich machen“. Damit könnte auch – ganz zeitgemäß – ein Online-Workshopangebot für Grundschullehrer:innen gemeint sein: Bewegung und Tanz im Mathematikunterricht. Zudem wird Jacopo Godani mit der Company weitere Horizonte im Dialog mit anderen Künsten öffnen. Und das hätte so grandios beginnen können mit der ersten Premiere dieser dritten Runde. Es war gelungen, den renommierten Choreografen Marco Goecke für eine Welt uraufführung mit dem schönen Titel „Good Old Moone“ in Dresden zu gewinnen: „Ich war bisher noch nie in Dresden! Es ist mir eine große Freude, mit einer historisch so bedeutenden und zukunftsweisenden Company zu arbeiten“, so Goecke während der Arbeit. Godani ist überzeugt, „dass er das Potenzial der Company durch seinen spezifischen, tänzerischen Hintergrund und seine choreografische Originalität ausschöpfen kann.“ Auf eine erneute Begegnung mit William Forsythes Meisterwerk „Quintett“ in HELLERAU hatte man sich gefreut, ebenso auf eine Uraufführung von Jacopo Godani. „Zeitgeist Tanz“ – so der Titel dieses Abends – Premiere nun auf Mai 2021 verschoben.

Ursprünglich war für Mai eine gemeinsame Produktion mit dem Schauspiel Frankfurt unter dem Titel „10 Odd Emotions“ geplant, die auch nach Dresden kommen sollte. Neue Termine für diese erstmalige Kooperation können hoffentlich bald bekannt gegeben werden. Die Zusammenarbeit sieht Godani als Herausforderung für Tänzer:innen und Schauspieler:innen: „Nie zuvor haben wir solch eine Kooperation durchgeführt. Darüber hinaus ist es interessant für uns, auch räumlich unseren Horizont zu erweitern, indem wir uns auf einer neuen Bühne präsentieren. Ich würde diese genreübergreifende Arbeit gerne weiterverfolgen, um den Tänzer:innen facettenreiche Erfahrungen zu bieten.“

Solche Erfahrungen schätzt auch die an der Accademia Teatro alla Scala in Mailand ausgebildete Tänzerin Roberta Inghilterra, erst seit 2018 Mitglied der Company. Sie fühlt sich willkommen und habe die Chance, „neue Werte in der Tanzwelt aufzuzeigen“. Die Arbeit erlaube es ihr, „mehr wahrzunehmen, als das, was das Auge auf den ersten Blick zu sehen gewohnt ist.“ So wie man mit dem Frankfurter Schauspiel zu neuen Ufern aufbricht, so auch in Dresden bei einer Uraufführung in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele.

Gegenseitige Bereicherung der Künste war es auch, die Armin Frauenschuh nach seinen Erfahrungen als Tänzer reizte, als er die Funktion als Produktionsleiter, Disponent und Tour Manager annahm. So weiß er um den hohen, internationalen Stellenwert der Company anhand zahlreicher Anfragen von Tourneeveranstaltern und Festivals. Natürlich ist dieser Start in die dritte Runde der Dresden Frankfurt

Dance Company nicht frei von Problemen im Rahmen derzeitiger Einschränkungen. Aber welche Kraft lässt sich auch entdecken, wenn diese Herausforderungen angenommen werden. Die Arbeit hört nicht auf. Der Tanz geht weiter, überwindet Abstände, schafft Nähe trotz großer Ferne, auch dafür steht das sich ständig erweiternde Spektrum der Dresden Frankfurt Dance Company.

Von Boris Gruhl