Foto: Dorothea Tuch
10.09.2021

1984: Back to No Future, #2 – 2021

In ihrer neuen Produktion reisen Gob Squad zurück ins Jahr 1984, zurück in die „guten, alten“ Zeiten, als das Leben noch analog und einfach war – ohne Internet und auf drei Fernsehprogramme begrenzt. Auf die Gefahr hin, in Nostalgie zu verfallen und sich komplett im Sog der Popmusik zu verlieren, treffen sie auf ihr damaliges Selbst: Teenager, die inmitten des Kalten Krieges und voller Angst vor der nuklearen Katastrophe versuchten, sich selbst und ihre Zukunft zu formen. Spielerisch überwinden sie die Zeit, um über die Vergangenheit, die ebenfalls „No Future“ sah, Visionen für die Gegenwart zu entwickeln und neue Perspektiven für das, was vor uns liegt.

Das Kollektiv und das Publikum

Gob Squad sind seit ihrer Gründung im Jahr 1994 aus der internationalen Kunstszene nicht mehr wegzudenken. Der bildende Künstler und Filmemacher Phil Collins spricht mit den Mitgliedern Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost und Simon Will über kollektive Arbeitsweisen, die eigene Ersetzbarkeit und das Publikum.

Phil: Es gibt den entscheidenden Moment in den 1980er Jahren, als Performancekünstler:innen in der allgemeinen Vorstellung, in Hollywood-Filmen und im Fernsehen, zur Lachnummer wurden. Performance galt als trivial, überflüssig, nutzlos, da man mit ihr – anders als heute – kein Geld verdienen konnte. Performance impliziert Kritik – der Arbeit, der Zeit, der Werte. Nicht der/die individuelle, geniale Künstler:in steht im Mittelpunkt, sondern die Gruppe als kreative Kraft. Was ist das Schwierigste, wenn man ein Kollektiv ist?

Sean: Das Kollektiv kostet Zeit. Du verbringst viele Stunden mit Gesprächen und Diskussionen. Ironischerweise ist es ein langer Prozess, bis man alles besprochen und alle an Bord hat, um Kunst zu machen, die dezidiert auf das Spontane setzt.

Sarah: Im Rückblick zeigt sich, dass wir sozusagen am Rand und jenseits von Institutionen gestartet sind. Wir entschieden uns für einen Weg, auf dem man nicht irgendwann Regisseur: in oder Solokünstler:in werden würde, mit einem Namen, den alle kennen. Wir gaben das Ich auf und wurden zum Wir. Wir entschieden uns für diese Reise und für die DIY-Punk-Ästhetik. Vielleicht dachten wir – ganz naiv –, dass wir mit unserer politischen Haltung dauerhaft außerhalb des Systems agieren könnten. Heute ist natürlich klar, dass auch wir irgendwann zum Establishment gehörten. Wir müssen Miete zahlen. Um arbeiten zu können, stellen wir Förderanträge, und Geld bekommst du nie umsonst. Geld kommt immer mit einer Agenda. Manchmal fragen wir uns, ob wir Teil einer Kulturfabrik sind. Auch wenn wir uns immer wieder gegen das Produkt entscheiden und prozessorientiert arbeiten, sind wir uns bewusst, dass wir in einer Kultur leben, in der wir nach dem Produkt, nach dem Ergebnis, nicht anhand des Prozesses bewertet und beurteilt werden. Es ist schwer, sich gegen diese vom Warenwert gesteuerte Trägheit aufzulehnen und auch in der Gruppe einen Konsens darüber herzustellen, was das genau bedeutet.

Simon: Gob Squad existiert ja schon lange. Seit 25 Jahren. Die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, hat sich immer weiterentwickelt. Die eigene Erfahrung hat unser Interesse an kollektiven Arbeitsformen noch verstärkt, insbesondere an Kollektiven, die ebenfalls über so lange Dauer bestehen wie wir und denen es gelingt, für sich einen Rahmen zu schaffen, in dem sich die Einzelnen frei bewegen können.

Johanna: Ich denke immer an eine lange Beziehung, in der es zunehmend schwieriger wird, den/die andere:n zu überraschen. Gleichzeitig wächst jedoch das Vertrauen zueinander. In diesem Gespräch mit dir, Phil, fällt mir wieder mal auf, dass es Worte gibt, die Gob Squad nie verwenden würden. Wir sind so stark aufeinander bezogen, dass die englischen Mitglieder der Gruppe das Vokabular der Deutschen kennen und sich daran anpassen. Es kommt nur selten vor, dass wir fragen müssen, was ein bestimmter Begriff meint. Andererseits fragen wir aber ebenso häufig: „Waaaas? Warum nicht? Warum siehst du das anders als ich?“ Es gibt also sowohl diese fast automatische Vertrautheit miteinander, und gleichzeitig viel Überzeugungsarbeit, die geleistet werden muss.

Phil: Neben der Arbeit für eure Produktionen fließt ganz sicher sehr viel in den täglichen Erhalt einer Gruppe, die seit über 25 Jahren zusammenarbeitet. Das interessiert mich. Denn ich selbst kooperiere auch oft mit Gruppen und Teams, doch in der Regel in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Ich muss also nicht unbedingt andere von meinen Überlegungen überzeugen. Dagegen entwickelt ihr eure Ideen auf einer völlig anderen Grundlage.

Sean: Du sagst, du musst eigentlich niemanden überzeugen? Ich aber brauche den Dialog, um Ideen zu entwickeln. Wir präsentieren in der Regel das Fragment einer Idee, etwas, was uns interessiert, ein Ende, einen Anfang, doch nie das Ganze. Wenn der Funke überspringt und jemand den Gedanken aufgreift, bauen wir ihn aus. Wenn nicht, machen wir etwas anderes.

Sarah: Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob es um ein künstlerisches Projekt oder um Gob Squad generell geht. Ein Bezahlsystem zu entwickeln, das alle als fair empfinden, oder wie viel Mitspracherechte wir unseren Mitarbeiter:innen einräumen – das ist harte, emotionale Arbeit. Dagegen sind die Proben eher relaxed.

Simon: Vom Tisch aufstehen, sich durch den Raum bewegen und Dinge ausprobieren – das ist etwas völlig anderes als eine sechsstündige Besprechung über kollektive Strukturen.

Johanna: Wir verhandeln allerdings auch über die kreativen Aspekte unserer Arbeit: „Versuchen wir es noch mal mit dieser Szene? Oder lassen wir sie weg?“

Bastian: Weglassen ist meistens am schwierigsten, da immer irgendjemand im Team an einer Idee etwas Gutes entdecken kann.

Phil: Ein Dauerthema ist das Autobiografische. Gleichgültig wie radikal und offensiv oder wie behutsam und zurückhaltend ihr seid, wenn ihr entscheidet, wie viel von euch selbst sich in der Produktion wiederfindet: Als Zuschauer werde ich unweigerlich immer auch auf meine eigene Geschichte zurückgeworfen. In diesen Strukturen des Bekenntnisses, wenn man so will, kann ich mich verorten, und hier und da m chte ich dann ganz aktiv an eure Stelle treten. Was an diesem autobiografischen Impuls spricht euch an?

Johanna: Als ich, noch bevor ich Mitglied der Gruppe war, frühe Arbeiten von Gob Squad sah, berührte mich insbesondere, dass es dort nicht diese:n distanzierte:n Kunstexpert:in oder Meister:in gibt, der/die handelt, redet, auf der Bühne performt, sondern eine Person, der man sich nähern kann: ein gewöhnlicher Mensch mit Schwächen, jemand wie ich. Ich fühlte mich unmittelbar angesprochen.

Sharon: Wir spielen niemals eine Person, die wir nicht sind. Vermutlich hat das mit postmoderner Prägung zu tun: Wir sind als Künstler:innen Teil des Werkes. „Wir spielen uns selbst“, dient auch der von uns angestrebten Beziehung zum Publikum. Es geht uns nicht darum, besondere Fähigkeiten zur Schau zu stellen, die vielleicht einer Bühnensprache oder Methoden der Performance-Art zuzuordnen sind. Wir wollen alltägliche, nicht-konstruierte Körper und Menschen präsentieren und dabei weder einzeln noch über dem Publikum stehen.

Berit: Wenn du sagst, dass du beim Zuschauen aktiv an unsere Stelle treten möchtest, Phil – dann verstehe ich das als Kompliment. Niemand von uns sieht sich als unersetzbar. Im Gegenteil: Unsere Aufführungen handeln nicht von Einzelschicksalen, sondern von Teilbarkeit.

Johanna: Sie drehen sich um Geschichten, die jede:r erlebt hat, die wir alle teilen können. Jede:r kann sich mit ihnen identifizieren, sich auf sie einlassen.

Berit: Das ist uns wichtig: dass alle sich wiederfinden können in den Projekten, die wir entwickeln. Da geht es auch um gemeinsame Autorschaft. Alle steuern etwas bei und schreiben sich ein, und was am Ende dabei herauskommt, gehört allen gleichermaßen. Erst aus dem Mosaik der Puzzleteile entsteht ein Narrativ – nicht selten erst in dem Augenblick, in dem wir zusammen auf der Bühne stehen – und auch das Publikum ergänzt seinen Teil. In dem Sinne sind unsere Stücke nie fertig oder ganz zu Ende geschrieben.

Gekürzte Fassung; das vollständige Interview erschien in: Aenne Qui ones (Hrsg.): Gob Squad – What are you looking. at? Postdramatisches Theater in Portraits. Band 1, 2020. Eine Publikationsreihe der Kunststiftung NRW im Alexander Verlag Berlin, S. 64 – 74, übersetzt von Lilian-Astrid Geese