Botschaft zum Welttheatertag 2020 von Shahid Nadeem, Pakistan

Theater als Schrein 

Am Ende einer Aufführung eines Stücks des Ajoka Theaters (1) über den Sufi-Poeten Bulleh Shah (2) kam ein alter Mann, begleitet von einem kleinen Jungen, zu dem Schauspieler, der die Rolle des großen Sufis spielte (3): “Meinem Enkel geht es sehr schlecht; würdest du ihm wohl einen Segen aufblasen? Der Schauspieler war verwirrt und sagte: “Ich bin nicht Bulleh Shah, ich spiele diese Rolle doch nur.“ Der alte Mann sagte: “Mein Sohn, du bist kein Schauspieler, du bist die Reinkarnation von Bulleh Shah, sein Avatar (4)”. Da ging uns plötzlich ein ganz neues Verständnis vom Schauspielen, vom Theater auf, bei dem Schauspieler*innen zu Reinkarnationen ihrer Figuren werden. 

Das Erforschen von Geschichten wie die von Bulleh Shah, von denen es in allen Kulturen so viele gibt, kann zu einer Brücke zwischen uns, den Theatermacher*innen, und einem unbekannten, aber begeisterten Publikum werden. Bei unseren Auftritten auf der Bühne lassen wir uns manchmal von unserer Philosophie des Theaters und unserer Rolle als Vorboten des sozialen Wandels mitreißen und lassen einen großen Teil der Massen zurück. In unserer Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Gegenwart berauben wir uns der Möglichkeiten einer tief bewegenden spirituellen Erfahrung, die das Theater bieten kann. In der heutigen Welt, in der Bigotterie, Hass und Gewalt zunehmen und unser Planet immer tiefer in eine Klimakatastrophe stürzt, müssen wir unsere spirituelle Kraft wieder auffüllen. Wir müssen Apathie, Lethargie, Pessimismus, Gier und Missachtung der Welt, in der wir leben, des Planeten, auf dem wir leben, bekämpfen. Das Theater hat eine Rolle, eine edle Rolle, indem es die Menschheit energetisiert und mobilisiert, um sich aus ihrem Abstieg in den Abgrund zu erheben. Es kann die Bühne, den Aufführungsraum, zu etwas Heiligem erheben. In Südasien berühren die Künstler*innen mit Ehrfurcht den Boden der Bühne, bevor sie sie betreten, eine alte Tradition, als das Geistige und das Kulturelle noch miteinander verflochten waren. Es ist an der Zeit, diese symbiotische Beziehung zwischen Künstler und Publikum, Vergangenheit und Zukunft wiederzugewinnen. Das Theatermachen kann ein heiliger Akt sein, und die Schauspieler*innen können tatsächlich zu den Avataren der Rollen werden, die sie spielen. Das Theater hat das Potenzial, ein Schrein zu werden, und der Schrein ein Aufführungsraum. 

(Übersetzung vom englischen Original ins Deutsche: Henning Bochert) 

(1) Das Ajoka-Theater wurde 1984 gegründet, das Wort Ajoka “zeitgenössisch” im Punjabi. Zum Repertoire des Ajoka-Theaters gehören Stücke zu Themen wie religiöse Toleranz, Frieden, geschlechtsspezifische Gewalt und Menschenrechte. (2) Sufismus: mystische Tradition des Islam, die die wahre göttliche Liebe durch unmittelbares persönliches Erleben von Gott zu finden sucht, wurde durch ihr Predigen universeller Bruderschaft und ihre Opposition gegen strenge, doktrinäre Einhaltung religiöser Lehren beliebt. Sufi-Dichtung, meist musikalisch wiedergegeben, drückt die mystische Vereinigung durch Metaphern irdischer Liebe aus. (3) Bulleh Shah (1680-1757): Einflussreicher punjabischer Sufi-Dichter, der in einfacher Sprache über komplexe philosophische Themen schrieb; er war ein starker Kritiker religiöser Orthodoxie und der Eliteherrschaft, wurde der Ketzerei beschuldigt, ein Begräbnis auf dem städtischen Friedhof blieb ihm verwehrt. Bekannt und bewundert über Konfessionsgrenzen hinweg. (4) Avatar: in der Hindu-Kultur Reinkarnation oder Manifestation eines göttlichen Lehrers auf Erden.