03.02.2021

Watch Out! Vom Joghurtbecher zur Wäscheklammer. Über das Staunen., #1 – 2021

Ein Gespräch von Wolfram Sander (HELLERAU) mit der Choreografin Lea Moro und Bettina Weber von Konglomerat e.V.

Mögt ihr euch kurz vorstellen?

Lea Moro (LM): Ich arbeite im Bereich Choreografie und Tanz. Meine letzte Arbeit „Alle Augen Staunen/ All Our Eyes Believe“ ist für junges Publikum, für Kinder ab acht Jahren, und es hat mir total Spaß gemacht, das Publikum sehr gemischt zu denken und mich damit auseinanderzusetzten, wie Kinder Tanz- und Theaterstücke wahrnehmen. Was für Zuschauer:innen sind sie? Ich habe mich gefragt, wie wir die Welt mit allen unseren Sinnen konstruieren. Wir haben uns auf unterschiedliche Ökosysteme fokussiert: auf die Luft, das Land und das Wasser, mit dem Anspruch, dass es nicht die eine Erklärung oder Zuschreibung für die Dinge gibt, die ichtig oder falsch ist, sondern ganz viele. Das Spannende ist eigentlich das Entdecken und das Spielen an sich und dass dabei ganz unterschiedliche individuelle Weltanschauungen zustande kommen können – und trotzdem leben wir alle gemeinsam auf diesem Planeten.

Bettina Weber (BW): Ich bin studierte Kindheitspädagogin, habe aber immer schon parallel eine offene Werkstatt mit vielen anderen Menschen gemacht und bin letztendlich hier im Konglomerat e.V. in Dresden gelandet, wo wir auf 800 m2 unterschiedliche Gewerke von Low- bis High-Tech haben. Hier kannst Du alles machen: Siebdrucken, nähen, Laser-Cutten, CNC-Fräsen, Fotos entwickeln oder Holz bearbeiten. Durch den freien Zugang zu Technologie, Werkzeugen, Maschinen und Wissen, setzen sich die Menschen wieder selbst in den Kontext zu Entstehungsprozessen. Wie entsteht eigentlich die Plastikflasche, mein T-Shirt oder ein toller Siebdruck? Diese Verschränkung von theoretischem Wissen und praktischen Handlungswissen ist hier total gegeben. Daneben beschäftigen wir uns als prototypischer Ort mit offenen Arbeitsstrukturen auch mit übergreifenden Fragestellungen, z.B. wie die Arbeit der Zukunft aussehen kann. Die Werkstätten als Tool für Stadtentwicklung. Du kannst hinausgehen. Du bist Macherin und Macher. Du kannst Deine Welt verändern. Auch wollen wir den Menschen einen Raum eröffnen, um ihre eigene Geschichte mit einem Thema oder einem Material erzählen zu können. Wir haben z.B. aus einem Joghurtbecher Kunststoff-Granulat hergestellt und daraus ein neues Produkt erzeugt: eine Wäscheklammer. Und jetzt erzählen wir nicht mehr die Geschichte vom Müll, sondern von einer Ressource und deren Transformation. Auf Materialströme bezogen, entstehen dann Fragen: Wer produziert dieses Material? Woher kommt es, wie wird es verwendet und wohin geht es dann weiter? Anstatt sich nur kleine Bruchstücke von Prozessen rauszupicken, sollten wir versuchen, die Komplexität dahinter wieder zu verstehen.

Der Weg vom ersten spielerischen Suchen und Ausprobieren bis zur Finalisierung einer Bühnenarbeit und zur Premiere, die oft unter Zeitdruck entsteht, beschreibt auch einen ziemlichen Transformationsprozess. Wie stehen Entwicklung und Werk zueinander?

LM: Im Tanz- und Theaterbereich ist das nicht so einfach, denn das, was kreiert wird, hat den Stellenwert von einem „Endprodukt“ und ich persönlich finde es auch spannend, zu sagen: Wir haben da was Unabgeschlossenes gestaltet. Bettina hat gerade beschrieben, wie Raum Gesellschaft verändern kann. Bezogen auf den Theaterraum heißt Komplexität für mich, wie es gelingen könnte, miteinander ins Fragenstellen zu kommen und auch in ein Sprechen und Teilen von Erfahrungen. Sonst entsteht da eine Abgestumpftheit. Wir hatten kürzlich Aufführungen mit Schulklassen in Genf. Kaum hatte es angefangen, haben die Lehrpersonen immer „Psst, Psst!“ gesagt. Die hatten Angst, dass sich ihre Schüler:innen nicht gut verhalten. Das ist eigentlich schade, weil gerade das „Mitgehen“ ja toll ist. Man ist gespannt und weiß nicht, was kommt. Wie schaffen wir es, miteinander wieder in ein Wundern, Staunen und Fragen zu kommen? Ich merke bei mir selbst, wirklich Fragen zu stellen ist gar nicht immer nur einfach.

BW: Ich spreche immer von Zukunftsräumen oder sogenannten Zukunftsschutzgebieten. Es braucht wirklich reale Räume, in denen wir mit Zukunft experimentieren dürfen. Das sind besondere Schutzräume und wir merken, dass wir uns die immer mehr zurückerobern und wiederaneignen müssen. Einen Raum zu haben, in dem man Fragen stellen darf. Einen Raum zu haben, in dem man auch einfach scheitern darf. Nur so kriegen wir doch raus, was Zukunft ist und wie sie sich anfühlt.

Hast du schon mal eine:n Tänzer:in mit drei Meter langen blauen Tentakeln tanzen sehen, mit deinen Füßen ein Spinnennetz in deinem Zimmer gesponnen, virtuell Viren gezählt oder etwas von Pilz-Sporen oder Orthozeras gehört? Nein, dann folge dem Instagram Account @alloureyesbelieve. Hier erwarten dich wundersame Informationen und Illustrationen, knifflige Quiz-Fragen und bisher geheime Einblicke in den Kreationsprozess.