Shiva Feshareki, Foto: Rupert Earl
18.09.2020

Shiva Feshareki – Multidimensional Thinking, #2 – 2020

Shiva Feshareki ist eine am Experiment interessierte Komponistin, die in ihrer Praxis Aspekte von Akustik, Elektronik, Kontext und Perspektive erforscht. „Vielleicht hilft mir mein transnationaler und multikultureller Hintergrund, verschiedene Aspekte in meiner Musik mit Leichtigkeit und gleichzeitig Tiefe zu erforschen. In der Londoner Gegend, in der ich aufgewachsen bin, lebte ich in einer der sehr wenigen nicht-westlichen Familien. Wenn ich dies mit meiner multikulturellen Erziehung kombiniere, in der ich vielfältige Perspektiven erlebte, erinnere ich eine Vielzahl von Modellen des Denkens, kreativer Prozesse und kreativer Zusammenarbeit. Auch heute fühle ich mich besonders wohl, wenn ich mich zwischen verschiedenen künstlerischen und sozialen Szenen bewege oder eine Außenseiterin in einem Bereich oder einer Disziplin sein kann.“ Inzwischen besitzt Shiva Feshareki einen Doktortitel für Musik vom Royal College of Music (London) und zahlreiche Auszeichnungen wie den britischen Komponist*innenpreis für Innovation der Ivors Academy (2017). Seit einiger Zeit komponiert sie öfter und besonders gern für Orchester, wobei sie ihre Werke als Solistin z.B. mit dem BBC Concert Orchestra, London Contemporary Orchestra, den Düsseldorfer Symphonikern, Orchestra Nationale de Lyon oder Ensemble Modern aufführt. „In meinen elektroakustischen Kompositionen konzentriere ich mich auf Klangbewegungen, Raum und die Verbindung von Klang mit umfassenden physikalischen Phänomenen. Ich möchte besondere Hörerlebnisse schaffen und die Perspektive des Zuhörers mit physikalischen und räumlichen Mitteln erweitern. Dies ist z.B. in meinen Kompositionen „GABA-analog“ und „Opus Infinity“ vorherrschend: Die Zuhörenden treten buchstäblich in die Kompositionen ein und erhalten ihre eigene Version der Komposition, je nachdem, in welchem Winkel und in welcher Perspektive sie sich im Raum befinden. In meinen Live-Elektronik- und Plattenspieler-Performances recycle ich Klang als Material und interpretiere ihn neu, indem ich ihn mit taktilen Bewegungen – fast wie in einer Choreografie – zwischen mir und sich drehenden Kreisen manipuliere. Damit verwandle ich Klangmaterial in neue Dimensionen und Perspektiven von unendlichen Proportionen. Mit „Opus Infinity”, meiner Raumkomposition für Live-Elektronik, Plattenspieler, verstärktes Ensemble und Soundsystem (Uraufführung mit dem Ensemble Modern am 29. Februar 2020 in Frankfurt), habe ich ebenfalls eine Vielzahl von Praktiken in einen multidimensionalen Prozess einbezogen – und auch hier war das Publikum frei in der Wahl seiner Perspektiven.“

„Ich möchte besondere Hörerlebnisse schaffen und die Perspektive des Zuhörers mit physikalischen und räumlichen Mitteln erweitern.“

Am 6. November 2020 wird in HELLERAU das Festival „4:3“ mit BLACKBOX eröffnet, einem Konzertprogramm in drei Teilen: Enno Poppes Komposition „Rundfunk“ (2018) für neun Synthesizer, Robert Henkes Projekt „CBM 8032 AV“ (2019) für 5 Computer und die Uraufführung einer neuen Spatial-Komposition von Shiva Feshareki. Alle Projekte verbindet eine besondere Neugierde auf aktuelle wie „historische“ Techniken der elektronischen Musik, auf die Besonderheiten faszinierender „Blackboxes wie Synthesizer oder Computer. Enno Poppe verwendet Klänge der sechziger und siebziger Jahre wie FM-Synthese oder Minimoog, die er dekonstruiert und neu zusammensetzt. Robert Henke erforscht die Schönheit einfacher Grafiken und Töne unter Verwendung von Computern aus den frühen 1980er Jahren, befragt die Ambivalenz zwischen zeitgenössischer Ästhetik und der Verwendung inzwischen veralteter und beschränkter Technologien. Weitere Programmpunkte bei „4:3“ sind aktuelle Arbeiten von Charlotte Triebus, OEIN/PHOENIX16 (siehe dazu den Text von Michael Ernst in diesem Magazin auf S. 28), Konzerte zum 85. Geburtstag von Helmut Lachenmann sowie Uraufführungen der „Nächsten Generationen“: mit der Komponistenklasse Dresden und dem Ensemble Contemporary Insights