shift change. SCHICHTWECHSEL Irina Pauls, Foto: Matthias Zielfeld
18.09.2020

Arbeit! – Maschinen, Energien, Geräusche, Materialien, #2 – 2020

Leonie Kusterer, künstlerische Referentin in HELLERAU, sprach mit der Choreografin Irina Pauls über ihr neues Stück „shift change. SCHICHTWECHSEL”.

Deine Choreografien „Labora“ und „shift change. SCHICHTWECHSEL“ thematisieren das Bewegungsfeld serieller Arbeitsprozesse in den Fabriken der Industrialisierung. Wie ist diese Werkgruppe entstanden?

Mich interessieren anthropologische Aspekte. Als Choreografin beobachte ich Tänzer*innen im Arbeitsprozess. So habe ich gelernt, feinste Unterschiede in ihren Bewegungsabläufen zu erkennen. Und Orte inspirieren mich zu künstlerischen Arbeiten. So war es auch mit dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei „Spinne“, der größten Spinnerei Kontinentaleuropas Anfang des 20. Jahrhunderts. Maschinen, Energien, Geräusche, Materialien – es sind die Arbeitsbedingungen, denen sich der Körper unterordnen muss. Der Arbeitstakt ist es, der die Menschen in körperliche Abläufe zwingt. Er beeinflusst nicht nur unsere Körper, sondern auch unsere Beziehungen zueinander.

Wie hast du deine Rechercheergebnisse auf die choreografische Ebene übertragen?

Ich habe mich mit der Energieübertragung bei Transmission-Maschinen beschäftigt. Die daraus resultierende Taktung der Arbeitsbewegungen erzeugt durch ihre ständige Wiederholung im Körper eine andauernde feine Resonanz. Mit dieser Resonanz auf bestimmte Körperteile habe ich mit Tänzer*innen bis in die kleinste körperliche Verästelung gearbeitet. Zudem erzeugt die Taktung eine innere Pulsation, auf die sich der Körper einstellt. Unser Körper reagiert nicht maschinell. Kann eine Bewegung genau wiederholt werden? Natürlich nicht. Also war für uns interessant, was mit den Körpern passiert, die in langanhaltende Wiederholungen gezwungen werden und keinen Bezug zum/zur Partner*in aufnehmen.

Wie denkst du als Künstlerin über Arbeitswelten in der Zukunft nach?

Wir sollten uns fragen, wie wir unser menschliches Zusammenleben in Zukunft gestalten wollen. Mich beschäftigt, auf welches Körperwissen wir in zukünftigen Technologien zurückgreifen wollen und inwieweit uns das vom Produkt entfernt. Der Taktung sind wir nach wie vor unterworfen. Der Computer gibt uns den Arbeitstakt vor. Auch diese Arbeit wird bald museal sein. Unser Körperverständnis wird sich in diesem Prozess der Technisierung wandeln. Welche Konsequenzen hat das auf unsere Lebenswelten?