Foto: Klaus Gigga
22.09.2020

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch kann“, #2 – 2020

Bei ArtRose treffen sich regelmäßig Menschen über 60 Jahre, um sich gemeinsam zu bewegen und zu improvisieren. Mit der Initiatorin Jenny Coogan, Professorin an der Palucca Hochschule für Tanz, sprach Moritz Kotzerke, Leiter Audience Development, Kulturelle Bildung und Netzwerke in HELLERAU.

Frau Coogan, wer oder was ist ArtRose?

ArtRose entstand im Januar 2011. Meine Mutter wurde gerade 80 und ich wollte ihr ein sehr besonderes Geschenk machen. Als Tänzerin, Choreografin und Leiterin einer eigenen Company habe ich mir gedacht: Wieso nicht ein Tanzstück mit Leuten entwickeln, die annähernd in ihrem Alter sind? Und so habe ich ein paar Bekannte angesprochen, deren äußerlicher Ausdruck mich interessiert hat. Daraus ist dann eine Gruppe entstanden und wir haben im Mai 2012 ein erstes Stück in HELLERAU aufgeführt.

Die Gruppe hat einige Besonderheiten: Erstens geht es nicht um tänzerisches Können. Die meisten Teilnehmer*innen haben sehr wenig Erfahrungen mit Tanz. Meist sind sie erst als Rentner*innen zum Tanz gekommen. Zweitens: Die Gruppe ist kontinuierlich ohne Unterbrechung seit 2011 bestehen geblieben (sechs von den ursprünglich zehn Menschen sind auch heute noch dabei). Und drittens: Ich als Choreografin entwickle keine fertige Dramaturgie, sondern die Ideen entstehen aus der wöchentlichen Praxis der Gruppe. Das führt auch zu einer starken Authentizität auf der Bühne, und die Bewegungsformen, mit denen wir arbeiten, sind sehr divers.

Wie kann man sich ein Treffen der ArtRoses in HELLERAU konkret vorstellen?

Wir sind jetzt seit ungefähr drei Jahren einmal im Monat in HELLERAU. Am Anfang war es immer der feste Kern und es hat ein bisschen gedauert, bis auch neue Personen aus Dresden dazugekommen sind. Ich glaube, das Besondere ist, dass die Menschen sich aufgenommen fühlen und in einen Raum kommen, in dem jede*r die Anerkennung von jede*r bekommt.

Die Trainings sind so aufgebaut, dass wir mit kleinen Aufwärmübungen anfangen. Beispielsweise versuchen wir, uns mit den Händen und unserem Atem wie Quallen zu bewegen und dafür Formen zu finden. Das geht manchmal so weit, dass man das Gefühl hat, dass der Atem von innen nach außen durch die Haut strebt und wieder zurückgezogen wird. Diese Übungen zum Ankommen und Aufwärmen macht man auch mit professionellen Tänzer*innen, sie werden vielleicht nur anders aufgenommen, da jede*r es anders macht. Es sind sehr viele Kleingruppen- oder Partner*innenübungen, es geht um das In-Kontakt-Kommen – nicht über Hautkontakt, sondern über die Wahrnehmung der gemeinsamen Erkundung des Raumes. Es wird also mobilisiert, geknetet, Ebenen erkundet, alleine oder mit anderen. Aber nie mit einem wirklich vorgegebenen Material, dass man lernen soll. Es gibt Aufgaben oder Ideen und dann finden wir Antworten zusammen in längeren Improvisationen.

Sie kennen die Teilnehmer*innen nun schon recht lange. Können Sie beschreiben, was diese Erfahrungen mit dem Tanz für die Teilnehmer*innen bedeuten und was sie dort lernen?

Die Atmosphäre und der Raum zum Ausprobieren unterstützen, glaube ich, sehr die eigene Vorstellungskraft und Selbstwirksamkeit. Manche haben mir nach einigen Jahren gesagt, dass sie große Probleme mit Selbstkritik hatten und Angst, sich zu blamieren. ArtRose hat ihnen geholfen, diese Ängste loszuwerden. Bei anderen geht es eher um die körperlichen Fähigkeiten. Viele denken dann: „Wow, ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch kann.“ Und das heißt jetzt nicht, dass man unglaublich virtuos ist, aber sie spüren ihre Fähigkeiten des künstlerischen Ausdrucks durch Tanz. Denn auch Gehen kann ein Tanz sein, wenn es voll von Intentionen, Ausdruck, Poesie ist. Eine ist Professor*in an der Uni und sie sagte, dass sie jetzt keine Angst mehr vor ihren Vorlesungen mit 400 Leuten hat.

Denken Sie, dass die Teilnehmer*innen von ArtRose zeitgenössischen Tanz auch anders anschauen und wahrnehmen?

Viele sagen von sich, dass sich ihr Verständnis von zeitgenössischem Tanz durch ArtRose stark entwickelt hat. Sie schauen sich eine größere Vielfalt an Tanz an und finden bessere Zugänge für sich selbst. Wenn man seine künstlerische Sicht als Zuschauer*in erweitert, dann entsteht die Möglichkeit, die eigene Wahrnehmungsfähigkeit zu öffnen und Zugang zu unterschiedlichen Formen zu finden.

Das Besondere an ArtRose HELLERAU ist, dass die Leitung der Gruppe überwiegend die Gastkünstler*innen übernehmen, die in HELLERAU spielen. Die Treffen sind meist nur eine Stunde vor Vorstellungsbeginn, und dann kann man die Stücke auf der Bühne meist noch erleben. Es macht den Besuch gemeinschaftlicher, denn man hat vorher schon etwas mit anderen zusammen geteilt und man geht vor der Vorstellung vielleicht noch gemeinsam ins Restaurant oder in den Garten. So kommt man mit anderen in Kontakt und hat Austausch. Das ist für mich ein viel kompletteres Erlebnis von Tanz. Eben nicht nur in der Rolle der Zuschauenden.

Wie würde sich ArtRose in HELLERAU entwickeln, wenn Sie träumen dürften? Und gibt es etwas, das Sie uns als Haus mit auf den Weg geben möchten?

Natürlich würde ich es sehr toll finden, wenn wir mit ArtRose noch einmal in HELLERAU auftreten könnten. Es gibt ja immer wieder Schwerpunkte mit unterschiedlichen Gruppen, es gab aber noch nie ein Festival für ältere Menschen. Unsere Gesellschaft besteht nun mal zu einem großen Teil auch aus älteren Menschen und in dem Alter haben sie so viel in deren Körpern an Erfahrung, an künstlerischem Ausdruck. Alt heißt für mich: Was für ein Stoff! Was für Erlebnisse! Alles in einem leiblichen Körper. Und ich glaube, dass es dafür auch ein Publikum gibt. Viele unserer Auftritte sind gut besucht. Viele ältere Menschen schauen sich das gerne an. Ich persönlich sehe das als einen gesellschaftlichen Gewinn, wenn ältere Tanzensembles nicht nur etwas in Senior*innenheimen oder Gemeinschaftsräumen machen, sondern auch in den Räumen, in denen Kunst gezeigt wird, sichtbarer werden.