Foto: Simone Scardovelli
18.01.2021

Die Zuschauer:innen Halten uns am Leben, #2 – 2019

„Antje Pfundtner in Gesellschaft“ (APiG) unter der künstlerischen Leitung der Hamburger Choreografin Antje Pfundtner war zuletzt im Februar 2020 mit „Alles auf Anfang“ in HELLERAU zu sehen. Neben ihren Bühnenarbeiten entwickelt APiG Formate künstlerischen Teilens. Die auf drei Jahre angelegte Dialog-Plattform „Tischgesellschaften“ dient seit 2018 dem regelmäßigen Austausch mit anderen Kunstschaffenden und wird durch die Förderung TANZPAKT Stadt-Land-Bund ermöglicht. Im Januar 2021 findet in HELLERAU die „Tischgesellschaft“ „Wieder da!“ zum Thema Wiederaufführung und nachhaltiges Arbeiten als öffentliches Format statt. André Schallenberg, Programmleiter Theater/Tanz in HELLERAU sprach mit Antje Pfundtner (AP) und Anne Kersting (AK).

Wie ist die Idee für die „Tischgesellschaften“ entstanden?

AK: Wir haben bereits früher ähnliche Formate initiiert, zum Beispiel die „Tauschbörse der Erinnerungen“, die aber immer an bestimmte Bühnenprojekte gekoppelt waren, um sie überhaupt finanziell zu ermöglichen. Uns bewegten die Fragen, wie wir jenseits von konkreten Produktionen forschen können: Inwiefern sind Künstler*innen nicht nur Produzierende und wie können wir auch selbst in all den anderen Bereichen zu Handelnden werden?

AP: Für mich persönlich entspringen die „Tischgesellschaften“ einer Frage, die ich mir seit 20 Jahren, seit Beginn meiner künstlerischen Arbeit stelle: Was machen Künstler*innen, die an einem „strukturellen Karriereende“ angekommen sind, die also strukturell begrenzt sind durch das Ausreizen aller Fördermöglichkeiten? Stagnieren sie, fallen sie zurück, transformieren sie sich in einen anderen Bereich? Diese Fragen schienen mir weniger bedrohlich, wenn man sie teilt. Damit wollte ich auch einen Impuls setzen, als Künstler*in selbst aktiv zu werden, Themen anders zu formulieren, Gelder anders zu teilen und damit auf Augenhöhe an Institutionen und unser Publikum heranzutreten. Wir erhoffen uns davon eine nachhaltige Selbstermächtigung der Szene – durch die Entwicklung konkreter Ansätze für eine projektübergreifende Finanzierung der Tanzkunst, aber auch durch die Bündelung von Energien und Ressourcen. Wir vertrauen darauf, dass sich am Ende etwas findet, das eben nicht in eine Festlegung oder in einen Denkrahmen mündet, sondern in eine Offenheit, die anregt.

Wie wählt Ihr die Themen für die „Tischgesellschaften“ aus?

AP: Wir haben zwei grundlegende Fragen: Wie teilt man Ideen und wie teilt man Geld? Das Teilen von Ideen verbindet sich oft mit Fragen nach Urheberrecht, Autorenschaft – sehr empfindliche Punkte, nicht nur in der Kunst. Und das Teilen von Geld ist natürlich per se schon sensibel. Ich finde das sehr gut und wichtig, dass das so heikle Fragen sind.

Im Kontext dazu haben wir drei weitere Themen versammelt: die Frage nach dem Wieder-da, also dem Wiederaufführen, mit der wir auch nach Dresden kommen werden. Warum ist die Kunst in ihrer Produktion oft nicht „nachhaltig“, da viele Arbeiten ja bereits nach ihren ersten Aufführungen wieder verschwinden? Die zweite Frage betrifft das Geld und seine Verteilung. Das ist auch eine Machtfrage. Wir gründen gerade als Experiment einen eigenen Fonds, in den Künstler*innen einzahlen. Der ist gedacht als Instrument, um die Finanzierung von Kunst und ihre Mechanismen selbst durchspielen zu können. Die dritte Frage betrifft die Zuschauer*innen: Zuschauer*innen halten uns ja am Leben. Wie arbeiten wir mit ihnen und für sie? Welche Partnerschaften gehen wir mit ihnen ein?

Seht ihr das auch als eine politische Arbeit?

AK: Godard hat das perfekt formuliert, er mache keine Filme über Politik, sondern politische Filme. Es geht also um die Arbeitsweise und das Tun – um das Vermitteln einer Praxis.

AP: Wir haben das Bedürfnis nach breiter Kommunikation und Verhandlung. Die Auseinandersetzung, die Äußerung an sich ist ja auch schon ein politischer Akt. Ich habe auch nie verstanden, warum Leute sagen, der Tanz sei unpolitisch. Er ist doch in erster Linie eine Ausdrucksform, die sich öffentlich macht und zu der du dich verhalten musst. Es gibt auch Kolleg*innen, die ihre künstlerische Arbeit von ihrer politischen Arbeit trennen. Das finde ich sehr interessant, weil das für mich immer eins war und ist.

Die „Tischgesellschaften“ folgen einer größeren Idee von künstlerischer Arbeit. Wie würdet ihr die beschreiben?

AK: Es geht darum sich selbst und seine künstlerische Praxis als ein Medium zur Verfügung zu stellen. Die „Tischgesellschaften“ machen diesen Dialog möglich. Sie bieten einen diskursiven Handlungsspielraum als öffentliche Plattform. Anders als die Vorgabe: Du bekommst Geld, also führst du etwas öffentlich auf. Das hat aber mit Veröffentlichung an sich noch nichts zu tun, sondern mit Verwertung.

AP: Ich bin schon mal gefragt worden: „Was machen Sie eigentlich tagsüber?“ Es ist für viele unvorstellbar, welche Art von Arbeit hinter künstlerischem Wirken stecken, welche Recherchen und Suchbewegungen. Alles, was vor und nach einem Stück kommt, ist auch unsere Arbeit, die Bühnenproduktion ist nur ein Teil davon. Und im besten Fall ist das eben ein „Sich-Auseinandersetzen“ mit gesellschaftlichen Themen. Der zeitgenössische Tanz hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem weit geöffnet, ästhetisch und formal. Damit hat er es auch geschafft, viele andere Kunstrichtungen und die Gesellschaft stark zu beeinflussen. In dieser Umgebung bewegen wir uns. Für mich ist der zeitgenössische Tanz die spannendste Kunstform.

Tipp!
22. – 24.01.
Tischgesellschaft: „Wieder da!“
Gespräch und Filmdokumentation „Vertanzt“ | Antje Pfundtner in Gesellschaft (DE)