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Was viele beachten #1 – 2026

Der Sonderforschungsbereich „Transformationen des Populären“ der Universität Siegen erforscht, wie Popularität unsere Gesellschaft verändert.

Von Dr. Jörgen Schäfer

Wie verändert sich die Perspektive auf einen Roman, wenn er ein Bestseller geworden ist? Und was bedeutet es für einen „Klassiker“, wenn er kaum noch Leser*innen findet? Welche Folgen hat es für die politische Willensbildung, wenn manche „populistische“ Botschaft Millionen erreichen, während fundierte Expertise ungehört bleibt? Und was bedeutet es für unsere Kultur, wenn nicht in erster Linie die Qualität von Artefakten zählt, sondern die Platzierung in Charts und Rankings oder die Zahl der Klicks, Likes und Views, die sie in sozialen Medien generieren? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich der Sonderforschungsbereich (SFB) 1472 „Transformationen des Populären“, ein seit 2021 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Universität Siegen geförderter interdisziplinärer Forschungsverbund, der untersucht, wie das Populäre unsere Gesellschaft verändert.

Eine neue Definition des Populären

„Populär ist, was bei vielen Beachtung findet“ – so lautet die bewusst einfache Nominaldefinition des Forschungsverbunds. Diese Formulierung mag zunächst banal klingen, entfaltet aber eine bemerkenswerte analytische Kraft. Denn sie löst sich von den normativen Zuschreibungen, die das Wort „populär“ traditionell begleiten: beliebt oder verhasst, wertvoll oder wertlos, Hochkultur oder Massenunterhaltung. Stattdessen interessiert sich der SFB zunächst für die schlichte, quantitative Dimension: Wird etwas von vielen Menschen beachtet – oder eben nicht?

Diese Perspektive eröffnet einen neuen Blick auf kulturelle und gesellschaftliche Phänomene. Denn wer oder was Beachtung findet, hat Folgen dafür, wer oder was als wichtig, relevant oder legitim gilt. Ein Musiker, dessen Songs millionenfach gestreamt werden, gewinnt dadurch eine kulturelle Bedeutung, die unabhängig von ästhetischen Kriterien wirkt. Ein wissenschaftliches Paper, das tausendfach zitiert wird, prägt ein Forschungsfeld stärker als womöglich originellere oder fundiertere Arbeiten, die aber weniger beachtet werden. Eine politische Bewegung, die Tausende auf die Straße bringt, kann nicht mehr ignoriert werden – selbst wenn ihre Forderungen umstritten sind.

Zwei Formen der Popularisierung

Um diese Dynamiken besser zu verstehen, unterscheiden die Siegener Forscher*innen zwischen zwei grundlegenden Formen der Popularisierung. Die „Popularisierung erster Ordnung“ beschreibt bewusste Strategien, etwas für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Wissenschaftler*innen schreiben populärwissenschaftliche Bücher, Künstler*innen passen ihre Werke an Massengeschmack an, Politiker*innen formulieren komplexe Programme in eingängigen Slogans. Der Gegenstand wird gezielt verändert, vereinfacht, angepasst – damit er von vielen beachtet und, so die Hoffnung, verstanden werden kann. Und zwar, weil diejenigen, die diese Strategien verfolgen, der Auffassung sind, dass dies geschehen soll.

Die „Popularisierung zweiter Ordnung“ funktioniert anders: Hier geht es um die für alle nachvollziehbare Beobachtung der Beachtung durch viele: Charts und Rankings, Bestsellerlisten und Klickzahlen, Follower-Counts und Umfragewerte machen messbar und stellen öffentlich aus, was von vielen beachtet wird. Diese Sichtbarmachung von Popularität hat selbst transformative Kraft: Ein Song, der in den Charts steht, wird dadurch noch interessanter. Ein Buch auf der Bestsellerliste verkauft sich besser. Ein Tweet mit vielen Likes zieht weitere Aufmerksamkeit auf sich.

Diese beiden Formen der Popularisierung können in Konflikt geraten. Was speziell für breite Publika aufbereitet wurde, findet nicht automatisch Beachtung. Und was tatsächlich populär wird, entspricht nicht immer den Vorstellungen derer, die bestimmen wollen, was Beachtung finden sollte.

Dies ist eine zentrale These des SFB: In modernen Gesellschaften hat sich eine Umkehr der Beweislast vollzogen. Traditionell musste das Populäre sich rechtfertigen: Warum sollte man sich mit Massenunterhaltung beschäftigen, wenn es doch anspruchsvolle Kunst, seriöse Wissenschaft, legitime Politik gibt? Diese Hierarchie gerät ins Wanken, wenn Popularität selbst zur Legitimationsressource wird. Dann lautet die Frage umgekehrt: Warum sollte etwas Beachtung finden, das nicht populär ist? Warum soll man ein Museum besuchen (oder aus Steuermitteln finanzieren), dessen Ausstellungen nur wenige interessieren? Warum ein Buch lesen, das niemand kennt? Warum einer Wissenschaft vertrauen, die kaum jemand versteht?

Problematisierte Popularität

Diese Umkehr hat weitreichende Konsequenzen. Sie betrifft nicht nur die Kultur, sondern auch Politik, Wissenschaft, Medizin, Religion, Bildung. Überall dort, wo bislang Expertise, Tradition oder institutionelle Autorität für Legitimität sorgten, entsteht ein Rechtfertigungsdruck: Warum soll man etwas beachten, wenn so wenige andere es tun? Und warum sollte man nicht beachten, was doch unleugbar populär ist?

Diese Frage ist besonders brisant, weil sie demokratische Grundsätze bestätigt – schließlich geht es um „die vielen“. Zugleich droht sie Strukturen und Institutionen zu untergraben, die nicht auf massenhafte Zustimmung, sondern auf andere Qualitäten setzen. Popularität ist aus der Sicht von Expert*innen, Verwaltungen, Politiker*innen, von ‚Eliten‘ nicht in jedem Fall erwünscht. Nicht alles, was de facto von vielen beachtet wird, sollte aus Sicht bestimmter Akteure überhaupt beachtet werden: Es kommt bisweilen zu Verschwörungserzählungen, die sich viral verbreiten; es formieren sich populistische Bewegungen, die Tausende mobilisieren; medizinische Falschinformationen werden millionenfach geteilt. In all diesen Fällen wird Popularität zum Problem – gerade, weil sie so schwer zu ignorieren ist.

Es entsteht ein fundamentaler Konflikt: Mit welchen Gründen ließe sich delegitimieren, was doch von vielen Beachtung findet? Wie kann man fordern, dass etwas keine Beachtung finden soll, wenn es doch nachweislich bereits populär ist? Die klassischen Strategien – Verbot, Zensur, Depopularisierung – geraten selbst unter Rechtfertigungsdruck. Denn wer entscheidet, was „die vielen“ beachten dürfen und was nicht?

Der SFB untersucht solche Spannungen als Kontroversen des Populären. In einer Gesellschaft, in der die Verteilung von Beachtung immer transparenter wird, in der Counter und Displays, Rankings und Umfragen allgegenwärtig sind, wird sichtbar: Manche Dinge finden Beachtung, die keine finden sollten – und anderes findet keine Beachtung, das eigentlich beachtet werden sollte. Diese Asymmetrien erzeugen Spannungen, die dann vielfach als „Polarisierung“ oder „Spaltung“ wahrgenommen werden.

Gepflegte Beachtung und die Verteilung von Aufmerksamkeit

Eine zentrale Beobachtung des SFB lautet: Beachtung wird nicht einfach nur gemessen oder gesteigert – sie wird gepflegt. Die Betreiber von Plattformen kuratieren, was ihre Nutzer*innen zu sehen bekommen. Algorithmen entscheiden, welche Inhalte sichtbar werden. Kulturinstitutionen bemühen sich um ihr Publikum. Wissenschaftler*innen pflegen ihre Netzwerke, Politiker*innen ihre Follower-Zahlen.

Diese Pflege von Beachtung ist aufwendig. Sie erfordert Strategien, Ressourcen, Infrastrukturen. Und sie führt zu einer ungleichen Verteilung von Beachtung: Weniges wird von sehr vielen beachtet, während sehr vieles kaum oder gar nicht beachtet wird. Diese Verteilung folgt nicht den alten Hierarchien von Hochkultur und Populärkultur. Sie folgt den Logiken von Plattformen, Algorithmen, Netzwerkeffekten. Wer einmal Aufmerksamkeit hat, bekommt leichter mehr. Wer keine hat, bleibt unsichtbar.

Drei Forschungsbereiche

Der SFB gliedert seine Forschung in drei Bereiche, die verschiedene Facetten dieser Transformationen untersuchen:

Der Bereich Pop erforscht ästhetische Formen und Praktiken, die sich bewusst von Sinnverpflichtungen und hochkulturellen Traditionen lösen. Pop legitimiert sich durch Popularität, nicht durch kunsthistorische Bedeutung. Ein Superhelden-Comic oder ein Schlager muss keine tiefere Botschaft haben – es genügt, dass viele ihn mögen. Diese Selbstlegitimation des Populären hat die Kulturlandschaft seit den 1950er Jahren fundamental verändert.

Der Bereich Popularisierung untersucht Strategien der Wissensverbreitung: Wie werden wissenschaftliche Erkenntnisse, historisches Wissen, kulturelle Bildung einem breiten Publikum zugänglich gemacht? Und was geschieht, wenn diese Bemühungen scheitern – wenn das Publikum ausbleibt, wenn andere Inhalte populärer werden als die, die Beachtung finden sollen?

Der Bereich Populismen schließlich analysiert politische Konflikte um die Verteilung von Beachtung. Wenn populistische Akteure sich auf „die vielen“ berufen, wenn sie Eliten vorwerfen, die Mehrheit zu ignorieren, wenn sie Institutionen attackieren, die nicht populär genug sind – dann wird Popularität zu einer hochpolitischen Kategorie. Die Transformationen des Populären sind nie abgeschlossen. Mit der Weiterentwicklung digitaler Plattformen, dem Einsatz künstlicher Intelligenz, der Automatisierung von Beachtungsmessung entstehen ständig neue Dynamiken. Der SFB erforscht diese Prozesse nicht mit Kulturpessimismus oder Technikeuphorie, sondern mit analytischer Nüchternheit: Wie funktioniert das Populäre? Welche Mechanismen sind am Werk? Welche Folgen zeitigt die Verteilung von Beachtung?

Die Antworten auf diese Fragen sind keine einfachen. Sie können nicht lauten: „Die Masse irrt immer“. Vielmehr geht es darum, die Komplexität der Transformationen zu verstehen – und damit Grundlagen zu schaffen für einen reflektierten Umgang mit dem Populären. Denn eines ist sicher: Die Frage, was von vielen Beachtung findet, prägt die Kultur, die Politik, fast alle Lebensbereiche mehr denn je.

Kooperation mit HELLERAU

Der Siegener Forschungsverbund praktiziert selbst, was er untersucht: Wissenschaftskommunikation als Aushandlung von Beachtung. Mit Podcasts, Blogbeiträgen, Workshops und öffentlichen Veranstaltungen bemüht sich der SFB, nicht nur für ein Fachpublikum verständlich zu sein. Denn wenn Popularität tatsächlich unsere Gesellschaft transformiert, dann betrifft das nicht nur die Wissenschaft, sondern alle Bürger*innen : Was gilt als wichtig? Wessen Stimme wird gehört? Welche Themen bestimmen die öffentliche Debatte?

Die Zusammenarbeit des Siegener SFB mit HELLERAU, dem Europäischen Zentrum der Künste, liegt daher nahe. Das Festival „Make it Pop! “, das HELLERAU im Mai und Juni 2026 präsentiert, zeigt künstlerische Strategien im Umgang mit dem Populären: Wie nutzen zeitgenössische Künstler*innen populäre Formen? Wie positionieren sie sich zwischen Massenkultur und Kunstanspruch? Wie gehen sie damit um, dass ihr Publikum möglicherweise ganz andere Phänomene beachtet?

Künstlerische Positionen, die in diesem Programm gezeigt werden – von der Groupe Acrobatique aus Tanger über den aus Burkino Faso stammenden Choreografen Salia Sanou bis zum Tanzensemble tanzmainz – zeigen: Das Populäre ist kein Gegensatz zur Kunst. Es ist vielmehr ein Material, mit dem sich arbeiten lässt – und das seine eigene transformative Kraft entfaltet.

Der SFB wird diese künstlerischen Strategien begleiten und im Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern sowie mit dem Publikum diskutieren: Was bedeutet es heute, populär zu sein – oder bewusst nicht populär sein zu wollen? Kann Kunst sich der Logik der Beachtung entziehen? Sollte sie es überhaupt?

Der Sonderforschungsbereich 1472 „Transformationen des Populären“ wird seit 2021 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Beteiligt sind Wissenschaftler*innen aus Literatur-, Kultur-und Medienwissenschaften, Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Theologie, Musikwissenschaft und weiteren Disziplinen. Sonderforschungsbereiche sind langfristige, auf die Dauer von bis zu zwölf Jahren angelegte Forschungseinrichtungen der Hochschulen, welche die Bearbeitung innovativer, anspruchsvoller, aufwendiger und langfristig konzipierter Forschungsvorhaben ermöglichen

Dr. Jörgen Schäfer ist Wissenschaftlicher Koordinator im SFB „Transformationen des Populären“ und Leiter des Teilprojekts A06 „Pop, Literatur und Neue Sensibilität“.