Festspielhaus Hellerau

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Rassistisch sind nicht nur die Anderen

von Dieter Jaenicke

Rassistisch sind nicht nur die Anderen

„Preto“ der Companhia Brasileira de Teatro hat das Zeug zu ganz großem Theater

Wir fahren durch ein Spalier aus Panzern, hoch gerüsteten, vermummten Soldaten und Polizisten, aus den offenen Fenstern der gepanzerten Militärjeeps ragen martialisch und machohaft die Mündungen vollautomatischer MPs. Nein, wir sind nicht in Syrien, Irak oder Afghanistan, wir befinden uns auf dem täglichen Schulweg der Mittelklasseviertel von Rio de Janeiro. Wenn ich in Rio bin, fahre ich hier meine Tochter jeden Morgen zur Schule, sofern der Schulunterricht nicht wegen der Schießereien abgesagt ist. Die Stadt befindet sich in einem vom Rest der Welt noch nicht mal wahrgenommenen, nicht endendem Krieg zwischen rivalisierenden Narko-Gangs, kleinen und größeren Drogendealern, korrupten Polizisten, panischen Soldaten und der bis zum Überdruss schikanierten und verängstigten Bewohner der Favelas.

Seit dem Regierungsputsch im vergangenen Jahr befindet sich die brasilianische Gesellschaft ökonomisch, logistisch und ethisch in einem kollektiven freien Fall. Niemand garantiert mehr die öffentliche Sicherheit, einfachste Strukturen für Bildung, Gesundheit und staatliche Grundaufgaben brechen in sich zusammen, die Orgien an Korruption von allen politischen Parteien nehmen kein Ende, staatliche Institutionen und Personen sind restlos desavouiert. Und das nationale Parlament entscheidet die Verschärfung des Abtreibungsparagrafen auch bei Vergewaltigung und Lebensgefahr für die Mutter, erlaubt Ärzten und Psychiatern die Behandlung von Homosexualität als Krankheit. Im Zustand der gesellschaftlichen Auflösung ist die Deutungshoheit für gesellschaftliche Werte und Regeln in den Händen einer korrupten politischen Klasse zum reaktionären Machtinstrument verkommen.

60% der Jugendlichen von der Peripherie ohne kriminellen Hintergrund waren schon Opfer von Polizeigewalt
Von 4 Personen, die die Polizei tötet, sind 3 Schwarze
An den brasilianischen Universitäten sind nur 2% der Studierenden Schwarze

Das alles hat Tradition in Brasilien, das Land des erotischsten Karnevals der Welt, der permanenten öffentlichen Ikonisierung von Körperkultur und Schönheit brutalisiert die Diskrimierung von Minderheiten in immer wiederkehrenden exzessiven Ausgrenzungen. Brasilien, über Jahrhunderte einer der größten Abnehmer afrikanischer Sklaven, das letzte westliche Land, das die Sklaverei gesetzlich verbot, zelebriert bis heute in fast allen Lebensbereichen offenen und versteckten Rassismus, Homophobie und Diskriminierung von Frauen.
Von all dem handelt Preto der Companhia Brasileira de Teatro, aber das Stück geht über das Thema Rassismus weit hinaus. Regisseur Marcio Abreu stellt die Inszenierung in einen historisch-aktuellen und real-intellektuellen politischen Kontext: Joaquim Nabuco, Wissenschaftler und engagierter Verfechter der Abschaffung der Sklaverei im Brasilien des 19. Jahrhunderts auf der einen Seite und der renommierte südafrikanische Philosoph Achille Mbembe mit seiner kritischen Theorie zum Rassismus bilden die inhaltlichen Ausgangspositionen für das Stück.

Preto ist ein frappierend genaues, schockierendes Theaterstück mit einigen der besten Schauspieler Brasiliens. Sie bilden Realität nicht als eine illusionäre Als-Ob-Veranstaltung auf der Bühne ab, sie erlauben auch kein einfaches Bestätigungsritual politischer Korrektheit, sondern begeben sich in einen Dialog mit der Realität, die thematisch präzise und theatralisch an der Spitze der Zeit ist: Wie lebe ich mit dem Anderen, wie lebe ich das Andere, wie lebe ich Unterschiede, Gleichheit und Ungleichheit? Denn rassistisch sind nicht nur die Bösen, die Faschisten, die Rassisten. Rassismus fängt im eigenen Denken an, er findet sich in Millionen Symbolen, er beginnt beim Blick auf die Weltkarte, er brütet in Kirchen, Moscheen und Tempeln, er findet sich in Sportstadien und in der autosuggestiven Beruhigung der ganz Toleranten. Preto ist ein notwendiges Stück, das das Zeug für großes Theater hat.

Europäisches Zentrum der Künste Dresden