Was war Hellerau? Zunächst ein Stück unberührter Heidelandschaft. Doch der Dresdner Möbelfabrikant Karl Schmidt erkannte in dem 6-7 km nördlich der Stadt Dresden gelegenen, weitläufigen Gelände auf Anhieb den geeigneten Ort zur Ansiedlung seiner expandierenden „Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst“. Grund und Boden waren billig und boten Platz für ein groß angelegtes Projekt: die Gründung einer Gartenstadt nach englischem Vorbild. Schmidt, ein Mann mit äußerst moderner Unternehmensphilosophie, war ganz den zeitgenössischen lebensreformerischen Ideen verbunden. Sein erfolgreiches Möbelprogramm verband funktionale und ästhetische Ansprüche mit zeitgerechter maschineller Produktion. Entwürfe internationaler Künstler und der sensible, fach- und materialgerechte Umgang mit dem Werkstoff Holz sicherten den seriell gefertigten Werkstücken ihre hohe Qualität; das praktisch konzipierte Mobiliar war zerleg- und transportierbar sowie im Preis erschwinglich. Entsprach schon all dies einer kleinen Revolution, was den Geschmack gängiger Wohnungseinrichtungen betraf, so war die Gründung der Gartenstadt als städtebaulich, sozio-kulturell und ökonomisch durchkomponierter Gegenentwurf zu den menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Stadt gedacht. Wohnen, Leben und Arbeiten in der Natur, in unmittelbarer Nähe seiner Produktionsstätten, Ausschluss jeglicher Bodenspekulation - das war Schmidts Devise. Die sozial durchmischte, infrastrukturell komplett ausgestattete Siedlung sollte vor allem seinen Arbeitern und Angestellten eine neue Heimat bieten und sich eng an deren Bedürfnissen orientieren. Die Ausarbeitung lag seit 1906 in den bewährten Händen des Architekten Richard Riemerschmid, als Entwerfer der Maschinenmöbel Marke „Dresdner Hausgerät“ den Werkstätten schon lange verbunden. Und mit dem universal gebildeten, weltgewandten, hochbegabten und kulturell ambitionierten Energiebündel Wolf Dohrn, einem „Menschenfischer neuer Ideen“, stand dem liebevoll „Holz-Goethe“ genannten Karl Schmidt ein weiterer Mann zur Seite, der sich dem Projekt ebenfalls mit Leib und Seele verschrieb. Der promovierte Philosoph und Volkswirtschaftler, Schmidts rechte Hand in dessen Unternehmen, sollte schon bald als dritter Mann im Bunde auch die Gründung des Deutschen Werkbundes vorantreiben und neben Riemerschmid als Mitgesellschafter der gemeinnützigen „Gartenstadt-Gesellschaft Hellerau GmbH“ das Projekt entscheidend prägen, indem er ihm eine weitere Dimension hinzufügte: die eines alternativen Lebensentwurfes schlechthin. Überlegungen zu Bildung, Erziehung und kultureller Betätigung existierten bereits, kamen jedoch erst später zur Sprache.

Cynthia Schwab