1912 gaben die Festspiele zum Abschluss des Studienjahres Gelegenheit zur ersten szenischen Erprobung. Die Bildungs-Anstalt öffnete ihre Türen, um den Bewohnern der Gartenstadt und auswärtigen Interessenten Einblick in die Arbeit zu gewähren. Innerhalb dieser 14 Tage konnten die Festivalbesucher nicht nur öffentliche Vorführungen der rhythmischen Gymnastik, an denen auch Kinder und Jugendliche der Gartenstadt beteiligt waren, erleben, sondern auch den 2. Akt von Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“. Im Festspielhaus waren kunstgewerbliche Arbeiten der Hellerauer Werkstätten zu sehen, Sommerkurse für Rhythmik-Absolventen schlossen sich an. Die Festspiele 1913 brachten schließlich den großen internationalen Erfolg. Schon in den Jahren zuvor waren auf der Suche nach neuen Impulsen zahlreiche Besucher nach Hellerau gekommen, so z.B. die Architekten Le Corbusier (damals noch Charles Edouard Jeanneret), Walter Gropius und Mies van der Rohe; der Direktor des „Ballets Russes“ Serge Diaghilew und der Tänzer Waslaw Nijinski suchten choreographische Anregungen in Vorbereitung zu Strawinskys „Sacre du printemps“. Viele, unter ihnen der Verleger Jakob Hegner, kamen und blieben. In ihrem und im Gefolge der internationalen Schülerschaft entstand in der Gartenstadt eine Künstlerkolonie, aus der man, so wie die Dalcroze-Schülerin und Wegbereiterin des modernen Ausdruckstanzes, Mary Wigman, zu ganz neuen Ufern aufbrechen konnte. 1913 wurden die Festspiele zum Treffpunkt der kulturellen Elite Europas: Hier begegneten sich Upton Sinclair und G.B. Shaw, Stefan Zweig und Martin Buber, Franz Werfel und Rainer Maria Rilke, Lou-Andreas Salomé und Annette Kolb, es kamen u.a. Darius Milhaud und Serge Rachmaninoff, Konstantin Stanislawski, Max Reinhardt, Gerhart Hauptmann und Oskar Kokoschka, Henry van de Velde, Else Lasker-Schüler, Kurt Wolff, Ernst Rowohlt, Hugo Ball und Kurt Pinthus, die Pavlova und Rudolf von Laban. In diesem Jahr war eine Strichfassung der kompletten Oper „Orpheus und Eurydike“ einstudiert worden; Jaques-Dalcroze dirigierte die Königlich-Sächsische Hofkapelle, den Orpheus sang wie im Jahr zuvor die junge Altistin Emmi Leisner. Es waren aber nicht die musikalischen Leistungen, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinrissen. Es waren vor allem die von Jaques-Dalcroze einstudierten Bewegungschöre mit ihrer ausdrucksvollen Gebärdensprache, die im Zusammenspiel mit Appias Inszenierung und Bühnenraum sowie Salzmanns Lichtregie die Zuschauer unmittelbar berührten. Abstraktion und Stilisierung lenkten die Konzentration auf die plastische Ausdeutung von Glucks Musik, im Rückgriff auf die griechische Orchestrik des Tragödienchores gelangen eindrucksvolle Choreographien. Im Publikum saß auch Paul Claudel, dessen geistliches Legendenspiel „Verkündigung“ in der Übersetzung von Jakob Hegner am 5. Oktober zur Aufführung kam. Zwar musste er ohne die Stars Tilla Durieux und Alexander Moissi auskommen, aber seine Inszenierung, die ganz auf den Bühnenraum abgestimmt war, wurde ebenfalls ein großer Erfolg.

Cynthia Schwab