HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden

Der Rhythmiker Emile Jaques-Dalcroze und Adolphe Appia, der Bühnenreformer

Etwa zur gleichen Zeit führte in Genf das Unbehagen an der Musik-Kultur Adolphe Appia und Emile Jaques-Dalcroze zusammen. Theoretische und praktische Studien über die Bedeutung der Bewegung zu Verständnis und Steigerung des musikalischen Ausdrucks hatten beide Musiker beschäftigt, bevor Appia im Frühjahr 1906 bei einer Schüler-Vorführung Jaques-Dalcrozes Methode der musikalisch-rhythmischen Erziehung kennen lernte. Was er sah, war etwas vollkommen Neues: die Umsetzung von Musik in Körpersprache, eine faszinierende Einheit von musikalischem und körperlich-seelischem Gestus, von Zeit und Raum durch Musik. Übungen und eigene musikalische Kompositionen hatte Jaques-Dalcroze aus dem Solfège - der Gehör und Stimmbildung - entwickelt, damit seine Schüler mit Hilfe der Körperbewegung „Arhythmien“ überwinden lernten. Doch seine „musikalische Erziehung, in der der Körper selbst eine Mittlerrolle zwischen Klang und Gedanke spielt und zum unmittelbaren Ausdrucksmittel unserer Gefühle wird“ zielte letztlich über die Entfaltung des unbewussten, kreativen Potentials auf die körperliche und emotionale Befreiung des Menschen aus den gesellschaftlichen Tabus seiner Zeit. Jaques-Dalcrozes Methode wird schließlich dem modernen Ausdruckstanz entscheidende Impulse geben, Appias Raumkonzeption die Revolution einer ganz neuen Bühnenästhetik einleiten. Appia, der einige Jahre an den Kursen im Genfer Konservatorium teilnahm, sah sich in seinen eigenen Überzeugungen musikalisch-szenischer Ausdrucksmöglichkeiten bestätigt: „Der lebendige und bewegliche Körper des Schauspielers ist der Repräsentant der Bewegung im Raum (...) ohne Bewegung können die anderen Künste an der Handlung nicht teilhaben.“ Appia hatte sich dem Thema von Raum und Bewegung in Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Aufführungspraxis und Bühnenästhetik genähert. In seinen Bühnenbildskizzen zu Richard Wagners Musikdramen entwickelte er – ausgehend von Wagners Überlegungen, doch entgegen dessen Bühnenanweisungen – die stilisierte, begehbare dreidimensionale Raumbühne mit moderner Lichtregie: eine Absage an die zweidimensionale Kulissenbühne, starre Raumstrukturen, überladene Prospekte und Naturalismen, die Tiefenwirkung und Stimmungen nur vorzutäuschen vermochten. Unter dem Einfluss von Jaques-Dalcroze entstanden 1909/1910 seine berühmten „Espaces rhythmiques“: kongeniale Raumstrukturen von abstrakter, intensiver Klarheit und strenger Geometrie: Vertikale, Horizontale, Stufen und Schrägen bilden hier die einzigen Gliederungselemente, atmosphärisch gesteigert durch Licht- und Schatteneffekte sogenannter Licht-“Vibrationen“.

Cynthia Schwab

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