Wer das Festspielgelände in Hellerau betritt, und sei es zum ersten Mal, gerät unwillkürlich in den Sog dieser großartigen Anlage, deren spannungsreiche Mischung aus Verfall, Überformung und ungebrochener Repräsentanz den Atem der Geschichte spüren lässt. Ein ungewöhnlicher, versteckt gelegener Ort, scheinbar ohne Anbindung, in dessen einsamer Monumentalität jene kulturellen Visionen aufscheinen, die hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre bauliche und praktische Umsetzung erfuhren. Das Festspielhaus und seine vorgelagerten Pensionshäuser, die nicht mehr komplett in ihrer ursprünglichen Formation erhalten sind, haben am Vorabend des Ersten Weltkrieges wie ein Magnet Menschen aus ganz Europa angezogen, sie als Künstler, Lehrer oder Schüler beherbergt und ihnen Raum und Gelegenheit zum Experiment gegeben. Dies geschah jedoch keineswegs in klösterlicher Abgeschiedenheit. Die damals weithin bekannte Erprobungsstätte einer künstlerischen und intellektuellen Avantgarde sowie sozialer Reformversuche ist untrennbar verbunden mit der Entstehung der ersten Gartenstadt Deutschlands, der Gartenstadt Hellerau, in deren Folge Architektur, Kunsthandwerk und Kunstgewerbe, Rhythmik, Musik und Bühnenästhetik zu einer höchst eigenwilligen Symbiose fanden.
Cyntia Schwab
